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Tagelang in Hotel „eingesperrt“

Seit einigen Jahren kämpft die mexikanische Polizei gegen eine völlig neue Form der Kriminalität: Entführungen, die nur in der Vorstellung der entsetzten Angehörigen existieren. Die „Entführer“ machen sie mit Anrufen glauben, sie hätten Ehemann oder -frau oder die Kinder in ihrer Gewalt. Gefordert werden meist kleine Geldbeträge. Das „Opfer“ selbst merkt von seiner Entführung nichts.

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Der Anruf beginnt meist mit Schreien im Hintergrund. Dann meldet sich die Stimme des „Entführers“ mit den Worten: „Nicht auflegen, oder wir töten Ihren Mann.“ Hektisch werden Forderungen nach Geld heruntergerattert, das entweder an einer Straßenecke zu hinterlegen oder unverzüglich an eine lokale Bank zu überweisen sei. Wenn die Ehefrau dann panisch die Handynummer ihres Mannes wählt, hebt erneut der „Entführer“ ab. Spätestens dann ist sie überzeugt, dass ihr Mann in großer Gefahr ist.

Mit gestohlenem Handy Familie bedroht

Doch das „Entführungsopfer“ weiß nichts von seinem Schicksal, es vermisst meist nur sein Handy. Erst wenn es sich einige Stunden später zu Hause meldet, klärt sich das Ganze auf: Die Frau wurde Opfer einer „virtuellen Entführung“. Die Täter rufen dabei von gestohlenen Handys Familienangehöre an und geben vor, den Handybesitzer in ihrer Gewalt zu haben. Es handelt sich um eine Form von Verbrechen, die sich von Brasilien ausgehend in den letzten Jahren in Mexiko stark verbreitet hat.

Viele Fälle werden nie geklärt

2008 verzeichnete eine Helpline in nur drei Monaten über 30.000 Beschwerden über tatsächliche oder versuchte „virtuelle Entführungen“. Die Regierung sprach 2011 von 24.000 Fällen in den vergangenen fünf Jahren, doch NGOs gehen von einer bis zu zwölfmal höheren Zahl aus. Die Täter werden nur selten ausgeforscht. „Für die Täter besteht nur ein geringer zeitlicher oder planerischer Aufwand“, erklärte Christopher Voss, Chef einer US-amerikanischen Sicherheitsfirma, in einem Artikel des Magazins „Security Management“.

Mexikanische Ermittler bei Untersuchungen jenes Hotels, in dem die spanische Musikgruppe "Delorean" vermeintlich festgehalten wurde

APA/EPA/EFE/Alex Cruz

In diesem Hotel glaubten Delorean Opfer einer Entführung zu sein

Während bei echten Entführungen sowohl ein Ort als auch die Versorgung sichergestellt werden muss, braucht man bei „virtuellen Entführungen“ nur eine Telefonleitung, ein paar persönliche Informationen - und ein gutes Maß an Überzeugungskraft.

Band tagelang „entführt“

Die besaßen wohl auch die „Entführer“ der mexikanischen Indie-Band Delorean. Die Musiker seien am Dienstag von Polizeibeamten „befreit“ worden, teilte der Sprecher des Sicherheitskabinetts, Eduardo Sanchez, mit. Die jungen Männer hatten am Wochenende in Mexiko-Stadt einen anonymen Anruf erhalten und waren in ein Hotel gelotst und dort festgehalten worden.

Offenbar ließen die Entführer sie glauben, sie würden überwacht, wie es in einer Mitteilung der Polizei hieß. Die Familien der Bandmitglieder wurden angerufen und um insgesamt fünf Millionen Pesos (280.000 Euro) erpresst. Ein direkter Kontakt zwischen Entführern und Opfern habe nach ersten Erkenntnissen nicht bestanden, sagte Sanchez.

Lukratives Geschäft auch hinter Gefängnismauern

Laut den Behörden haben sich mittlerweile Hunderte verschiedene Banden auf Telefonbetrug spezialisiert. Und sie werden immer kreativer. Mitunter müssen sie nicht einmal mehr das Handy stehlen, sie sagen dem Besitzer einfach, er müsse das Telefon wegen „Servicearbeiten“ für eine Stunde abstellen. Dann rufen sie die Angehörigen an und erklären ihnen, der Handybesitzer sei entführt worden. Die besorgte Familie kann ihn dann nicht mehr erreichen. Manche Drohungen kommen auch einfach nur per SMS.

Informationen über ihre Opfer gewinnen die Täter über Google oder über Facebook. Dort finden sich Hinweise auf die Anzahl der Kinder, die Wohngegend und welches Auto das Opfer fährt. Laut einem Bericht der Sicherheitsfirma Steele würden Kriminelle einen regelrechten Wettbewerb darin führen, wer mehr über seine Opfer herausfinden könne. So würden sie in Einkaufszentren fiktive Gewinnspiele inszenieren und Kinder wie auch Erwachsene überreden, Teilnahmescheine auszufüllen.

Werden tatsächlich einmal Täter geschnappt, dann hält sie auch das Gefängnis nicht von der Fortsetzung ihrer kriminellen Tätigkeit ab. Journalisten haben vor einigen Jahren aufgedeckt, dass hinter den Gefängnismauern ein reger Handel mit Handys blüht. Die Polizei hat daher den Druck auf die Telefongesellschaften erhöht, die Anruferdaten besser zu speichern und so Hinweise auf die Erpresser zu liefern.

„Schatz“ aus dem Handy löschen

In Mexiko haben sich mittlerweile viele Sicherheitsfirmen genau auf dieses Phänomen spezialisiert. In Vorträgen werden zum Beispiel Mitarbeiter von größeren mexikanischen und auch texanischen Firmen dazu angehalten, alle Telefoneinträge, die Rückschlüsse auf Familienmitglieder zulassen wie „Mama“, „Schatz“, „Daheim“, zu codieren. Auch sollte die Anrufliste täglich gelöscht werden.

Wer sich in Mexiko aufhält, sollte auch seine Geldbörse von allen persönlichen Dingen wie Fotos und Erinnerungsstücken leeren, rät Jaime Garcia, Sicherheitsberater der Autozulieferers Delphi, im Magazin „Security Management“, und mit der Familie und dem Arbeitgeber Codewörter vereinbaren. „Wenn die Familie das Codewort nicht hört, sollte sie sofort auflegen“, so Garcia. Denn wenn die Entführer das Passwort nicht wissen, könne es nur zwei Gründe geben: „Sie haben mich nicht, oder ich bin schon tot. In beiden Fällen hat es keinen Sinn, Geld zu schicken.“

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