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Auf die Dosis kommt es an

Biologische statt chemischer Mittel sind im Garten und auf dem Balkon der große Trend - nicht nur bei den Pflanzen selbst, sondern auch beim Dünger und vor allem bei den Pflanzenschutzmitteln. Viele chemisch-synthetische Mittel sind gar nicht mehr so einfach im Handel erhältlich, stattdessen wird auf gezielte Beratung gesetzt.

Sie sind der Alptraum jedes Gärtners: Pflanzenschädlinge wie Spinnmilben, Weiße Fliege und Blattläuse. Wer sich bereits jetzt mit diesen Schädlingen auseinandersetzen muss, kann dazu nicht mehr so einfach auf die zahlreichen chemisch-synthetischen Mittel zurückgreifen, die viele Jahre lang die Verkaufsregale dominierten.

Neue Regeln für Verkauf

Anfang 2014 wurde der Verkauf von Pflanzenschutzmitteln auf Basis einer EU-Verordnung deutlich eingeschränkt. So dürfen Pflanzenschutzmittel für den privaten Gebrauch nur in begrenzten Mengen und nicht im Lebensmitteleinzelhandel und in Selbstbedienung angeboten werden. Berufliche Anwender und Verkäufer müssen eine entsprechende Ausbildung absolvieren. Doch bereits vor dieser Neuregelung auf Basis entsprechender EU-Gesetze zeichnete sich in den letzten Jahren ein Umdenken bei vielen Gärtnern ab.


Marienkäfer fressen Blattläuse

APA/dpa/dpaweb/Ronald Wittek

Marienkäfer ernähren sich von Blattläusen und sind im Garten nützliche Helfer

Nachfrage nach Gift sinkt

Mittlerweile wollten immer weniger Leute Gift spritzen, so die Leiterin des „Natur im Garten“-Telefons, Elisabeth Koppensteiner, gegenüber ORF.at. Beim Start des Gartentelefons vor 15 Jahren hätten rund 40 Prozent der Anrufer Informationen über chemische Pflanzenschutzmittel gesucht, mittlerweile werde größtenteils nach giftfreien Mitteln gefragt.

Der Innungsmeister der Wiener Gärtner und Floristen, Herbert Eipeldauer, sieht ebenfalls einen breiten Trend zu biologischen Mitteln und Nützlingen. An den Verein Arche Noah, der sich der biologischen Erhaltung alter Kulturpflanzen verschrieben hat, wenden sich laut eigenen Angaben ohnedies so gut wie keine Hausgärtner, die Gift spritzen wollen.

Keine aktuellen Zahlen zum Einsatz

Offizielle Zahlen zum aktuellen Einsatz von Pflanzenschutzmittel und Dünger in Österreichs Haushalten und Heimgärten gibt es nicht. Die Kontrolle obliegt den jeweiligen Bundesländern. Die letzten Vergleichszahlen stammen aus einer IMAS-Umfrage für das Wiener Umweltbundesamt aus dem Jahr 1999. Damals gaben 35 Prozent der Befragten an, Schädlingsbekämpfungsmittel einzusetzen - hauptsächlich Frauen, Personen über 50 und Landwirte. In Niederösterreich, im Burgenland und in Oberösterreich wurde der Umfrage zufolge besonders viel gespritzt.

Fünf Prozent setzten dabei auf - laut eigener Einschätzung - biologisch-mechanische Mittel, 13 Prozent auf chemische und biologische und zwölf Prozent nur auf chemische Mittel. Laut Umweltweltbundesamt war es „fraglich“, ob die Anwendungsbestimmungen beim Einsatz der Mittel tatsächlich eingehalten wurden. Fünf Prozent setzten Mittel gegen Schädlinge an Garten-, Zimmer- und Balkonpflanzen ein. Bei Gemüse und Obstbäumen war der Einsatz mit einem Prozent deutlich geringer. Schneckenkorn verwendeten sechs Prozent, immerhin drei Prozent der Befragten bekämpften Ameisen im Gartenbereich.

