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„Sie fallen nur äußerlich mehr auf“

Durch einen verhältnismäßig kleinen Zwischenfall zwischen zwei Jugendlichen ist im September in Polen der Protest gegen die dort lebenden Roma erneut ausgebrochen. Die Staatsanwaltschaft prüft nun Facebook- Postings wegen möglicher strafrechtlicher Konsequenzen. Und auch in der Slowakei stehen Übergriffe an der Tagesordnung.

Ein 16-Jähriger drohte einem 13-Jährigen mit Schlägen, wenn dieser ihm nicht sein Fahrrad überließ. Der ältere Bub war ein Rom - der Angriff auf den jüngeren Buben in der südpolnischen Kleinstadt Andrychow hatte ungeahnte Konsequenzen: Innerhalb weniger Tage bildete sich Anfang September ein Protestkomitee, organisierte eine Unterschriftensammlung und mobilisierte im Internet gegen die etwa 140 in der 20.000-Einwohner-Stadt lebenden Roma.

Facebook sperrte die Seiten

Gefordert wurde, dass die Roma bis Jahresende aus der Stadt verschwinden. Die eigens dafür eingerichtete Facebook-Seite hatte innerhalb eines Tages rund 1.500 Fans, berichteten lokale polnische Medien. Inzwischen sperrte Facebook die Seite, ebenso wie eine Nachfolgeseite, wegen rassistischer Äußerungen. Die Staatsanwaltschaft prüft die Äußerungen wegen eventueller strafrechtlicher Konsequenzen.

Der Bürgermeister von Andrychow, Tomasz Zak, versucht die Wogen zu glätten, indem er mehr Polizeipatrouillen vor allem im Stadtzentrum forderte. Gleichzeitig betonte er: „In der Polizeistatistik sind die Roma nicht stärker vertreten als andere. Sie fallen nur äußerlich mehr auf.“

Der Präsident der Roma-Vereinigung Jamaro, Gerard Linder, sieht alle Roma durch die Internetaktion verunglimpft. „Da wurden Grenzen überschritten“, sagt er. In der Roma-Gemeinschaft von Andrychow wachse die Angst, den Worten in Sozialen Medien könnten womöglich Taten folgen.

„Anti-Roma-Mauern“ in der Slowakei

Während in Andrychow und anderen Orten in Polen die Roma-Bevölkerung häufig Misstrauen und Ablehnung erlebt, blockieren in der benachbarten Slowakei in mehreren Städten Mauern und Zäune den Zugang von Roma-Siedlungen in angrenzende Wohnviertel. Die Tageszeitung „Sme“ listete im Juli insgesamt 14 solcher „Anti-Roma-Mauern“ im ganzen Land auf. Als Argument für die Barrieren dient stets der „Schutz vor Kriminalität“.

Viele slowakische Roma sind Analphabeten, arbeitslos und auf Sozialhilfe angewiesen. Viele Kinder gehen trotz Schulpflicht nicht in die Schule - teils aus Angst vor Diskriminierung, teils aus Angst vor Assimilierung. Die Lebensverhältnisse in den Roma-Siedlungen vor allem in der Ostslowakei erinnern mehr an Slums in der Dritten Welt als an Dörfer in der EU.

Förderprogramme schwierig umzusetzen

Auch Initiativen, die Lebensumstände zu verbessern, verlaufen schwierig. Kaum ist ein geeigneter Platz gefunden, entstehen Bürgerinitiativen, die sich mit Petitionen gegen die neuen Nachbarn wehren. Die Regierungen in Warschau und Bratislava setzen prinzipiell auf Förderung von Integration. Seit 2001 gibt es ein polnisches Regierungsprogramm, das unter anderem auf Roma-Helfer setzt, um den Schulbesuch von Kindern der Minderheit zu steigern. Bildung gilt im Kampf gegen Armut und Vorurteile gegen die gut 20.000 polnischen Roma als wichtigstes Instrument. Doch auch die Behörden sehen noch einen langen Weg vor sich.

In der Slowakei steht gerade die Regierung des Sozialdemokraten Robert Fico unter Kritik, weil sie ihre vor mehr als einem Jahr angekündigte große Reformstrategie für die Probleme der Roma noch immer nicht fertig hat. Doch selbst in der eigenen Regierung gab es Widerstand gegen das Reformprogramm. Und Extremisten wie Marian Kotleba nutzten die weitverbreitete Kriminalität zur Roma-Hetze.

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