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Haftbefehle gegen Janukowitsch-Vertraute

Auch am dritten Tag nach seiner De-facto-Absetzung ist weiter nicht bekannt, wo sich der ukrainische Ex-Präsident Viktor Janukowitsch versteckt hält. Nach seinem gescheiterten Fluchtversuch am Wochenende vom Osten des Landes aus begab sich Janukowitsch auf die Halbinsel Krim.

Die neue ukrainische Führung erließ am Montag einen Haftbefehl wegen „Massenmordes“ gegen Janukowitsch. Das teilte der kommissarische Innenminister Arsen Awakow am Montag auf Facebook mit. Auch mehrere weitere Vertreter der bisherigen Staatsführung würden deswegen per Haftbefehl gesucht, so Awakow. Bei blutigen Straßenschlachten zwischen Sicherheitskräften und Regierungsgegnern waren in der vergangenen Woche Dutzende Menschen getötet worden.

Zudem bestätigte Awakow, dass Janukowitsch zuletzt auf der Halbinsel Krim gesichtet worden sei. Dort wurde Janukowitsch gesehen, als er Sonntagabend ein Anwesen in Balaklawa verließ. Er sei im Auto mit unbekanntem Ziel abgereist. Kurz zuvor hatte ein Abgeordneter der Opposition mitgeteilt, er habe gehört, dass Janukowitsch in der Hafenstadt Sewastopol auf der Halbinsel verhaftet worden sei. Bestätigung gibt es dafür keine. Anderen ebenfalls offiziell nicht bestätigten Berichten zufolge soll sich Janukowitsch in einem Kloster des orthodoxen Moskauer Patriarchats in der Ukraine aufhalten.

Mit drei Autos unterwegs

Laut Awakow flüchtete Janukowitsch begleitet von seinem Stabschef Andrej Klijew zum Militärflughafen Belbek auf der Krim. Als er erfuhr, dass die Staatssicherheit dort auf ihn wartete, habe er sein Fahrziel geändert. Auf einem privaten Wohnsitz in der Balaklawa-Region habe er seine Sicherheitsleute versammelt und ihnen die Wahl gelassen, bei ihm zu bleiben oder ihn zu verlassen. Einige seien daraufhin aufgebrochen und hätten ihre offiziellen Waffen den Behörden auf der Krim übergeben. Janukowitsch habe dann mit den bei ihm verbliebenen Sicherheitsleuten und Klijew in drei Autos den Ort in unbekannte Richtung verlassen. Janukowitsch und seine Begleiter hätten alle Kommunikationssysteme abgeschaltet, so Awakow.

Fluchtversuch vereitelt

Am Wochenende hatte Janukowitsch laut dem Sprecher des Grenzschutzes, Sergej Astachow, versucht, auf dem Flughafen von Donezk, seiner Heimatstadt im überwiegend russischsprachigen Teil der Ukraine, ein Flugzeug nach Russland zu besteigen. Bewaffnete Männer hätten Geld geboten, um eine Starterlaubnis für die Privatmaschine zu bekommen. Das sei von den Beamten aber abgelehnt worden.

Flugfeld mit Fahrzeug verlassen

Wenig später seien zwei gepanzerte Fahrzeuge zum Flugzeug gerollt, sagte Astachow weiter. Janukowitsch sei in eines von ihnen gestiegen und habe den Flughafen verlassen. Während einer Parlamentssitzung am Sonntag verlangten Abgeordnete, Aufschluss über Janukowitschs Aufenthaltsort zu erhalten. Doch eine Antwort erhielten sie zunächst nicht.

Überwachungskamera zeigt Viktor Janukowitsch am Flughafen

EBU

Überwachungskameras filmten Janukowitschs hastige Abreise aus Kiew

Übergangspräsident Alexander Turtschinow, ein Vertrauter der am Wochenende aus der Haft entlassenen Oppositionsführerin Julia Timoschenko, sagte, Janukowitsch halte sich in der östlichen Region Donezk „versteckt“. Die an Russland angrenzende Industrieregion ist die politische Machtbasis Janukowitschs. Bereits am Freitag war er Hals über Kopf aus Kiew abgereist - Video dazu in iptv.ORF.at.

Schutz durch Oligarchen in Donezk?

Dort könnte er auf den Schutz des örtlichen Oligarchen Rinat Achmetow hoffen. Der reichste Mann der Ukraine ist Hauptgeldgeber der Janukowitsch-Partei. Allerdings dürfte Achmetow auch daran gelegen sein, sich mit den neuen Machthabern gut zu stellen, um seine Geschäfte nicht zu gefährden. Janukowitsch fallenzulassen sei dafür die beste Möglichkeit, sagte der Kiewer Politikwissenschaftler Wolodimir Fesenko. „Selbst Donezk ist für Janukowitsch kein sicheres Pflaster mehr.“

Janukowitschs Partei der Regionen warf dem abgesetzten Präsidenten unterdessen „kriminelle Handlungen“ vor und sagte sich von ihm los. Janukowitsch habe die Ukraine „verraten“ und das Land an den „Rand des Abgrunds“ geführt.

Minister auf der Flucht

Generalstaatsanwalt Viktor Pschonka und dem für Steuern zuständigen Minister Alexander Klimenko ging es auf dem Donezker Flughafen nicht anders als Janukowitsch, zu dessen Lager sie gehören. Übereinstimmenden Angaben zufolge versuchten sie dort vergeblich, sich „ins Ausland“ abzusetzen. Ihre Leibwächter schossen demnach auf Grenzschützer, so dass ihnen vorerst die Flucht gelang. Der neue Übergangsinnenminister Arsen Awakow sagte, auch sein vom Parlament abgesetzter Vorgänger Witali Sachartschenko und andere Minister seien auf dem Flughafen von Donezk „gesehen worden“.

Weißrussland als letzte Möglichkeit?

Der Oppositionspolitiker Witali Klitschko sagte, er habe mit dem weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko telefoniert und ihn gebeten, Sachartschenko und den Janukowitsch nahestehenden Oligarchen Sergej Kurtschenko an die Ukraine auszuliefern. Lukaschenko habe aber versichert, dass sich die beiden nicht in Weißrussland befänden.

Weißrussland gilt auch - abgesehen von Gerüchten über die Vereinigten Arabischen Emirate - als mögliches Fluchtziel von Janukowitsch. Das Land hatte 2010 auch dem gestürzten kirgisischen Staatschef Kurmanbek Bakijew Zuflucht gewährt. Russland würde den ukrainischen Ex-Präsidenten wohl kaum noch mit offenen Armen empfangen. Die russische Führung hatte in den vergangenen Tagen zunehmenden Unmut erkennen lassen. Am Donnerstag sagte Ministerpräsident Dimitri Medwedew, sein Land wolle nicht mit einer ukrainischen Führung zusammenarbeiten, auf der das Volk „herumtrampelt wie auf einer Fußmatte“.

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