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„Nur zweimal unterzeichnet“

Das dubiose Geschäft rund um den teuren Verkauf einer Luxusimmobilie ist heute vor einem Wiener Gericht verhandelt worden. Einer der Hauptangeklagten, Ex-Telekom-Austria-Generaldirektor Heinz Sundt, wies alle Schuld von sich und sah die inhaltliche Verantwortung bei einem erkrankten Ex-Prokuristen der Telekom Austria (TA). Er selber habe nur zweimal unterzeichnet.

Richterin Claudia Moravec-Loidolt brachte Sundts Aussage auf den Punkt: „So, wie Sie das darstellen, war der Schillerplatz für Sie lediglich das Leisten von Unterschriften und das zur Kenntnisnehmen der Informationen.“ Sundt verteidigte sich, er sei bis heute der Meinung, dass es für die TA ein gutes Geschäft gewesen sei.

Schwer erkrankter Ex-Prokurist als Schuldiger

Der betreffende frühere TA-Mitarbeiter, der laut Sundt offenbar alle Fäden in der Hand hatte, war Prokurist, Bereichsleiter für Einkauf und hatte auch das kaufmännische Immobilienmanagement zu verantworten. Im Jahr 2007 überstand er einen Herz-Kreislauf-Stillstand, ist seitdem aber nicht mehr vernehmungs- und verhandlungsfähig. Sein Name war heute in fast jedem Satz bei der Einvernahme von Sundt gefallen, in fast jeder Antwort verwies der frühere TA-Chef auf den Erkrankten.

Ehemaliger Telekom-Generaldirektor Heinz Sundt  und der ehemalige Telekom-Vorstand Stefano Colombo

APA/Georg Hochmuth

Ex-TA-Generaldirektor Sundt (l.) und Ex-TA-Finanzvorstand Stefano Colombo vor Gericht

Sundt schilderte das Zustandekommen des Deals so: Zunächst sei ein mit ihm befreundeter Bauunternehmer auf ihn zugekommen und habe sein Interesse am Erwerb der TA-Immobilie Schillerplatz bekundet. Er habe die Sache an den besagten Prokuristen weitergeleitet und sich inhaltlich damit nie wieder beschäftigt.

Unterschrift „vergessen“

Im Mai 2005 hatte Sundt dann eine Option unterschrieben, wonach der Bauunternehmer die Immobilie zum Mindestkaufpreis von 5,4 Mio. Euro erwerben könne. Diese Unterschrift habe er „vergessen“. „Ich habe verschwitzt, dass ich eine Vereinbarung am 18. Mai 2005 unterschrieben habe“, sagte Sundt heute. Er habe darin aber keinen Kaufpreis fixiert, sondern nur zugesagt, exklusiv mit dem Bauunternehmer bis Jahresende das Objekt zu entwickeln. Der Bauunternehmer sei die Verpflichtung eingegangen, bis Jahresende ein Angebot mit mindestens 5,4 Mio. Euro zu machen.

Dazu kam es nicht, der befreundete Bauunternehmer schied wegen einer schweren Erkrankung als Käufer aus. Dass damals schon der mitangeklagte Ex-ÖBB-Chef Martin Huber mit im Boot auf Käuferseite war, das habe er nicht gewusst, versicherte Sundt heute.

Dubiose Kaufpreisermittlung

Anfang Mai 2006, wenige Wochen vor Sundts Ausscheiden aus der TA per Ende Mai, sei dann der - mittlerweile schwer erkrankte - Prokurist zu ihm gekommen. Er habe ihm ein Dokument über ein Verkaufsangebot der Schillerplatz-Immobilie vorgelegt, wo bereits der Kaufpreis von 5,4 Mio. Euro fixiert war. Der Prokurist habe ihm ausführlich erläutert, dass das ein angemessener Preis wäre, und auch konkrete Vergleiche geschildert, beteuerte Sundt heute.

„Warum gibt es nirgendwo eine Dokumentation über die Kaufpreisermittlung“, wollte die Richterin wissen. Für ihn habe die mündliche Präsentation des Bereichsleiters genügt, er habe eine entsprechende schriftliche Dokumentation in der Fachabteilung angenommen, verteidigte sich Sundt. Auch dass kein aktuelles Verkehrswertgutachten vorlag, habe ihn nicht gestört.

Dass der neue Käufer nun in Wahrheit Huber bzw. dessen Frau Barbara Huber-Lipp sei, das habe er erst beim Gespräch mit besagtem Prokuristen erfahren, so Sundt. Mit Huber sei er zwar bekannt gewesen, aber nicht privat befreundet. Huber sei ein Golfspieler, er selber ein Tennisspieler, auch sonst habe es keine gemeinsamen Interessen gegeben.

