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Tod nach acht Jahren im Koma

Der frühere israelische Ministerpräsident Ariel Scharon, der seit acht Jahren im Koma lag, ist am Samstag an multiplem Organversagen verstorben. In den vergangenen Tagen hätten zuerst die Nieren und danach mehrere lebenswichtige Organe zunehmend schlechter funktioniert, so israelische Medien.

„Mein lieber Freund Ariel Scharon hat heute seinen letzten Kampf verloren“, erklärte der israelische Präsident Schimon Peres am Samstag. „Ariel war ein tapferer Soldat und kühner Führer, der seine Nation liebte, und seine Nation liebte ihn.“ Peres würdigte Scharon als einen der größten Beschützer und wichtigsten Architekten Israels, der keine Furcht gekannt habe. Er habe gewusst, wie schwierige Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen gewesen seien. „Wir alle liebten ihn, und er wird eine große Lücke reißen.“

Familie trauert

„Er ist von uns gegangen. Er ist gegangen, als er sich entschieden hatte zu gehen“, sagte Scharons Sohn Gilad am Samstagnachmittag in einer kurzen Stellungnahme vor dem Krankenhaus Tel Haschomer bei Tel Aviv, in dem sein Vater kurz zuvor verstorben war.

Die Familie danke all den Menschen im In- und Ausland, die sich um Scharon gesorgt und für ihn gebetet hätten. Der Sohn sprach auch den Ärzten und dem Pflegepersonal des Krankenhauses seinen Dank aus, die seinen Vater all die Jahre umsorgt hatten. Scharon hinterlässt zwei erwachsene Söhne und mehrere Enkelkinder.

An fünf Kriegen beteiligt

Scharon prägte den Nahost-Konflikt von Beginn an und war an fünf Kriegen beteiligt. Einmal wurde er als Retter gefeiert, dann wieder als Schande der Nation angeprangert. Sein Leben war voller Überraschungen, von denen eine der größten die Wahl zum Ministerpräsidenten im Jahr 2001 war. Scharon war damals schon 73 Jahre alt. Seine erste Amtszeit war von der Niederschlagung des palästinensischen Aufstands geprägt, die zweite vom Rückzug aus dem Gazastreifen.

Ariel Scharon, 1973

Reuters/Shlomo Arad/Government Press Office

Als Generalmajor der israelischen Armee half Scharon 1973, eine drohende Niederlage im Jom-Kippur-Krieg gegen Ägypten abzuwenden

Im November 2005 stand er abermals am Scheideweg: Er verließ den konservativen Likud-Block, zu dessen Gründungsmitgliedern er gezählt hatte. Einen Frieden mit den Palästinensern und eine Festlegung der endgültigen Grenzen des Staates schienen ihm nur mit einer neuen, moderateren Partei durchsetzbar. Deswegen scharte er seine engsten Anhänger um sich und gründete mit ihnen die neue Partei Kadima (Vorwärts). Ein Sieg bei der Parlamentswahl im März 2006 schien Scharon sicher.

Nach Schlaganfall nicht mehr aus Koma erwacht

Zum Jahreswechsel 2005/06 nahm Scharons Leben jedoch eine dramatische Wendung. Nachdem er schon am 18. Dezember einen leichten Hirnschlag erlitten hatte, fiel er am 4. Jänner nach einem schweren Schlaganfall ins Koma. In mehreren Notoperationen rangen die Ärzte um sein Leben und versuchten Hirnblutungen zu stoppen. Als am 9. Jänner die Betäubungsmittel schrittweise wieder abgesetzt wurden, erwachte Scharon jedoch nicht wieder.

Formell blieb Scharon noch bis zum 11. April 2006 israelischer Regierungschef, bis er für dauerhaft amtsunfähig erklärt wurde. Inzwischen ist sein früherer parteiinterner Gegner Benjamin Netanjahu schon seit Jahren Ministerpräsident. Netanjahu war als Scharons Finanzminister im Streit aus dem Likud ausgeschieden, nachdem Scharon seine Hardliner-Politik gegenüber den Palästinensern aufgegeben hatte. Als Scharon seine Kadima gründete, kehrte Netanjahu in den Likud zurück und übernahm schließlich die Führung.

Gefürchtet und geachtet

Scharon galt immer als einer der charismatischsten und zugleich umstrittensten Politiker Israels. Er erwarb sich früh den Ruf, ein militärisches Genie zu sein. Als Soldat bestach er durch eine kühne Taktik, mitunter setzte er sich dabei auch über Befehle hinweg. Als Politiker wurde er als „der Bulldozer“ von seinen Gegnern gefürchtet - auch vom langjährigen palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat, den er jahrelang in Ramallah festsetzen ließ.

Ariel Scharon und Angela Merkel, 2001

AP/Brian Hendler

Scharon bei einem Treffen mit Angela Merkel, 2001

Seine Unnachgiebigkeit zeigte Scharon aber auch beim Gaza-Rückzug, den er gegen erbitterten Widerstand seiner Parteifreunde durchsetzte. Beim Bau des Sperrwalls im Westjordanland, der palästinensische Selbstmordattentäter abhalten sollte, ließ er sich umgekehrt auch durch starke internationale Kritik nicht vom Kurs abbringen. Den Tiefpunkt seiner Karriere bildeten die Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila im Jahr 1982 in Beirut, die ihn das Amt des Verteidigungsministers kosteten.

Karrierestart mit kriegerischer Kühnheit

Scharon kam am 27. Februar 1928 als Kind russischer Einwanderer in der Bauerngemeinde Kfar Malal 15 Kilometer nördlich von Tel Aviv zur Welt. Schon mit 14 Jahren kämpfte er für einen israelischen Staat. Seinen größten Ruhm gewann er sich durch einen kühnen Vorstoß über den Sues-Kanal im Jahr 1973. Die Operation trug erheblich dazu bei, dass sich das Blatt des Nahost-Krieges wendete. Seine politische Karriere war von mehrmaligen Rückschlägen gekennzeichnet, auf die immer wieder ein überraschendes Comeback folgte.

Vor allem mit der Unterstützung des rechten politischen Spektrums in Israel setzte Scharon dabei meist auf kompromisslose bis provokante Hartnäckigkeit gegenüber den Palästinensern. Erst in seiner zweiten Amtszeit ab 2003 schien sich der einstige „Hardliner“ zu wandeln, und eine historische Mission erfüllen zu wollen: Er bekannte sich zu einem palästinensischen Staat und bezeichnete die israelische Kontrolle über das Westjordanland und den Gazastreifen als Besatzung - ein Wort, das er bis dahin nie gebraucht hatte.

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