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„Das ist wirklich Science-Fiction“

In Zeiten erhöhten Bestellbedarfs liest es sich unbestritten spannend: die Auslieferung bestellter Ware mit Drohnen - bei einer durchaus zackigen Lieferzeit von 30 Minuten. Es sind ambitionierte Pläne, von denen Amazon-Chef Jeff Bezos die Welt in einem TV-Interview wissen ließ. Doch was bleibt, ist eine Reihe offener Fragen.

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Denn nach der anfänglichen Begeisterung, mit der die spektakuläre Idee von Bezos in der CBS-Interviewsendung „60 Minutes“ in aller Welt aufgenommen wurde, folgte nichts als Skepsis - auch wenn er einräumte, alles klinge „wie Science-Fiction, ist es aber nicht“. Schließlich monie­ren Medien nun, dass sich hinter den Aussagen nicht mehr verbirgt als heiße Luft. Die Drohnenidee um Amazons „Octocopter“ sei nicht mehr als ein geschickt lancierter PR-Gag.

Durchschaubares Timing?

Verdächtig - oder geschickt - war jedenfalls das Timing: Ausgestrahlt wurde die Sendung ausgerechnet am Vorabend des Onlineschnäppchen-Tags „Cyber-Monday“, an dem Onlineshops den offiziellen Start des Weihnachtverkaufs ausrufen und damit um Aufmerksamkeit buhlen. Offenbar mit Erfolg: In den USA und in Großbritannien verbuchte Amazon einen Allzeitverkaufsrekord.

In den USA sei der Umsatz am „Cyber-Monday“ im Vergleich zu 2012 um 20,6 Prozent gestiegen, teilte das Analyseunternehmen IBM Digital Analytics Benchmark mit. Viele Beobachter konnten sich folglich kaum des Eindrucks erwehren, dass Amazon damit einen Marketingcoup landete. Rasch tauchte auch eine Vielzahl anderer Hinweise auf die mangelnde Plausibilität der Amazon-Idee auf.

Das beginnt etwa bei der zentralen Rolle, die die US-amerikanische Luftfahrtbehörde (Federal Aviation Administration, FAA) bei der Lizenzierung der Drohnen in den USA einnimmt. Amazon und Bezos räumten zwar bereits im Beitrag ein, dass für den Einsatz unbemannter Drohnen im US-Luftraum noch Tests und Zulassungen der FAA nötig seien - bis 2015 soll aber alles abgeschlossen sein, nach dem Wunsch soll der Einsatz von Drohnen für kommerzielle Zwecke dann legal sein. Doch einige Umstände laufen dieser ambitionierten Zeitvorgabe zuwider.

Sicherheitsaspekt ausgeklammert

So widersprechen die aktuellen Sicherheitsbedenken und die angedachten Wege für eine wirksame Terrorismusbekämpfung in den USA dem dargestellten Ansatz komplett. Den Luftraum für unzählige computergesteuerte Flugobjekte zu öffnen, geht wohl mit einer Unzahl von Schwierigkeiten und widerstrebenden Sicherheitsinteressen einher - ganz abgesehen von den zu erwartenden Klagen, wenn eine fehlgesteuerte Drohne irgendjemandem auf dem Kopf fällt, wie der britische „Guardian“ schrieb. Gerade im urbanen Bereich würde es von Drohnen nur so wimmeln, im Luftraum würde es wohl sehr eng und unübersichtlich werden.

Bereits logistisch ist die Umsetzung nur schwer vorstellbar, schließlich gehen bei Amazon in Spitzenzeiten allein in den USA pro Sekunde rund 300 Bestellungen ein. Sollte nur ein Bruchteil dieser Waren per Drohne ausgeliefert werden, müssten in Großstädten Tausende von Flugobjekten unterwegs sein. „Das ist wirklich Science-Fiction“, befand Luftfahrexperte John Morelan von der Unmanned Aerial Vehicle Systems Association (UAVS) gegenüber dem britischen „Independent“. Die technischen Möglichkeiten ließen ein solches System nicht zu, die einzurichtenden Sicherheitssysteme seien schlichtweg „unpraktisch und unrentabel“.