Colombo: „Ich habe ihm vertraut“

Auch der mitangeklagte Ex-TA-Finanzvorstand Stefano Colombo musste am Donnerstag zu der fehlenden Kaufpreisdokumentation Stellung nehmen. Wie Sundt zuvor sah auch er die Verantwortung alleine bei dem Prokuristen. „Ich habe ihm vertraut“, betonte der Ex-Manager. Mit ihm habe es nie Schwierigkeiten gegeben, die interne Revision habe ihm nie etwas vorgeworfen, betonte Colombo.

Von Richterin Moravec-Loidolt auf die fehlende Dokumente angesprochen, meinte Colombo: „Er hatte etwas in der Hand.“ Die von Sundt und Colombo behaupteten Unterlagen sind allerdings bis heute in der TA nicht auffindbar. Colombo hatte im Mai 2006 als Erster das Verkaufsangebot zu 5,4 Mio. Euro an die Schillerplatz-Gesellschaft unterzeichnet, dann folgte Sundt.

Dass er für die TA den Kaufvertrag wenige Tage vor seinem Abgang im Mai 2006 unterschrieben hatte, obwohl die Käuferseite (Huber und seine Ehefrau) erst ein halbes Jahr später unterzeichneten, verteidigte Sundt damit, dass eine weitere Verzögerung den ganzen Verkauf gefährdet hätte. Dass die TA das Objekt in der Wiener Innenstadt nicht selbst weiterentwickelt hat, um es dann teuer zu verkaufen, liege daran, dass in der konzerninternen Immobilienabteilung keine Kompetenz dazu vorhanden gewesen sei.

Interne Revision ohne Ergebnis

Schon im Juli 2006 gab es eine parlamentarische Anfrage des SPÖ-Abgeordneten Günther Kräuter zu dem Verkauf. Huber bestritt damals jegliche Verwicklung seiner Frau Barbara. Auch dass Huber über seinen Steuerberater mit 75 Prozent an dem Geschäft beteiligt war, fiel damals nicht auf. Eine interne Revision durch Sundts Nachfolger, Boris Nemsic, habe offenbar nichts Bedenkliches ergeben, erklärte Sundt vor Gericht, er selber sei nicht mehr kontaktiert worden.

Ende 2007 wurde das Objekt an die Seeste Bau AG, enger Partner der ÖBB beim neuen Wiener Hauptbahnhof, verkauft - allerdings mit knapp elf Mio. Euro fast zum doppelten Preis. „Irgendwer hat ein schlechtes Geschäft gemacht“, sagte der Staatsanwalt beim Prozess am Donnerstag. Und es gebe Indizien im Akt, dass nicht der Käufer, die Seeste, sondern die TA als Verkäufer das schlechte Geschäft gemacht habe.

Staatsanwalt vermisst Verkehrswertgutachten

Der Verkaufspreis ist laut Staatsanwalt vonseiten der TA ohne Wertgutachten und ohne Preisfindung festgesetzt worden. Einem Sachverständigengutachten zufolge sei der Verkehrswert des Palais schon zum Zeitpunkt des Anbots der TA bei rund zehn Mio. Euro gelegen. Die TA schließt sich der Argumentation des Staatsanwalts an - eine systematische Kaufpreisermittlung habe gefehlt.

Mit einer bereits im August 2013 eingebrachten Löschungsklage gegen die Projektentwicklungsgesellschaft „Schillerplatz 4“ (SP4) rund um das Ehepaar Huber verschärfte die TA die Vorgehensweise gegen die Angeklagten. Sollte es zu Verurteilungen kommen, könnte die TA damit die Vermögenswerte für das Unternehmen sichern, berichtete der „Standard“ (Mittwoch-Ausgabe). Ohne Zivilklage würden etwaige Ansprüche verjähren. Auch die Immobiliengruppe Seeste reagierte im Zuge des Prozesses und teilte Huber eine Streitverkündung mit, um im Falle einer Verurteilung noch Entschädigungen fordern zu können.

Akt war schon geschlossen

Dass die Causa Schillerplatz nun doch in einen Prozess mündete, liegt nicht zuletzt an der früheren grünen Telekomsprecherin Gabriela Moser. Diese hatte die Vorwürfe der Justiz gemeldet und insistiert, als die Staatsanwaltschaft den Akt unter der damaligen Justizministerin Claudia Bandion-Ortner 2009 bereits geschlossen hatte. Moser kam es verdächtig vor, dass mit Seeste ein Bauunternehmen zum Zug kam, das auch auf dem neuen Wiener Hauptbahnhof Auftragnehmer ist. Die Seeste Bau AG ist dort einer der Großinvestoren und wichtigsten Partner der ÖBB.

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