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Die Chronologie der Ereignisse

Der turbulente wirtschaftliche Aufstieg und Fall der Buch- und Medienhandelskette Libro wurde strafrechtlich vor dem Landesgericht Wiener Neustadt aufgearbeitet. Den fünf Angeklagten wurde von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, die Libro-Bilanz rechtswidrig für den Börsengang geschönt zu haben.

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Im Nachfolgenden eine Chronologie der Ereignisse:

1984 übertragen die Billa-Manager Karl Wlaschek und Veit Schalle dem gebürtigen Niederländer Andre Rettberg die Sanierung der damals angeschlagenen Libro-Diskontkette.

9. November 1996: Rettberg wird Vorstandschef von Libro. Als 1996 der Billa-Konzern vom deutschen Handelsriesen REWE übernommen wird, bleibt Libro zunächst noch in der Wlaschek-Privatstiftung.

Herbst 1997: Wlaschek verkauft Libro im Zuge eines Management-Buy-out an ein Konsortium um die börsennotierte Mittelstandsfinanzierungsgesellschaft Unternehmens Invest AG (UIAG) und die Deutsche Beteiligungs AG (DBAG), die das Unternehmen an die Börse bringen wollen. Rettberg und der frühere Finanzvorstand Johann Knöbl beteiligen sich ebenso wie eine Gruppe von Investoren an Libro. Die Buchhandelskette startet umfangreiche und kostspielige Investitionen.

Juni 1998: Libro kauft von der Passauer Verlagsgruppe die Buchhandelskette Amadeus. In Deutschland wird umfangreich expandiert, elf Boulevard-Filialen werden von Bertelsmann gekauft.

Juni 1999: Libro steigt mit Lion.cc in den boomenden Internetmarkt ein. Im Juli 1999 steigt Libro mit „Librotel“ ins Festnetztelefongeschäft ein.

10. November 1999: Libro geht an die Börse, der Ausgabekurs der Aktie beträgt 29 Euro. Im selben Jahr wird Rettberg von 22 heimischen Wirtschaftsjournalisten für das Nachrichtenmagazin „News“ zum Manager des Jahres gekürt. Der Abstieg Libros und auch Rettbergs beginnt: Bereits im Geschäftsjahr 1999/2000 (per Februar) rutscht Libro in die Verlustzone. Ab Weihnachten 2000 kämpft das Unternehmen mit ernsthaften Liquiditätsproblem.

Oktober 2000: Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) steigt mit 35 Prozent bei der verlustreichen Lion.cc ein. Mit der Partnerschaft soll der Weg in die Gewinnzone ermöglicht werden.

Im Geschäftsjahr 2000/01 rutscht Libro tief in die roten Zahlen, das Ergebnis vor Abschreibungen, Zinsen und Steuern (EBITDA) dreht von plus 6,5 auf minus 16,7 Mio. Euro. Rettberg kündigt eine Neustrukturierung mit der Ausgliederung von Libro und Amadeus sowie eine „rigorose Überprüfung des Deutschland-Engagements“ an, für Lion.cc wird weiter ein Partner gesucht.

22. Mai 2001: Libro zieht sich aus Deutschland zurück.

8. Juni 2001: Rettberg tritt als Lion.cc-Aufsichtsratschef zurück.

28. Juni 2001: Rettberg tritt als Libro-Vorstandschef zurück. Da kein Investor gefunden wird, meldet Libro mit 240 Mio. Euro anerkannten Forderungen und mehr als 3.000 Mitarbeitern den Ausgleich an. Im September 2001 bricht die Aktie um 39 Prozent auf 1,00 Euro ein. Die Hauptversammlung beschließt einen Kapitalschnitt.

Februar 2002: Ein Sondergutachten über den Libro-Niedergang der Wirtschaftsprüfungskanzlei von Ex-Finanzminister Andreas Staribacher und Primus Österreich erhebt schwerwiegende Vorwürfe gegen die ehemaligen Vorstände und den früheren Aufsichtsrat.

April 2002: Libro braucht von den Banken wieder Geld. Diese wollen aber keinen Überbrückungskredit mehr gewähren, der Libro-Vorstand muss Konkurs anmelden. Die Libro-Passiva werden mit rund 430 Mio. Euro beziffert.

17. November 2002: Libro wird um fünf Mio. Euro an ein Bieterkonsortium um den Ex-ÖVP-Obmann und Industriellen Josef Taus verkauft.

7. März 2003: Der Staatsanwalt leitet die Causa Libro an das Landesgericht Wiener Neustadt weiter. Erstbeschuldigter in dem Akt ist Rettberg, dem „Betrug, Untreue, fahrlässige Krida und unrichtige Aussagen gemäß § 255 Aktiengesetz“ vorgeworfen werden, gerichtliche Voruntersuchungen beginnen.

Februar 2004: Rettbergs Rechtsanwälte werden verhaftet. Die Staatsanwaltschaft hege den Verdacht, die Anwälte könnten bei der Verbringung von Millionenbeträgen ins Ausland behilflich gewesen sein, heißt es. Rettberg wird per internationalen Haftbefehl gesucht, der ehemalige „Mr. Libro“ flieht ins Ausland.

April 2005: Rettberg wird wegen betrügerischer Krida angeklagt. Im Falle eines Schuldspruchs drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft.

Juni 2005: Rettberg kommt nach mehr als einem Jahr Flucht nach Österreich zurück. Die Justiz wirft Rettberg nach der spektakulären 334-Mio.-Euro-Libro-Pleite grobe Fehler und betrügerische Krida vor.

April 2006: Der Prozess gegen Rettberg und zwei Wirtschaftsanwälte beginnt am Landesgericht Wiener Neustadt. Die Anklage legt Rettberg, der mit Bankkrediten Libro-Aktien erworben hat und nach dem Kollaps des Unternehmens hoch verschuldet war, im Wesentlichen zur Last, privates Vermögen mittels mehr oder weniger geschickter Transaktionen vor seinen Gläubigern versteckt zu haben. Insgesamt gibt es vier Anklagepunkte.

12. Mai 2006: Rettberg wird wegen versuchter betrügerischer Krida zu drei Jahren teilbedingter Haft verurteilt. Acht Monate davon verhängte der Schöffensenat unbedingt. Rettberg bleibt auf freiem Fuß und beruft gegen das Urteil.

15. September 2008: Das Oberlandesgericht Wien bestätigt das Strafurteil wegen betrügerischer Krida gegen Rettberg, der für acht Monate ins Gefängnis muss. Er erhält aber einen Strafaufschub und hat die Haft bis dato nicht angetreten. Rettberg hat um die Erteilung einer Fußfessel ersucht.

14. Oktober 2009: In Zusammenhang mit der Pleite wird sich Rettberg, der ehemalige Generaldirektor des börsennotierten Unternehmens, vor einem Schöffensenat verantworten müssen. Die Staatsanwaltschaft bringt Anklage gegen Rettberg und vier weitere Beschuldigte ein. Die Vorwürfe lauten auf Untreue, Beteiligung an der Untreue, schweren Betrug und Bilanzfälschung im Sinne des Paragrafen 255 Aktiengesetz. Zwei Beschuldigte, AR-Stellvertreter Universitätsprofessor Christian Nowotny und Wirtschaftsprüfer Bernhard Huppmann, beeinspruchen die Anklage.

26. August 2010: Das Wiener Oberlandesgericht (OLG) weist die Einsprüche der zwei Angeklagten gegen die Anklage mit Beschluss ab. Damit ist der Weg für den Strafprozess am Landesgericht Wiener Neustadt frei.

17. Jänner 2011: Das strafrechtliche Nachspiel beginnt. Die Anklagepunkte lauten auf Untreue, schweren Betrug und Bilanzfälschung. In 33 Verfahrenstagen werden 72 Zeugen zu den Geschehnissen vor oft mehr als einem Jahrzehnt befragt. Zahlreiche Befragungen leiden aber unter dem Umstand, dass die Vorgänge über ein Jahrzehnt zurückliegen.

Ein Höhepunkt des Prozesses ist die Zeugenbefragung des früheren KPMG-Geschäftsführers und derzeitigen Chefs der Kärntner Hypo, Gottwald Kranebitter, der selbst achteinhalb Jahre als Beschuldigter in der Causa geführt wurde. Er hat 1999 in einem umstrittenen Gutachten die deutsche Libro-Tochter für den Buch- und Papierhändler bewertet.

21. Juni 2011: Rettberg wird zu dreieinhalb Jahren Gefängnis als Zusatzstrafe zu einer bereits verhängten Strafe verurteilt. Knöbl erhält vier Jahre Haft. Jeweils drei Jahre Haft, davon ein Jahr unbedingt, erhalten Huppmann und Ex-Libro-Aufsichtsratschef Kurt Stiassny. Nowotny wird freigesprochen. Die Schuldsprüche erfolgen wegen Untreue und Bilanzfälschung. Zum Anklagepunkt des schweren Betruges erfolgen fünf Freisprüche. Die Urteile sind nicht rechtskräftig.

30. Jänner 2014: Der Oberste Gerichtshof (OGH) setzt das Rettberg-Urteil von dreieinhalb auf ein Jahr Haft herab, Ex-Finanzchef Knöbl erhält 18 Monate statt ursprünglich vier Jahre Haft. Die Strafen für Ex-Libro-Aufsichtsratspräsident Stiassny und Ex-Libro-Wirtschaftsprüfer Huppmann werden gekippt - diese Verfahren müssen neu verhandelt werden.

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