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„Jahrhundertkometen“ droht frühes Ende

Seit mehr als einem Jahr versetzt Komet C/2012 S1 (ISON) Astronomen auf der ganzen Welt in Aufregung. Von russischen Amateurastronomen am 21. September 2012 entdeckt, wurde bald über einen möglichen „Jahrhundertkometen“ spekuliert. Seit wenigen Tagen ist ISON mit freiem Auge zu sehen - doch die Helligkeit könnte seinen nahen „Tod“ ankündigen.

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Der Komet ISON hat auf seiner Reise durch das Sonnensystem eine interessante Entwicklung durchlaufen. Früher als von Experten erwartet erschien der Schweifstern hell am Himmel. Seit wenigen Tagen kann er bei klarem Himmel eine Stunde vor Sonnenaufgang in Europa im Osten mit freiem Auge ausgemacht werden.

Komet C/2012 S1 (ISON)

Reuters/Aaron Kingery/NASA/MSFC

Seit 14. November ist der Komet auch für Amateure gut zu sehen

Vier Mrd. Jahre altes Material verglüht

Nun lieferte das deutsche Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung (MPS) eine Erklärung für den Helligkeitsausbruch. ISON dürfte eines oder mehrere größere Stücke seines Kerns verloren haben. Auswertungen von Teleskopaufnahmen hätten zwei auffällige Strukturen gezeigt, die vom Kern ausgehen. „Solche Strukturen treten typischerweise auf, nachdem sich einzelne Bruchstücke vom Kern eines Kometen abgelöst haben“, sagt Hermann Böhnhardt vom MPS.

Teleskop als Namensgeber

Der Name ISON stammt vom 40-cm-Teleskop des International Scientific Optical Network (ISON), mit dem der Komet 2012 zum ersten Mal gesichtet wurde.

Ebenso wie der Kern des Kometen geben auch seine Bruchstücke Gas und Staub in die Atmosphäre des Kometen ab. Dadurch sei sehr viel Material an die Oberfläche gelangt, das nach vier Milliarden Jahren erstmals dem Sonnenlicht ausgesetzt ist, so Böhnhardt. Ob damit auch der Helligkeitsanstieg der vergangenen Tage zu erklären ist, lässt sich laut Böhnhardt „nicht mit Sicherheit sagen“. Bei anderen Kometen sei ein solcher Zusammenhang jedoch nachgewiesen worden.

Nach Angaben von Böhnhardt hat ISON einen Durchmesser von mehreren Kilometern. Die Abspaltungen seien vermutlich jeweils so groß wie ein mehrstöckiges Gebäude. Sie bewegten sich jetzt wie kleine Begleiter des Kometen, die sich aber allmählich vom Kern entfernen.

Gefährlich nahe an der Sonne

ISON rast auf einer stark zur Erdbahn geneigten, hyperbolischen Bahn derzeit auf die Sonne zu und wird am 28. November mit einer Distanz von nur 1,9 Millionen Kilometern extrem nahe an der Sonne vorbeifliegen. Dabei wandert er auch durch die bekannten Sternbilder Löwe, Jungfrau und Waage, wie das Wiener Planetarium auf seiner Homepage erklärt. Vor den nördlichen Ausläufern des Skorpions kommt es zur Begegnung mit der Sonne, und der Komet schwenkt auf einen nördlichen Kurs.

Die große Annäherung zur Sonne birgt für den aus einer Mischung von Eis und Staub bestehenden, rund fünf Kilometer großen Kometen jedoch große Risiken. Durch die Anziehung der Sonne könnten sich weitere Brocken lösen und der Komet ganz zerfallen. Wie sich die Weiterreise entwickeln wird, ist für die Experten aus derzeitiger Sicht noch unklar. „Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen jedoch, dass Kometen, die einmal Bruchstücke verloren haben, dazu tendieren, das wieder zu tun“, zitiert das Onlinemagazin Scinexx Kometenforscher Böhnhardt.

Nur kurzes Gastspiel

Sollte der Komet die Sonne jedoch halbwegs heil passieren, wird ab etwa 1. Dezember wieder der Schweif zu sehen sein und in den Tagen bis Weihnachten auch der ganze Komet. Da sich der Komet rasch von der Sonne entfernt, nimmt dann auch seine Helligkeit von Tag zu Tag ab. Im Vergleich zum Kometen Hale-Bopp, der von 1996 an über ein Jahr lang mit freiem Auge zu sehen war, wird ISON jedoch eher eine vergleichsweise kurze Erscheinung bleiben.

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