Themenüberblick

Es geht ums Grundsätzliche

Haruki Murakamis Bücher sind fast immer Bildungsromane: Man folgt einer Person während der entscheidenden Phase ihres Lebens - und kann sich mit ihr identifizieren, sich an ihr reiben, mitleiden. Nach einem Ausflug in die Fantasywelt „IQ84“ kehrt Murakami mit „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ zu diesem Erfolgsrezept zurück.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Murakami ist jetzt 65 Jahre alt. Noch immer scheinen ihn die 20er und 30er Jahre junger Erwachsener in der städtischen Mittelschicht Japans am meisten zu interessieren. Unter ihnen ist seine Leserschaft immens. Mit den „Pilgerjahren“ hat Murakami alle Rekorde gesprengt: In Japan verkaufte sich das Buch alleine in der ersten Woche über eine Million Mal. Das ist auch in einem Land mit knapp 130 Mio. Einwohnern mehr als beachtlich.

Japaner in einer Buchhandlung

APA/EPA/Kimimasa Mayama

Noch nie da gewesener Ansturm auf Murakamis Buch in Japan

Die Liebe, das Leben und der Tod

Murakamis internationaler Erfolg und seine Dauerstellung als Nobelpreiskandidat sind wohl dadurch zu erklären, dass seine Figuren zeit- und ortlose Projektionsflächen bieten, weil sie eher in ihrer Innen- als in der Außenwelt leben. Grundsätzliche Fragen über die Liebe, das Leben und den Tod sind universal. Murakami würzt seine Bücher lediglich mit Lokalkolorit und Spiritualität. Damit droht ihm das Schicksal Hermann Hesses, der eine ganze Generation beeinflusste, die sich später nicht mehr zu ihm bekennen wollte, als die nachfolgende Riege der Intellektuellen ihn als esoterischen Flachwurzler und Kitschbruder verunglimpfte.

In „Die Pilgerjahre“ beweist Murakami jedoch wieder einmal, wie plausibel er Charaktere zeichnen kann. Sein Ausgangspunkt ist eine Gruppe von fünf Teenagern, die eng miteinander befreundet sind. Die drei Burschen und zwei Mädchen verbringen die Nachmittage und Wochenenden miteinander. Jeder von ihnen ist eine Ergänzung für die Gruppe: die witzige Intellektuelle, die hübsche, sensible Musikerin, der liebenswürdige Football-Spieler, der ruhige, aber selbstbewusste Pragmatiker und schließlich Tsukuru Tazaki, die Titelfigur.

Haruki Murakami

AP/Bernat Armangue

Autor Haruki Murakami

Geächtet, ohne den Grund zu kennen

Tsukuru meint, er selbst sei nicht so leicht zu charakterisieren, er trage am wenigsten bei, er sehe langweilig aus und sei innerlich leer. Zudem trägt er als einziger keine Farbe im Namen - deshalb „der farblose Herr Tazaki“. Er ist es auch, der die Gruppe verlässt, die nur vollständig ihre als absolut beschriebene Harmonie erhalten kann. Denn Tsukuru kehrt der Heimatstadt den Rücken, um in Tokio zu studieren. Er, der immer schon ein Faible für Bahnhöfe hatte, will lernen, wie man Bahnhöfe konstruiert. Bei einem Besuch zu Hause teilen ihm seine Freunde ohne jede Vorwarnung mit, sofort und komplett den Kontakt mit ihm abzubrechen, und fügen bedeutungsschwanger hinzu: Er wisse schon, weshalb.

Nur: Tsukuru weiß nicht, weshalb. Ein halbes Jahr lang vegetiert er am Rande des Selbstmords dahin. Dann erfängt er sich, bleibt aber schüchtern im Umgang mit Menschen und erholt sich nie ganz von dem Schock. Noch einmal nachzufragen, was eigentlich los war, traut er sich nicht, zu groß ist die Angst vor dem, was er von seinen ehemaligen Freunden erfahren könnte. Bis er sich, bereits 36 Jahre alt, zum ersten Mal richtig verliebt - in Sara.

