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Hartnäckige Spekulationen

Als in Augsburg Ende des 19. Jahrhunderts Rudolf Diesels „neue rationelle Wärmekraftmaschine“ zum Laufen gebracht worden ist, ist das einer technischen Revolution gleichgekommen. Der Erfinder und Namensgeber des Dieselmotors ging in die Geschichte ein. Das Leben des begnadeten Ingenieurs glich aber einer Achterbahnfahrt und endete vor hundert Jahren unter rätselhaften Umständen.

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Als bestätigt gilt lediglich, dass Diesel sich am 29. September 1913 an Bord des Postdampfers „SS Dresden“ von Antwerpen aus in Richtung England aufmachte und an diesem Tag zum letzten Mal lebend gesehen wurde. Zehn Tage später wurde eine im Meer treibende Leiche entdeckt, die aufgrund heftigen Seegangs aber nicht geborgen wurde. Aus der Kleidung des Toten entnommene Gegenstände, darunter eine Tablettendose, ein Taschenmesser und ein Portemonnaie, wurden von Eugen Diesel aber eindeutig als von seinem vermissten Vater stammende Utensilien identifiziert und dieser schließlich für tot erklärt.

Als offizielle Todesursache des damals erst 55-Jährigen gilt Suizid, als möglicher Hintergrund Diesels rasanter finanzieller Absturz. Auch Sohn Eugen ging in einer Biografie über seinen Vater von einem Selbstmord aus. Doch daran gab es von Beginn an offene Zweifel. Erinnert wird nicht nur an das Fehlen eines Abschiedsbriefes, sondern auch an das Ziel von Diesels Reise: Mit einem Treffen mit der Consolidated Diesel Manufacturing Ltd in London und der Einweihung einer Motorenfabrik in Ipswich standen gleich zwei für Diesel als lukrativ eingestufe Geschäftstermine auf dem Programm. Die Zeichen standen demnach auf Aufbruchsstimmung, worauf auch Diesels letzter, an seine Frau gerichtete Brief hindeuten soll.

Von Ölindustrie eingefädelter Mord?

Im Raum stehen somit auch andere Todesursachen, und diese reichen von einem Unglücksfall über gesundheitliche Probleme bis hin zu geopolitischen Verschwörungstheorien. Indizien und potenzielle Auftraggeber für ein Verbrechen gibt es den Spekulationen zufolge zur Genüge. Für einen Mordanschlag würden etwa laufende Patentstreitigkeiten mit feindlich gesinnten Konkurrenten und eine um ihre Profite fürchtende Ölindustrie sprechen. Diesels angehende Geschäftstätigkeit in England sei in Deutschland zudem auf wenig Gegenliebe gestoßen: Mit Blick auf das Wettrüsten der damaligen Großmächte habe das Deutsche Kaiserreich den als Trumpf betrachteten Dieselmotor nicht mit den Briten teilen wollen.

Rudolf Diesel neben einer seiner ersten Motoren

picturedesk.com/Science Photo Library

Diesel (rechts, Anm.) 1893 mit einem Versuchsmotor in der Maschinenfabrik Augsburg

„Triumph und Tragik“

Was hinter den Gerüchten steckt, wird sich wohl nicht mehr klären lassen, außer Frage steht unterdessen, dass Diesel - sei es als Erfinder, als Geschäftsmann, aber auch als Sozialreformer - immer wieder tiefgreifende Rückschläge einstecken musste. So konnte Diesel seine 1892 als „Arbeitsverfahren und Ausführungsart für Verbrennungskraftmaschinen“ patentierte Erfindung erst fünf Jahre später erstmals vernünftig zum Laufen bringen. Angesichts hartnäckiger Anfangsschwierigkeiten - Stichwort „Dieselkrise“ - vergingen auch nach der Markteinführung noch etliche Jahre, bis der zunächst als störanfällig und nicht ausgereift verschriene Dieselmotor seinen bis heute anhaltenden Siegeszug rund um den Globus antreten konnte.

Buchhinweise

Horst Köhler: Rudolf Diesel. Erfinderleben zwischen Triumph und Tragik. Context Verlag, 228 Seiten, 17,40 Euro.

Rudolf Diesel: Solidarismus. Natürliche wirtschaftliche Erlösung des Menschen. Maro Verlag, 220 Seiten, 18,50 Euro.

Während Diesel in der Maschinenfabrik Augsburg (einem Gründungsunternehmen des heutigen Fahrzeug- und Maschinenbaukonzern MAN, Anm.) und der
Krupp Gussstahlfabrik in Essen (heute ThyssenKrupp, Anm.) auf zwei geduldige und risikobereite Gönner setzen konnte, hinterließ der stockende Start mit einem Nervenzusammenbruch und der mehrmaligen Einweisung in eine Heilanstalt beim Erfinder selbst tiefgreifende Spuren. Geschäftlich gelang dem im Jahr 1900 auf der Pariser Weltausstellung mit dem „Grand Prix“ ausgezeichneten Dieselmotor dennoch der erhoffte Durchbruch und machte Diesel dank Lizenzverträgen zum Multimillionär.

Doch Diesels Erfinderleben bewegte sich weiter „zwischen Triumph und Tragik“, wie der Titel einer zu seinem 100. Todestag erschienenen Biografie lautet - und der sich als Autor versuchende Techniker Horst Köhler kommt darin auch zum Schluss, dass „Diesel schon seit Längerem einfach nicht mehr konnte und wollte“. Ein „allzu sorgloser Lebensstil, nachteilige Verträge, missglückte Firmenbeteiligungen und gewagte Spekulationen“ führten etwa dazu, dass Diesel wieder völlig verarmte. Dazu kommt, dass er nicht nur als Geschäftsmann scheiterte, auch seine heute kaum noch bekannte Rolle als Sozialreformer verlief ernüchternd.

„Solidarismus“ wichtiger als Dieselmotor

Obwohl 1903 in großer Auflage erschienen, fand Diesels vor wenigen Jahren anlässlich des 150. Geburtstages neu aufgelegte Sozialutopie „Solidarismus“ nur wenige hundert Abnehmer. Das mangelnde Interesse dürfte Diesel schwer getroffen haben - stufte dieser sein auf das Genossenschaftsprinzip setzendes Konzept doch als weit wichtiger ein als die Erfindung des Dieselmotors.

Peter Prantner, ORF.at

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