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„Die Spitze des Eisbergs“

Protestierende Wanderarbeiter haben in Singapur die schwersten gewaltsamen Auseinandersetzungen seit mehr als vier Jahrzehnten verursacht. Nach Behördenangaben beteiligten sich rund 400 ausländische Arbeiter an den Ausschreitungen in der Nacht zum Montag, bei denen rund 40 Sicherheitskräfte verletzt und zwei Dutzend Fahrzeuge beschädigt oder angezündet wurden.

Ausgelöst wurden die Proteste durch den Tod eines 33-jährigen indischen Bauarbeiters, der im Little India genannten Teil des Stadtstaates von einem Kleinbus überfahren worden war. Dort leben viele Gastarbeiter, unter denen große Unzufriedenheit über die niedrigen Löhne herrscht, obwohl das autoritär geführte Singapur einer der reichsten Staaten der Region ist. Nach Erkenntnissen der Polizei waren keine Staatsbürger Singapurs in den Aufruhr verwickelt.

Prügelstrafen und mehrere Jahre Haft

In Videos, die im Internet veröffentlicht wurden, waren aufgebrachte Leute zu sehen, die die Scheiben des Busses einschlugen, unter dem der 33-Jährige eingequetscht war. Nach offiziellen Angaben wurden 27 Personen festgenommen und zehn Polizisten verletzt. Ministerpräsident Lee Hsien Loong sprach von einem sehr schwerwiegenden Vorfall. „Wir werden keine Mühe scheuen, um die Schuldigen zu identifizieren und sie die volle Härte des Gesetzes spüren zu lassen.“

Den Beteiligten drohen gemäß dem rigiden Recht des Stadtstaates bis zu sieben Jahre Haft, aber auch Prügelstrafen. Beobachter werten die Ausschreitungen allerdings als Zeichen, dass Singapur das Problem der unterprivilegierten Gastarbeiter endlich angehen muss. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagte einer der Bewohner von Little India gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Er „hoffe, dass die Regierung das als Weckruf versteht“.

1,3 Mio. Gastarbeiter vs. 5,3 Mio. Bürger

In Singapur mit 5,3 Millionen Einwohnern arbeiten derzeit rund 1,3 Millionen Gastarbeiter. Das Thema bringt auch die Regierung immer mehr in Bedrängnis: Sie sieht sich zusehends mit populistischen Parolen konfrontiert, in denen eine Zuwanderungsbeschränkung oder Ausweisung der Migranten gefordert wird, will diesen aber angesichts sinkender Geburtenraten und zur Stützung der Wirtschaft nicht nachgeben.

270 Euro vs. 2.580 Euro

Die sozialen Spannungen bauen sich indes immer mehr auf: Das durchschnittliche Einkommen der Gastarbeiter in Singapur liegt zwischen umgerechnet rund 270 und 410 Euro, das von Bürgern des Stadtstaates bei umgerechnet 2.580 Euro. Zu den aktuellen Ausschreitungen dürfte auch beigetragen haben, dass die Verwaltung von Singapur für Little India, wo die Gastarbeiter ihre spärliche Freizeit verbringen, ab dem Wochenende neue strikte Regeln erließ, unter anderem ein absolutes Alkoholverbot.

In Singapur unterliegt das öffentliche Leben strikten Kontrollen, selbst geringfügige Vergehen können mit harten Strafen geahndet werden. Revolten gegen die Sicherheitskräfte sind äußerst selten. Ähnliche Ausschreitungen wie nun gab es zuletzt im Jahr 1969, als ethnische Unruhen den Stadtstaat erschütterten und zu einer drastischen Verschärfung des Demonstrationsrechts führten. Wenn etwa in Singapur mehr als drei Menschen über Politik diskutieren wollen, brauchen sie dafür eine staatliche Lizenz.

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