Fragwürdige Darstellungen

Auch wenn die Dienstleistung auf kleine und ausgesuchte Bestellungen beschränkt blieben, weit fliegen könnten die Minidronhen dabei nicht - Bezos selbst gab die Maximaldistanz für 2,5 Kilogramm schwere Ware mit 16 Kilometern an. Allein die Auslieferfrequenz würde die Errichtung einer Vielzahl von Distributionszentren notwendig machen, damit das Angebot nicht nur von überschaubarer Bedeutsamkeit wäre, sondern jene Reichweite erhielte, die Amazon in seinem Werbevideo gegenwärtig in Aussicht stellt.

Außerdem wohnt die Mehrheit der Amazon-Kunden nicht in einem Einfamilienhaus mit einem Landeplatz für „Octocopter“ im Garten vor der Haustür, wie es im offiziellen Amazon-Clip veranschaulicht wurde. Die Frage, wie die Drohnen in Städten vor Wohnungstüren liefern sollen, regt höchstens Fantasien von Science-Fiction-Liebhabern an. Und dass in den USA, wo Hurrikans und Tornados nicht gerade seltene Naturschauspiele sind, folglich nicht immer die Sonne scheint, wie der Amazon-Clip glauben macht, lässt sich auch bereits jetzt sagen. Wo diese Flugobjekte bei starkem Wind dann überall landen, blieb unbeantwortet.

Beständige Kritik an Amazon

Doch erreichte Amazon mit der PR-Aktion ein weiteres Ziel - nämlich endlich aus den Negativschlagzeilen zu kommen und die seit langem andauernde Kritik an den teilweise prekären Arbeitsbedingungen in den riesigen Logistikzentren zu überspielen. Besonders in Deutschland wurde die Drohnenidee neben dem gezielten Werbeeffekt für den angelaufenen Weihnachtsonlinehandel als Ablenkungsmanöver gesehen. Nach Möglichkeit sollte die öffentliche Aufmerksamkeit von streikenden Amazon-Mitarbeitern und den Querelen im Tarifstreit weggelenkt werden.

In Österreich nicht angedacht

Unterdessen bezeichnete die österreichische Post den Einsatz von Drohnen für die Paketzustellung zuletzt als „Zukunftsmusik“. Zumindest für die kommenden fünf, eher aber die kommenden zehn Jahre sei das in Österreich ausgeschlossen, hieß es von der Post. Es werde auch nicht an entsprechenden Flugmobilen geforscht, sagte ein Post-Sprecher weiter. „Derzeit ist das bei uns kein Thema, und wir werden dabei auch nicht vorpreschen.“

In Österreich tritt Anfang kommenden Jahres eine Novelle des Luftfahrtgesetzes in Kraft, die erstmals Regeln für unbemannte Fluggeräte schafft. Das Gesetz unterscheidet dabei zwischen Drohnen mit Sichtverbindung und solchen wie Amazons Zustell-„Octocoptern“, die ohne Sichtverbindung betrieben werden, und gibt an, wo Genehmigungen für den Betrieb einzuholen sind.

Auch UPS erwägt Droheneinsatz

Unterdessen wurde bekannt, dass auch der weltgrößte Paketdienst UPS über den Einsatz von automatisch fliegenden Transportrobotern nachdenkt. „Der kommerzielle Einsatz von Drohnen ist eine interessante Technologie, und wir prüfen das weiterhin“, sagte ein Sprecher dem US-Blog The Verge. Nach Informationen von The Verge experimentierte UPS bereits mit einer Flotte von Minidrohnen für den Pakettransport.

Unternehmen testen schon länger mögliche Einsatzgebiete für die Minidrohnen. Erst im Sommer ließ der US-Pizzazusteller Domino’s mit einem YouTube-Video aufhorchen, das zeigt, wie ein Flugroboter Pizza ausliefert. In Australien stellt der Buchverleih Zookal im Raum Sydney bereits Fachliteratur mit Lieferdrohnen an Studenten zu. Auch in China wird an der Zustellung mit Drohnen experimentiert. Der Paketlieferdienst SF Express testete in der chinesischen Stadt Dongguan bereits die Zustellung mit achtmotorigen Flugrobotern, eine Konditorei in Schanghai lieferte ihre Torten medienwirksam mittels Drohne aus.

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