Sara stellt ihm die Rute ins Fenster: Entweder Tsukuru klärt die alte Geschichte und kann seine psychischen Troubles dadurch ein Stück weit ad acta legen, oder es wird nichts mit einer ernsthaften Beziehung. Damit setzt die flirrende Spannung ein - vor allem (aber nicht nur) für erfahrene Murakami-Leser. Denn sie wissen: Ab sofort ist nichts unmöglich.

Buchcover "Die Pilgerjahre des Herrn Tazaki"

Dumont Buchverlag

Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Übersetzt von Ursula Gräfe. Dumont, 318 Seiten, 23,70 Euro.

Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Hörbuch Hamburg, sieben CDs, 546 Minuten, 22,99 Euro.

Murakamis falsche Fährten

Die Geschichte könnte sich durch eine plötzliche übersinnliche Erscheinung aufklären, irgendjemand könnte das zweite Gesicht haben und in Wahrheit ein Monster sein, oder aber eine nur auf den ersten Blick banale Liebesgeschichte steht dahinter, oder Murakami seziert die Gruppendynamik der Teenies mit der für ihn typischen Mischung aus Wärme und analytischem Scharfblick bis zu dem Punkt, wo die Eskalation von damals plötzlich erklärbar scheint, ohne große Pointe. Murakami legt Fährten in alle diese Richtungen.

Von diesem Spannungsbogen abgesehen, verhandelt Murakami verschiedene Lebensentwürfe, die jungen Menschen heute offen stehen. Und er zeichnet plausibel nach, wie scheinbare „Jugendsünden“ sich auf die spätere Entwicklung auswirken können. Tsukuru, die Titelfigur, besucht alle seine ehemaligen Freunde, nicht nur, um dem düsteren Geheimnis aus der Vergangenheit auf die Spur zu kommen, sondern auch, um zu sehen, was aus ihnen geworden ist.

Wenn die Logik nicht mehr wirkt

Tsukuru ist dabei ein typischer Murakami-Held. Etwas maulfaul, aber wenn er etwas sagt, dann mit einer gedanklichen Akkuratesse, die ihresgleichen sucht. Er ist Techniker, ein japanischer Homo Faber, den alles verunsichert, was er nicht logisch erklären kann. Glück verspricht aber einzig das Öffnen für Gefühle - und genau da lauern Abgründe und Gefahr. Oder es lauert gar nichts. Wer weiß das schon? Tsukuru weiß es nicht.

Fein ausgeklügelte Dialoge, Sexszenen als typisch murakamische Traumsequenzen, jede Menge Alltagsphilosophie (die man als Leser problemlos auf das eigene Leben anwenden kann), poetische Bilder, der wiederkehrende Wunsch nach totaler Absolution für alles und nach reiner, unkomplizierter Liebe - beides unerreichbar: Wer Murakami mag, wird dieses Buch lieben. Der Schriftsteller schließt damit an seine frühen Meisterwerke wie „Wilde Schafsjagd“, „Mister Aufziehvogel“ und „Naokos Lächeln“ an.

Lob gebührt auch jenen beiden Menschen, die sich mit dem Text in besonderem Ausmaß beschäftigt haben: Kenzaburo-Oe-Übersetzerin Ursula Gräfe, die es schafft, die Sprache einfach und schnörkellos zu belassen, ohne sie der Banalität preiszugeben, und dem Sprecher des Hörbuchs, dem dasselbe Verdienst zukommt. „Die Pilgerjahre“ ist genau jenes anregende und unterhaltsame Buch, das man nicht nur gerne liest, sondern auch gerne hört; wirklich gerne - mögen kommende Generationen sagen, was sie wollen.

Simon Hadler, ORF.at

Link: