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Vorläufig auf freiem Fuß

Im Prozess um den weltweiten Verkauf von Brustimplantaten aus Billigsilikon ist der Gründer des französischen Herstellerunternehmens PIP zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Ein Gericht in Marseille sah es am Dienstag als erwiesen an, dass der 74 Jahre alte Jean-Claude Mas seine Kunden jahrelang bewusst getäuscht hatte.

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Rund zehn Jahre lang hatte sein Unternehmen Implantate aus billigem und nicht für Medizinprodukte zugelassenem Industriesilikon hergestellt und damit laut Ermittlern jährlich rund 1,2 Millionen Euro eingespart. Das Gericht verurteilte Mas darüber hinaus zu einer Geldstrafe von 75.000 Euro, ihm wurde zudem ein Berufsverbot auferlegt. Vier mitangeklagte frühere Mitarbeiter erhielten Haftstrafen zwischen 18 Monaten und drei Jahren, zum Teil auf Bewährung.

Jean-Claude Mas im Auto sitzend

Reuters/Jean-Paul Pelissier

Mas auf dem Weg zur Urteilsverkündung

Der Strafverteidiger von Mas kündigte umgehend an, Berufung gegen das Urteil einzulegen. Er sei über das Urteil „enttäuscht, aber nicht überrascht“, sagte Anwalt Yves Haddad. Wegen der Berufung und weil das Gericht keine sofortige Vollstreckung der Haftstrafe anordnete, bleibt Mas vorläufig auf freiem Fuß.

Hunderttausende Frauen betroffen

Der Skandal war 2010 aufgeflogen, nachdem sich Hinweise auf eine erhöhte Reißanfälligkeit der Produkte gehäuft hatten. Behörden, darunter in Frankreich und Deutschland, empfahlen deswegen in einer beispiellosen Aktion ein vorsorgliches Herausoperieren der PIP-Brustimplantate. Allein in Frankreich kamen etwa 15.000 Frauen dieser Aufforderung nach. Weltweit implantierten Chirurgen Schätzungen zufolge Hunderttausenden Frauen Silikonpolster des mittlerweile insolventen Unternehmens. Mehr als 7.000 von ihnen traten in dem ersten Strafprozess als Nebenklägerinnen auf.

73 Österreicherinnen vertreten

Der Verein für Konsumenteninformation (VKI), der 73 geschädigte Frauen aus Österreich beim Verfahren in Frankreich vertritt, begrüßte in einer ersten Reaktion die Urteile und wird – sobald diese rechtskräftig sind – Schadenersatzansprüche bei einem französischen Fonds für Verbrechensopfer anmelden. Die Implantate zeigten eine erhöhte Reißanfälligkeit, die Folgen waren laut Konsumentenschützern „geplatzte Implantate, Entzündungen, der vorsorgliche Austausch der Implantate, weitere Operationskosten, Schmerzen und auch Ängste vor Folgeschäden“.

Mas-Aussage löste Tumult aus

Lautstarke Unmutsbekundungen löste Mas beim Prozessauftakt im April aus. Als er sich auf Befragen des Gerichts als vermögenslos bezeichnete und sein monatliches Einkommen mit 1.000 Euro bezifferte, machten sich zahlreiche Zuhörer - darunter etliche geschädigte Frauen - mit abfälligen Zwischenrufen bemerkbar. Das Gericht drohte, den zu einem Gerichtssaal umfunktionierten Kongresssaal räumen zu lassen, sollten sich die tumultartigen Szenen wiederholen. Mas hatte in dem Prozess immer wieder beteuert, dass sein Gel nicht giftig oder gefährlich gewesen sei. Die mündliche Verhandlung war bereits Mitte Mai zu Ende gegangen.

Juristische Aufarbeitung geht weiter

Experten erwarten, dass sich die juristische Aufarbeitung des Skandals auch nach dem Urteil noch lange hinziehen könnte. So sind die Ermittlungen zu Straftatbeständen wie Körperverletzung und Insolvenzbetrug noch im Gange. Auch die Frage des Schadenersatzes ist noch nicht völlig geklärt: Entstandene Schäden können die Betroffenen gegen den Hersteller geltend machen. Doch PIP ist insolvent, und aus heutiger Sicht ist damit für die Geschädigten dort nichts zu holen.

Nur geringe Entschädigung

Sobald die Urteile rechtskräftig werden, ermöglichen sie den Geschädigten allerdings, bei SARVI (Service d’aide au recouvrement en faveur des victimes d’infractions) in Frankreich Anträge auf Entschädigung einzubringen. „Der Fonds SARVI ersetzt Höchstbeträge bis zu 3.000 Euro. Bei Schadenssummen, die sich im Einzelfall zwischen 4.000 und 20.000 Euro bewegen, ist das nur ein Teil, aber jedenfalls mehr als nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagte Juristin Ulrike Wolf des VKI.

Die Zivilverfahren des VKI gegen den Haftpflichtversicherer von PIP, die Allianz Versicherung in Paris, sind dagegen weiterhin anhängig. Die Versicherung setzt nach wie vor darauf, Ansprüche von betroffenen Frauen der Verjährung auszusetzen.

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