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Regiealtmeister Peter Stein

Er war ein Rebell und ist ein leidenschaftlicher Liebhaber des Theaters geblieben: Peter Steins Name wird immer mit der Berliner Schaubühne verbunden bleiben, auch wenn er sie heute nicht mehr betreten mag. Der Theaterregisseur hat die Schaubühne am damaligen Halleschen Ufer (und später Lehniner Platz) zu einer der Geburtsstätten des aufmüpfigen, zornigen und innovativen Theaters in Deutschland gemacht.

In seinen 15 Jahren seit 1970 hat Stein die Berliner Schaubühne sogar zu Weltruhm geführt, mit Schauspielern wie Jutta Lampe, Bruno Ganz, Edith Clever und Otto Sander. Claus Peymann nannte Stein einmal respektvoll den „einzigen Weltmeister des Theaters“. Auf jeden Fall gehört der am 1. Oktober 1937 in Berlin geborene Stein zu den Protagonisten der „Theaterrevolution“ in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.

Dabei bewies er, in bewusster Zusammenarbeit mit seinem vom Mitbestimmungsgeist der „68er“ erfüllten Ensemble, einen ebenso psychologischen wie emotionalen Zugang zu Texten und Epochen. Er widmete sich den Größen der Weltliteratur wie Aischylos und Shakespeare, Ibsen („Peer Gynt“), Tschechow („Drei Schwestern“), Gorki („Sommergäste“) und Kleist („Prinz von Homburg“) ebenso wie Autoren der Gegenwart - etwa Botho Strauß („Trilogie des Wiedersehens“). Vor allem die Begegnung mit Tschechow hat Stein tief geprägt. „Dort lernt der Schauspieler das Herz des Theaters kennen, es ist die höchste Prüfung für jeden Schauspieler.“

„Faust“ in 27 Stunden

Eine Gesamtaufführung der beiden Teile des „Faust“ mit fast 27 Stunden Aufführungsdauer brachte Stein zur Weltausstellung Expo 2000 in Hannover heraus (was auf DVD für die Nachwelt festgehalten ist). Damit erfüllte er sich einen Lebenstraum, um den er zwölf Jahre gerungen hatte - und den ihm ausgerechnet „seine“ Schaubühne 1993 verweigerte. Das nicht zuletzt durch Steins „antiautoritäre Schule“ selbstbewusster gewordene Ensemble mit Nachfolgeregisseuren wie Andrea Breth empfand die Riesenproduktion als Blockade der eigenen Entfaltungsmöglichkeiten. Heute wird die Bühne von Thomas Ostermeier künstlerisch geführt.

Peymann ermöglichte Stein 2007 mit dem Berliner Ensemble die Verwirklichung seines Traumes einer vollständigen, insgesamt zehn Stunden dauernden Aufführung von Schillers „Wallenstein“-Trilogie auf dem Gelände einer ehemaligen Brauerei in Berlin-Neukölln. Im September musste Stein dabei sogar für seinen verletzten Hauptdarsteller Klaus Maria Brandauer vorübergehend einspringen (mit dem Textbuch in der Hand). „Ich bin kein Schauspieler, ich kann das gar nicht“, meinte der Regisseur, der aber sehr gekonnt monumentale Theatertexte wie Goethes „Faust“ und auch Schillers „Wallenstein“ lesend vortragen kann.

Die Auflehnung gegen Hierarchien

Wie man sich gegen Hierarchien auflehnt, hatte Stein in seinen Theateranfängen in Bremen und München Mitte der 60er Jahre vorgemacht. Und die 70er Jahre in Berlin blieben auch nicht ohne Anfeindungen vor allem vom konservativen politischen Lager, als in Steins Schaubühne rote Fahnen wehten (Mitstreiter Peymann ging bald nach Stuttgart, um sich dort Meriten und Ärger einzuhandeln).

Von 1991 an war Stein Schauspielchef der Salzburger Festspiele, wo er 1997 wieder Abschied nahm, unter anderem mit einer als „triumphal“ gefeierten Inszenierung der Oper „Wozzeck“ von Alban Berg - Opernabstecher sind dem Theaterregisseur seit langem nicht mehr fremd. 2005 erhielt Stein ein Philosophie-Ehrendoktorat der Universität Salzburg.

Mit Klaus Maria Brandauer inszenierte Stein in den letzten Jahren gleich mehrere große Stücke, unter anderem
„Wallenstein“, „„Der zerbrochne Krug" und „"Ödipus auf Kolonos“. Auch in Salzburg setzte der Regisseur im letzten Jahr seine Arbeit fort, wenn auch nicht im Schauspiel-, sondern im Opernprogramm, wo er mit „Don Carlo“ für eines der größten Highlights der Saison sorgte.

Warnung an die junge Generation

Heute warnt Stein die neue, wilde Generation des Regietheaters, die wieder möglichst alles „gegen den Strich bürsten“ oder auf den Kopf stellen will: „Seid vorsichtig! Wenn das unkonventionelle Theater, das schönste, was es gibt, zur Konvention wird, seid ihr in einer Falle.“ Wenn am Theater „jeder machen kann, was er will, dann wird das deutsche Regietheater in der Welt immer mehr verlacht“. Stein sieht „unprofessionelle Angsthasen“ in deutschen Theatern am Werk. Dabei weiß er sehr genau, dass er zu jener rebellischen Generation gehört, die diese Entwicklung am Theater einmal losgetreten hat, wie er in einem dpa-Gespräch einräumte.

Aber Stolz klingt immer noch mit, wenn er bis heute sagt: „Ich habe mit der Schaubühne das einzige selbstbestimmte Theater in der Geschichte des deutschen Theaters geleitet.“ Gleich fügt er aber auch hinzu: „Dabei bin ich überhaupt kein Theaterleiter. Ich bin Künstler.“ Dennoch: „Ich habe von der Schaubühne unendlich viel gelernt.“

Wilfried Mommert, dpa

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