Themenüberblick

Abschotten und Fernhalten

Freier Handel, Reisefreiheit, weltweite Kommunikation im Internet: Auf den ersten Blick könnte man glauben, noch nie sei die individuelle Freiheit des Menschen größer gewesen - vor allem aus europäischer Perspektive: Schon vor über 20 Jahren fiel der Eiserne Vorhang, die omnipräsente Trennung des Kontinents. Weltweit sieht es freilich anders aus.

Mehr und mehr physische Barrieren werden errichtet, um Menschen zu trennen, abzuschotten und Fremdes fernzuhalten - zuletzt auch mitten in Europa angesichts der Flüchtlingsproblematik. Der britische „Guardian“ hat in einem Onlinefeature zehn Projekte unter die Lupe genommen. Mauern würden ihre Wirkkraft vor allem als Symbol entfalten, meint Wendy Pullan von der Universität Cambridge zu der Zeitung: Sie verkörpern die Idee von Trennung perfekt. Zumeist würden Mauern Sicherheit suggerieren, garantieren könnten sie das freilich viel weniger.

Grenzregion als Kriegszone

Zwischen 2006 und 2010 errichteten die USA einen mehr als 1.000 Kilometer langen Sperrzaun zu Mexiko, der teils mit Kameras, Flutlicht und Bewegungsmeldern ausgestattet ist. Derzeit sind die Länder schon auf 1.000 Kilometer Länge - das ist etwa ein Drittel der Gesamtlänge - durch Zäune und Mauern getrennt. Im Juni 2013 stimmte der US-Senat für ein neues Einwanderungsgesetz, das einerseits Immigranten den Erwerb der US-Staatsbürgerschaft erleichtert, aber andererseits auch beinhaltet, die Grenze weiter zu befestigen.

Grenzmauer zwischen Mexiko und den USA in Tijuana

Reuters/Eric Thayer

Regierungsangaben zufolge fängt der US-Grenzschutz nur 61 Prozent aller Menschen ab, die illegal in die USA einreisen wollen

Zunächst sprach man von einer Anti-Terror-Maßnahme, mittlerweile geht es nur noch darum, illegalen Einwanderern und Drogenschmugglern Einhalt zu gebieten. Die Grenzregion gleiche einer Kriegszone, schrieb die „Le Monde Diplomatique“. Und während die Befürworter sogar die Berliner Mauer als Vorbild nennen, meinen Kritiker, dass der riesige Überwachungsapparat gar nichts bringe.

Leicht zu umgehen?

„Zeige mir eine 50 Fuß hohe Mauer, und ich zeige dir eine 51 Fuß lange Leiter“, meinte Janet Napolitano, als sie noch Gouverneurin von Arizona war. Als spätere Heimatschutzministerin brach sie zwar das noch von Präsident George W. Bush initiierte Projekt eines Hightech-Zauns über die gesamte Grenze ab, verstärkt wurde die Barriere aber weiter. Hunderte Menschen sterben jedes Jahr beim Versuch, in die USA einzureisen, abschrecken lassen sich die Hunderttausenden, die es jährlich versuchen, aber nicht. Und mexikanische Drogenkartelle schaffen es mit Tunnels und einfachsten Methoden wie Katapulten, ihre Schmuggelrouten aufrechtzuerhalten.

Festung Europa

Doch nicht nur die USA, auch die „Festung Europa“ hat in den vergangenen Jahren massiv aufgerüstet. Während die Schengen-Außengrenzen im Osten des Kontinents mit Wärmebildkameras und Patrouillen bewacht werden, sind es vor allem die beiden spanischen Enklaven Ceuta und Melilla in Marokko, die zum Symbol geworden sind. Über sechs Meter hohe Zäune trennen das „reiche“ Europa vom „armen“ Afrika. Immer wieder versuchen Flüchtlinge, die Zäune zu überwinden - und immer wieder bezahlen viele das mit dem Leben. Erst vor wenigen Tagen machten rund 1.000 Flüchtlinge den Versuch, die Absperrungen zu Melilla zu überwinden.

Spanische Soldaten zwischen Zäunen in Ceuta

Reuters/Anton Meres

Der zweireihige Grenzzaun wird von spanischen Soldaten scharf überwacht

Griechischer Grenzzaun 2012 fertiggestellt

Im vergangenen Jahr fertiggestellt wurde die etwa zehn Kilometer lange stacheldrahtbewehrte Sperranlage, die Griechenland an seiner Grenze zur Türkei errichtete. International wurde das Projekt scharf kritisiert, auch von der EU. Griechenland wies den Rüffel aus Brüssel scharf zurück. Es sei Zeit, dass die „Heuchelei und die Doppelzüngigkeit“ der für die Bekämpfung der illegalen Migration Zuständigen in Brüssel aufhöre: Man drohe Griechenland mit Strafen, weil es die äußeren Grenzen Europas nicht ausreichend schütze. „Und wenn Maßnahmen getroffen werden, dann distanzieren sie sich und beschimpfen uns.“

Grenzzaun zwischen Griechenland und der Türkei nahe Orestiada

Reuters/Vassilis Ververidis/Motion Team

Kritik an dem Grenzzaun kam auch von der Türkei

Die israelischen Mauern

Es ist wohl der weltweit umstrittenste Mauerbau zurzeit: Im Jahr 2002 begann Israel mit dem Bau einer Sperranlage, um sich von den Palästinensergebieten im Westjordanland abzugrenzen - zum Schutz vor Anschlägen, lautet die offizielle Erklärung. Die Palästinenser werfen Israel dagegen vor, mit der Anlage einen Teil ihrer Gebiete faktisch zu annektieren und die Ansiedlung jüdischer Familien im Westjordanland voranzutreiben. Die Anlage aus Betonstelen und Wachtürmen soll sich eines Tages rund 730 Kilometer lang durch das Heilige Land ziehen. Bisher sind rund 450 Kilometer gebaut.

Israelische Betonmauer in Bethlehem

Reuters/Ammar Awad

Die Mauer war die israelische Antwort auf Selbstmordanschläge der zweiten Intifada

Der Internationale Gerichtshof in Den Haag erklärte den Zaun im Juli 2004 für illegal und verlangte den Abriss, ebenso wie später die UNO-Vollversammlung. Israel weist die Forderungen zurück - und begann im Vorjahr auch mit dem Bau einer mehr als einen Kilometer langen Mauer an seiner Grenze zum Libanon. Schon vorher hatte Israel damit angefangen, eine Mauer an der Grenze zu Ägypten zu errichten. Ägypten seinerseits riegelte mit einem Wall die Grenze zum Gaza-Streifen ab, der allerdings von Schmugglertunnels umgangen wird.

Vergessener Konflikt in der Westsahara

Es ist ein vergessener Konflikt Afrikas, bei dem ebenfalls ein Wall die Konfliktparteien trennen. Schon seit den 70er Jahren kämpft die Polisario (Frente Popular para la Liberacion de Saguia el Hamra y Rio de Oro), die Befreiungsbewegung der ansässigen Saharaouis, in der Westsahara für ihre Rechte.

Als Spanien 1975 den Landstreifen gegenüber den Kanarischen Inseln an Marokko und Mauretanien abgab, rief Polisario die Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS) aus, die weltweit von mehr als 80 Staaten anerkannt ist. Mauretanien einigte sich mit der DARS und zog sich zurück. Doch Marokko besetzte den Küstenstreifen und begann Anfang der 80er Jahre gegen den verlustreichen Guerillakrieg einen kilometerlangen Schutzwall zu errichten.

Verlassene Truppentransporter stehen an der Grenze zu Algerien in Westsahara

AP/Francois Mori

Der Marokkanische Wall besteht aus Sand und Geröll, ist aber auch vermint

Der rund 2.700 Kilometer lange Wall und eine fünf Kilometer breite entmilitarisierte Pufferzone hielten nach einem Waffenstillstandsabkommen 1991 die Kontrahenten auf Distanz, so dass es seitdem zu keinem Aufflammen der Kämpfe mehr gekommen ist.

Proteste gegen Mauerbau in der Türkei

Für heftige Kritik sorgt auch ein Mauerbau zwischen Syrien und der Türkei. Die Errichtung der Mauer in der mehrheitlich von Kurden bewohnten Provinz hat zu Demonstrationen geführt, die türkische Polizei setzt immer wieder Tränengas und Wasserwerfer ein. Die Bürgermeisterin des türkischen Ortes Nusaybin, der an die syrische Stadt Kamishli grenzt, ging sogar in den Hungerstreik. Die Regierung in Ankara bestritt, eine vollwertige Mauer zu errichten. Stattdessen werde eine bereits bestehende Begrenzung mit Stacheldraht befestigt. Die Türkei reagiert damit nach eigenen Angaben auf heftige Gefechte in Kamishli zwischen kurdischen Kämpfern und Dschihadisten.

Die wohl am stärksten gesicherte Grenze der Welt befindet sich zwischen Nord- und Südkorea. Auf der einen Seite stehen 655.000 südkoreanische und 28.000 US-Soldaten, auf der anderen 1,2 Millionen Soldaten des autoritären Machthabers Kim Jong Un. Sie besteht seit dem Waffenstillstandsabkommen am 27. Juli 1953, das den Koreakrieg beendete.

Südkoreanische Soldaten nahe der Grenze zu Nordkorea

AP/Ahn Young-joon

Vier von Nordkorea gegrabene Infiltrationstunnel wurden in den vergangenen Jahrzehnten entdeckt

Die mit Stacheldraht gesicherte Pufferzone ist etwa 248 Kilometer lang und vier Kilometer breit. In ihrer Mitte verläuft die militärische Demarkationslinie, die faktisch die Grenze bildet. Immer wieder kommen Nordkoreaner ums Leben, die die Barriere überwinden wollen, nur selten gelingt die Flucht.

Indien riegelt Bangladesch ab

Er ist der längste Grenzzaun der Welt und umfasst beinahe die gesamte 4.000 Kilometer lange Grenze von zwei Ländern. Schon 1986 hatte Indien beschlossen, die Grenze zu Bangladesch zu befestigen, 1989 wurde begonnen. Obwohl das Projekt Milliarden kostete, ist es praktisch wirkungslos: Per Leiter überwinden Menschen den Zaun andauernd. Zu trauriger Bekanntheit verhalf ihm der Tod einer 15-Jähigen Anfang 2011.

Indische Grenzsoldaten am Grenzzaun zu Bangladesch

Reuters/Rupak De Chowdhuri

Der 240.000 Mann starke indische Grenzschutz BSF ist für seine Brutalität bekannt

Felani Khatun sollte in Bangladesch heiraten, ihr Vater überwand den Zaun, das Mädchen verfing sich im Stacheldraht. Soldaten des Grenzschutzes BSF erschossen das um Hilfe rufende Mädchen. Bilder des im Zaun hängenden leblosen Körpers schockierten die indische Öffentlichkeit - genauso wie ein späteres, das zeigte, wie Soldaten das Mädchen wie ein Stück Vieh auf einen Bambusstab gebunden transportierten.

Auch Burma errichtete einen Zaun zu Bangladesch, allerdings vor allem, um die Flucht aus dem Land zu verhindern. Indien wiederum hatte schon 2000 begonnen, auch einen Grenzzaun in der umstrittenen Region Kaschmir an der De-facto-Grenze zu Pakistan zu errichten.

Saudi-Arabien grenzt sich vom Jemen ab

Saudi-Arabien ist dabei, einen gigantischen Zaun entlang der 1.800 Kilometer langen Grenze zum Jemen zu ziehen. Vor allem die schwer zu kontrollierende Grenze in der Gebirgs- und Wüstenlandschaft kann leicht von Schmugglern und Islamisten der Al-Kaida überquert werden. Die „arabische Mauer“ soll Abhilfe schaffen. Eine bereits 2003 vereinbarte Verstärkung der Grenzüberwachung sei nicht ausreichend. Doch auch aus einem anderen Grund schottet sich das Königreich ab: Der Funke des „arabischen Frühlings“ sollte nicht auf Saudi-Arabien überspringen.

In den vergangenen Monaten eskalierte die Lage. Saudi-Arabien und andere Golfstaaten gehen seit März gemeinsam mit jemenitischen Truppen gegen Huthi-Rebellen vor. Die Militärallianz unterstützt die Regierung von Abd Rabbo Mansur Hadi, der vor den Rebellen nach Saudi-Arabien geflohen war. Truppen der sunnitischen Golfstaaten versuchen, in die Hochburgen der mit dem Iran verbündeten schiitischen Rebellen im Norden des Landes vorzustoßen und die Hauptstadt Sanaa zurückzuerobern. Dabei werden auch immer wieder zivile Ziele getroffen.

Links: