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Politische Gewalt erschüttert Bangkok

In der thailändischen Hauptstadt Bangkok ist die Lage am Sonntag weiter gespannt. Die Polizei ging mit Tränengas und Wasserwerfern gegen Demonstranten vor, die den Regierungssitz in Bangkok stürmen wollten. Die Regierung mobilisierte Armee-Einheiten zur Verstärkung der Polizei.

Bei den Protesten gegen die Regierung wurden in Bangkok vier Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt. Bei den Toten handle es sich um einen Studenten und zwei Regierungsunterstützer, hieß es vonseiten der Polizei. Die Toten und Verletzten wiesen Schuss- und Stichwunden auf. Wie es zu den Todesfällen kam, war zunächst unklar. Regierungsgegner und -anhänger machten sich gegenseitig für die Gewalt verantwortlich.

Premierministerin flieht vor Gegnern

Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra musste unterdessen vor aufgebrachten Regierungsgegnern in Sicherheit gebracht worden. Nach Auskunft eines Mitarbeiters der Regierungschefin stürmten Demonstranten das Gelände eines Sportclubs der Polizei, wo sich Shinawatra aufhielt. Sie habe das Gebäude wohlbehalten verlassen und sei an einen anderen Ort gebracht worden.

Thailands Premierministerin Yingluck Shinawatra

AP

Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra wird in Thailand als Marionette ihres 2006 gestürzten Bruders Thaksin Shinawatra gesehen

Behauptungen der Opposition, Shinawatra habe sich ins Ausland abgesetzt, wies die Regierung zurück. Allerdings trat sie am Sonntag bisher nicht öffentlich in Erscheinung. Eine geplante Reise Shinawatras nach Südafrika sei wegen der Proteste abgesagt worden, berichtete die „Bangkok Post“ unter Berufung auf die Fluglinie Thai Airways.

Zeitung berichtet von Scharfschützen

Die blutigen Zusammenstöße ereigneten sich in der Nähe des Rajamangala-Stadions und der Ramkhamhaeng-Universität. In dem Stadion hatten sich etwa 60.000 militante Regierungsanhänger - sogenannte Rothemden - versammelt. Bei der Zufahrt waren sie von in ihren Fahrzeugen von Oppositionellen attackiert worden. Später kam es auf dem Universitätsgelände zu gewaltsamen Konfrontationen, bei denen auch Schüsse fielen. Nach Angaben der Zeitung „The Nation“ feuerten auch Scharfschützen auf die Studenten.

Die Behörden trafen am Sonntag Maßnahmen zur Evakuierung der etwa 2.000 Studenten, die weiter auf dem Universitätsgelände festsaßen. Auf Bitten der Regierung sagten die Rothemden eine für Sonntag geplante Kundgebung ab, um die Lage nicht weiter anzuheizen. Laut „Bangkok Post“ verließen die Rothemden unter starkem Polizeischutz das Stadion, um in ihre Heimatprovinzen zurückzukehren.

Demonstranten an einer Barrikade zwischen Tränengasschwaden

APA/EPA/Rungroj Yongrit

Vermummte Demonstranten heben Tränengaspatronen auf und schleudern sie zurück auf die Sicherheitskräfte

Regierungsgegner wollen Machtzentrale stürmen

Die Anführer der Protestbewegung, allen voran der ehemalige Vizepremier Suthep Thaugsuban, wollen noch am Sonntag einen endgültigen „Sieg“ über die Regierung verkünden. Kommende Woche, am 5. Dezember, wird der 86. Geburtstag von König Bhumibol Adulyadej (Rama IX.) gefeiert. An diesem Tag wäre es in Thailand undenkbar, zu demonstrieren.

Thaugsuban rief zu weiteren Protestmärschen auf - auch zum Sitz der Regierung und zur Polizeizentrale. Die Aktionen sollten „friedlich und gewaltfrei“ sein, sagte er. Die Opposition will die Regierung stürzen und sie durch ein nicht gewähltes sogenanntes Volkskomitee ersetzen.

Die Regierung ließ unterdessen mehr als 2.700 Soldaten in Bangkok aufmarschieren, um die mehr als 20.000 Polizisten in der Stadt zu unterstützen. Die Soldaten seien unbewaffnet, betonte sie. Zudem verbarrikadierten die Sicherheitskräfte am Sonntag den Regierungssitz mit Betonmauern und Stacheldraht und wehrten den Ansturm zunächst ab. Dichte Tränengasschwaden zogen über das Regierungsviertel.

Straßen gesperrt, Einkaufszentren geschlossen

Die großen Einkaufszentren im Zentrum Bangkoks sind wegen der Unruhen in der Millionenmetropole geschlossen worden. Wichtige geschäftliche Veranstaltungen wurden verschoben, berichtete die Zeitung „The Nation“. Die bekannte und populäre Einkaufsmeile Ratchaprasong war ein zentraler Schauplatz während der Unruhen in Bangkok 2010, die mehr als 90 Todesopfer forderten. Damals war ein großer Teil des Gebäudekomplexes niedergebrannt worden.

Die Polizei sperrte Straßen im Bereich der Einkaufszentren Siam Paragon, Siam Center und Siam Discovery. Dort ist auch ein zentraler Verkehrsknotenpunkt mit einer Umsteigestation für die Hochbahn (Skytrain), einem der wichtigsten und effektivsten Transportmittel in Bangkok. Bangkok Airways wies darauf, hin, dass angesichts der Demonstrationen Fahrten zum Flughafen von Bangkok in der nächsten Woche länger als sonst dauern könnten. Reisende sollten drei Stunden vor Abflug auf dem Flughafen sein.

Proteste dauern seit einem Monat an

Thailand wird seit Ende Oktober von der heftigsten Protestwelle seit dem Frühjahr 2010 erschüttert, als bei der Niederschlagung wochenlanger Demonstrationen von Anhängern des ehemaligen Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra gegen die damalige Regierung mehr als 90 Menschen getötet wurden. Bei der blutigen Unterdrückung des Protests spielte Thaugsuban, der damals stellvertretender Regierungschef war, eine wichtige Rolle. Thaksin Shinawatra, der Bruder der heutigen Regierungschefin, war 2006 durch einen Putsch königstreuer Militärs gestürzt worden. Er lebt im Exil und gilt vielen als Fädenzieher der derzeitigen Regierung.

Mögliche Rückkehr Thaksin Shinawatras als Auslöser

Die jüngsten Proteste entzündeten sich an einem von der Regierung befürworteten Amnestiegesetz, das Thaksin Shinawatra womöglich die Rückkehr in seine Heimat ermöglicht hätte. Die Regierungspartei ließ den Gesetzentwurf mittlerweile wieder fallen. Thaksin Shinawatras Sturz im September 2006 spaltet die thailändische Gesellschaft bis heute und sorgte in den vergangenen Jahren mehrfach für schwere Regierungskrisen.

Die Rothemden verfügen besonders in den ländlichen Gebieten des Königreichs über großen Rückhalt. Die als Gelbhemden bekannten Regierungsgegner sind dagegen vor allem bei ranghohen Beamten und Militärs sowie Geschäftsleuten und Angehörigen der Mittelschicht anzutreffen.

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