Töpfe mit Kräutern

Fotolia/Floydine

Nicht nur bei Blumen in Töpfen kommt es auf den richtigen Standort an

Mittel werden oft überdosiert

Gerade Schneckenkorn werde oft überdosiert, sagt Isabella Hollerer, Nachhaltigkeitsbeauftragte beim Blumenmarkt Bellaflora. Für eine DIN-A4 große Fläche reiche ein Korn - ausgestreut werde aber meist viel mehr. Bellaflora setzt seit 2013 auf verstärkte Beratung in Richtung biologisches Gärtnern und hat sein Sortiment an Dünger- und Pflanzenschutzmitteln mittlerweile komplett auf bio umgestellt. Die Kunden hätten die Umstellung mitgemacht, heißt es vom Anbieter, der Absatz von Pflanzenschutzmitteln in Verpackungseinheiten sei 2013 sogar um 20 Prozent gestiegen, und das trotz des schwierigen Gartenjahres.

Grundsätzlich müssten alle Pflanzenschutzmittel ihre Wirksamkeit beweisen, so Hollerer gegenüber ORF.at, egal ob biologisch oder chemisch-synthetisch hergestellt. Biologische Mittel könnten jedoch zielgerichteter gegen bestimmte Schädlinge eingesetzt werden, während mit chemischen Mitteln nicht nur Schädlinge, sondern auch Nützlinge getötet würden. Wenn die natürlichen Feinde fehlten, seien die Pflanzen noch anfälliger für Schädlinge. Das Gift reichere sich zudem im Boden an, so die Umweltschutzorganisation Global 2000, Projektpartner von Bellaflora.

Viele Faktoren für Pflanzengesundheit

Die Aufklärungsarbeit im Bereich biologisches Gärtnern sei schwierig und umfangreich und beginne bereits bei der richtigen Pflanzenwahl und dem passenden Standort, sagt Hollerer. So halte Lavendel etwa Blattläuse von Rosen fern, wenn man die beiden Pflanzen nebeneinander setze könne der Bedarf an Spritzmittel deutlich reduziert werden.

Durch den Einsatz von Nützlingen wie der Florfliege brauche es für die Bekämpfung der Blattlaus gar kein Spritzmittel. Parallel dazu könne man die Pflanzen mit bestimmten Mikroorganismen, dem richtigen Dünger und Homöopathie stärken und widerstandsfähiger gegen Fressfeinde machen. Allerdings muss man dazu nicht unbedingt einkaufen gehen: Brennesseljauche und Ackerschachtelhalm etwa gelten als alte Hausmittel in Bauerngärten.

Auf die Dosis kommt es an

Allerdings kommt es wie bei allem auch hier auf die Dosis an: So kann der beste Dünger in zu hoher Dosis den Pflanzen mehr schaden, als er ihnen im Endeffekt nutzt. Wer Pflanzen setzt, sollte also auch auf die für den jeweiligen Nährstoffbedarf passende Erde und eben die richtige Dosis Dünger achten. Biogärtner setzen derzeit vor allem auf natürlichen Dünger aus Wurmfarmen, die mit Abfällen aus der Küche gefüttert werden.

Sollte eine Pflanze durch Schädlinge oder falsche Behandlung bereits stark geschädigt sein, empfehlen auch Biogärtner, die Pflanze zu entsorgen. Sollten bei Befall durch Spinnmilben entwa bereits die Gespinste zu sehen sein, helfe das beste Mittel nicht mehr. Zudem entwickeln immer mehr Schädlinge auch Resistenzen, im Profibereich etwa sind noch wirksame Mittel entsprechend teuer.

Gift trifft nicht nur Schädlinge

Viele chemische Mittel sind nicht nur für Schädlinge gefährlich: Durch Schneckenkorn würden neben Igeln und Käfern oft auch Katzen und Hunde vergiftet, so Global 2000. Die ebenfalls häufig eingesetzten Herbizide gegen Unkraut würden aufgrund ihrer unspezifischen Wirkung analog zu den Pestiziden alle Arten von Pflanzen abtöten, also auch die nützlichen. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace kritisiert wie Global 2000, dass in Heimgärten zudem weiterhin bienengefährliche Substanzen wie etwa Chlorpyrifos eingesetzt werden dürfen. Laut Umweltministerium soll das vorerst auch so bleiben, ein Verbot wie etwa in Frankreich sei derzeit nicht angedacht.

Eipeldauer vermisst in der aktuellen gesetzlichen Regelung auch eine verbindliche Ausbildung für den Privatanwender - auch beim Einsatz von biologischen Mitteln und Nützlingen gebe es zu wenig Information für die Anwender, etwa über den richtigen Zeitpunkt für den jeweiligen Einsatz. Biozidprodukte gegen Vorratsschädlinge wie Ameisen und Mäuse seien zudem weiterhin im Selbstbedienungsregal erhältlich, so Global 2000.

Nadja Igler, ORF.at

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