Themenüberblick

„Ich hörte Schreie“

Das US-Militärverfahren zu einem der schwersten Kriegsverbrechen im Afghanistan-Konflikt steht kurz vor dem Abschluss: Feldwebel Robert Bales, der im März 2012 in der südafghanischen Provinz Kandahar 16 Zivilisten erschossen hatte, dürfte noch in dieser Woche seine Strafe erfahren.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Auf dem Stützpunkt Lewis-McChord im Bundesstaat Washington stand er am Dienstag erstmals Überlebenden des Massakers gegenüber. „Ich glaubte, ich würde träumen, aber als ich aufwachte, hörte ich Schreie“, sagte der zwölfjährige Sadiquallah, der bei der Anhörung zur Festlegung des Strafmaßes in den Zeugenstand trat. Der Bub hatte Schussverletzungen am Ohr und im Nacken erlitten, als Bales in das Haus seiner Familie eindrang.

Bales droht lebenslange Haft

Sadiquallahs Vater Mohammed Haji Naeem brach in Tränen aus, als er die Attacke schilderte. Der 60-Jährige erzählte, wie Bales über eine Mauer auf sein Grundstück kletterte und das Feuer eröffnete. „Dieser Bastard stand genau vor mir. Ich wollte ihn fragen, was ich getan habe, warum er auf mich schieße“, sagte er. Insgesamt ließ die Staatsanwaltschaft neun Angehörige der Opfer sowie Überlebende aus Afghanistan einfliegen, um in der letzten Phase des Militärprozesses auszusagen.

Bales hatte sich Anfang Juni schuldig bekannt. Mit dem Geständnis entging er der Todesstrafe, ihm droht aber lebenslange Haft. Ob Bales jemals eine Chance auf Bewährung bekommen wird, muss nun eine Gruppe aus Offizieren und Soldaten entscheiden. Die Geschworenen waren vor der Anhörung am Dienstag ausgewählt worden.

Zwei Massaker in einer Nacht

Dem 40-jährigen Bales wird zur Last gelegt, in der Nacht des 11. März 2012 zweimal von einem US-Außenposten im Bezirk Panjwai zu Massakern in umliegende Dörfer aufgebrochen zu sein. Unter den insgesamt 22 Toten und Verletzten waren zahlreiche Frauen und Kinder. Mehrere der Leichen soll Bales angezündet haben. Zwischen den beiden tödlichen Touren soll er im Lager einem anderen Soldaten von der Tat erzählt haben.

Die Verteidigung hatte zunächst argumentiert, dass sich der zweifache Familienvater an nichts erinnern könne. Bales sei bei einem früheren Einsatz im Irak am Kopf verletzt worden und leide unter einem posttraumatischen Belastungssyndrom. Bei seinem Schuldeingeständnis Anfang Juni räumte der Soldat dann ein, „schreckliche Dinge“ getan zu haben, für die es keine Erklärung gebe. Allerdings gab er keine förmliche Entschuldigung ab.

Über Tat gelacht

Die Staatsanwaltschaft wirft Bales fehlende Reue vor. Sie legte den Mitschnitt eines Telefonats zwischen dem Soldaten und seiner Frau vor, in dem beide über die Vorwürfe lachen. Die Ankläger verlangen daher, dass Bales keine Chance auf Bewährung bekommt. Die Hinterbliebenen der Opfer dürfte das Urteil ohnehin kaum zufriedenstellen: Sie hatten ein Gerichtsverfahren in Afghanistan und die Todesstrafe gefordert.

Link: