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Orientierung an vorhandenen Ressourcen

Menschen, die nicht in Österreich geboren wurden, sind auf dem heimischen Arbeitsmarkt häufig mit einem Problem konfrontiert: Qualifikationen, die sie im Ausland erworben haben, werden in Österreich oft nicht anerkannt. Das betrifft etwa ausländische Schul- und Studienabschlüsse, aber auch „informelle“ Qualifikationen wie Mehrsprachigkeit und interkulturelle Kompetenzen.

Viele Migrantinnen und Migranten arbeiten daher in Jobs, die einen niedrigeren Bildungsabschluss erfordern als den von ihnen erworbenen - und werden dementsprechend auch unter ihrem Qualifikationslevel entlohnt. Überdurchschnittlich oft sind von diesem Phänomen - im Fachjargon „Dequalifizierung“ genannt - Frauen betroffen.

Wie eine Studie im Rahmen des Forschungsprojekts MIQUAM (Migrantinnen - Qualifizierung - Arbeitsmarkt) zeigt, trifft eine berufliche „Herabstufung“ Frauen mit 15 Prozent häufiger als Männer mit nur elf Prozent. Warum das so ist und was die Politik gegen das Phänomen der Dequalifizierung tun kann, damit setzt sich neben der MIQUAM-Studie auch eine Konferenz unter dem Titel „Migrantin Macht Karriere“ am Mittwoch in Graz auseinander. Für die Studie wurden einerseits Interviews mit Betroffenen geführt - also Migrantinnen mit einem höheren Bildungsabschluss (mindestens Matura) -, andererseits mit Unternehmen in der Steiermark und Arbeitsmarktexperten.

Mitgebrachte Qualifikationen oft „unsichtbar“

Wie gut - oder eben schlecht - Migrantinnen in den Arbeitsmarkt integriert werden können, wird laut dem 50-seitigen Papier von sehr verschiedenen Faktoren beeinflusst: Ein zentraler Punkt ist demnach, dass die Verfahren zur Anerkennung im Ausland erworbener Qualifikationen in Österreich „komplex“ und „undurchsichtig“ seien. Eine Vereinfachung der Anerkennung und Richtlinien zur Einordnung mitgebrachter Qualifikationen werden laut der Studie sowohl von den betroffenen Frauen, als auch von den befragten Unternehmen gewünscht.

Vorhandene Qualifikationen von Migrantinnen blieben auf dem Arbeitsmarkt zudem oft „unsichtbar“, heißt es in der Studie. So brächten etwa viele Frauen aus ihren Herkunftsländern Know-how in technischen Bereichen mit, das am Arbeitsmarkt eigentlich sehr gefragt sei. Allerdings könne nur ein kleiner Teil davon diese Fähigkeiten auch tatsächlich im Beruf einsetzen - nicht zuletzt, weil bei vielen Migrantinnen mit technischer Ausbildung nach der Einwanderung nach Österreich eine Umorientierung in traditionell „weiblich“ konnotierte Berufsfelder stattfinde. Auch von Diskriminierungen - etwa aufgrund eines vorhandenen Akzents oder des Tragens von Kopftüchern - berichten viele der Interviewten.

„Traditionalisierung von Geschlechterrollen“

Zahlreiche befragte Frauen geben auch an, in Österreich eine Tendenz zur „Traditionalisierung von Geschlechterrollen“ zu erleben. Migrantinnen, deren Lebensplanung vom Selbstverständnis geprägt war, am öffentlichen Leben wie am Arbeitsmarkt teilzuhaben, würden verstärkt in den privaten Bereich zurückgedrängt - oder zögen sich aufgrund der schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt selbst ins häusliche Leben zurück. Dieser Effekt wird laut der Studie noch durch fehlende Kinderbetreuungsplätze verstärkt.

Der Rückzug vom Arbeitsmarkt schneidet betroffene Frauen wiederum vom Zugang zu beruflich relevanten Informationen ab, was - kombiniert mit längeren Erwerbsunterbrechungen - auch den Wiedereinstieg ins Berufsleben erschwert. Auch ein Wertverlust bei mitgebrachten Qualifikationen könne eine Folge sein. Einige der arbeitenden Frauen gaben in den Interviews auch an, dass ihnen im Berufsleben Gelegenheiten fehlten, erlernte Grundkenntnisse der deutschen Sprache in der Praxis anzuwenden.

Orientierung an Ressourcen statt Defiziten

Anhand der Ergebnisse der Befragung von Experten, Unternehmern und betroffenen Frauen haben die Studienautorinnen auch konkrete Empfehlungen für die Politik ausgearbeitet. Um dem Phänomen der „Dequalifizierung“ entgegenzuwirken, sei insbesondere eine leichtere Anerkennung mitgebrachter Qualifikationen wichtig. Konkret empfiehlt die Studie die Einrichtung einer zentralen Informationsstelle und die Vereinfachung einschlägiger gesetzlicher Regelungen.

Auch der Faktor Bewusstseinsbildung ist laut den Studienautoren wichtig, um die „Migrantin als qualifizierte Arbeitskraft“ in der Gesellschaft sichtbar zu machen. Empfohlen werden Aktionen zur Bewusstseinsänderung, um „von einer Defizit- hin zu einer Ressourcenorientierung“ zu kommen. So könne dazu beigetragen werden, dass Zusatzqualifikationen wie Mehrsprachigkeit und interkulturelle Kompetenzen als Ressourcen wertgeschätzt werden.

„Empowerment“-Kampagnen gefordert

Bewusstseinsbildung sei aber nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch bei Migrantinnen und Migranten selbst ein wesentlicher Faktor. Daher könnten an Migrantinnen adressierte „Empowerment“-Kampagnen dazu beitragen, deren Selbstbewusstsein zu stärken und die eigenen Fähigkeiten bewusst zu machen. Das kann wiederum positive Auswirkungen nicht nur für die Migrantinnen selbst, sondern auch für den österreichischen Arbeitsmarkt nach sich ziehen.

Bei Qualifizierungsmaßnahmen - etwa durch das AMS - lautet die Empfehlung der Studie, sich an den Qualifikationen zu orientieren, die bereits vorhanden sind. Derzeit gehe etwa viel technisches Know-how verloren, weil Frauen mit einschlägigen Ausbildungen mit Fortbildungen in völlig anderen Segmenten belegt würden. Weitere Empfehlungen der Studienautorinnen umfassen etwa den Ausbau der Angebote zur Kinderbetreuung und Deutschkurse, die sich stärker an der beruflichen Qualifikation der jeweiligen Migrantinnen orientieren.

Martin Tschiderer, ORF.at

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