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Ostermayer: „Kluft in Ensemble schließen“

Das „Unverzüglichkeitsprinzip“, mit dem die fristlose Kündigung der Burgtheater-Vizedirektorin Silvia Stantejsky im November begründet worden war, hat heute auch die Direktion von Matthias Hartmann fristlos beendet: Nach Vorliegen zweier Gutachten, die eine klare Mitverantwortung des künstlerischen Geschäftsführers sehen, hat Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) den Direktor abberufen.

„Der nächste Schritt ist, dass wir versuchen müssen, interimistisch einen künstlerischen Geschäftsführer zu finden - für eine dauerhafte Lösung ist eine Ausschreibung entsprechend des Stellenbesetzungsgesetzes notwendig, die wir auch unverzüglich vornehmen müssen“, so Ostermayer. Für die interimistische Geschäftsführung sind auch interne Lösungen aus dem Haus bzw. aus dem Burgtheater-Ensemble vorstellbar.

Ostermayer betonte bei der Pressekonferenz am Dienstag, dass die neue Leitung fähig sein müsse, „die Kluft, die es zum Teil im Ensemble gibt, zu schließen“. Neben dem großen medialen Rummel hatten die Ereignisse der letzten Wochen auch unter den Burg-Schauspielern zu Zerwürfnissen geführt, die sich dem Vernehmen nach in Unterstützer und Gegner Hartmanns geteilt haben sollen. Burgtheater-Ensemblesprecher Roland Koch bestätigte am Dienstag, dass die Situation eine „ungeheure Zerreißprobe“ sei - Video dazu in iptv.ORF.at.

„Emotionale Wortmeldungen“ im Ensemble

„Es gab innerhalb des Ensembles sehr emotionale Wortmeldungen“, erkärte auch Ostermayer, der in den letzten Wochen mehrfach als Vermittler zwischen den zerstrittenen Fronten auftreten musste. Ungeachtet des Misstrauensvotums, das Hartmann seitens Teilen des Ensembles vor einigen Wochen ausgesprochen wurde, zeigten sich die Schauspieler heute betroffen. Wesentlich sei es jetzt, „wieder Ruhe ins Haus zu bringen und dafür zu sorgen, dass wieder über die Stücke auf der Bühne und nicht über das Theater hinter der Bühne gesprochen wird“, betonte Ostermayer.

Der Minister zeigte sich überzeugt, dass „wir das gemeinsam mit dem Ensemble und allen weiteren Beschäftigten schaffen werden“. Für eine interimistische Nachbesetzung aus den Reihen des Ensembles sprach sich auch Schauspieler Peter Simonischek am Rande der Pressekonferenz gegenüber der APA aus: „Das hielte ich für durchaus überlegenswert.“

Erste Spekulationen über Nachfolge

Erste Gerüchte und Spekulationen machen bereits die Runde. So hieß es etwa im „Standard“, dass Schauspielerin und Regisseurin Maria Happel eine mögliche Wahl sei. Weiters nennt der „Standard“ noch Hermann Beil, Claus Peymanns rechte Hand am Berliner Ensemble und als ehemaliger Chefdramaturg nach wie vor mit dem Burgtheater verbunden. Laut „Kurier“ käme auch Frank Baumbauer, ehemaliger Intendant der Münchner Kammerspiele und Ex-Schauspielchef der Salzburger Festspiele, als Interimsdirektor in Frage.

Am meisten Leitungserfahrung innerhalb des Ensembles hat Sven-Eric Bechtolf, der wird aber, nach dem Abgang von Alexander Pereira, bei den Salzburger Festspielen 2015 und 2016 vom Schauspielchef zum interimistischen „künstlerischen Direktor“ und hat daher vermutlich keine Zeit.

„Geht Martin Kusej nach Wien?“

Auch über die langfristige Nachfolge wird bereits spekuliert - über Karin Beier etwa, die aber gerade erst das Deutsche Schauspielhaus Hamburg übernommen hat, und über Barbara Frey, Hartmanns Nachfolgerin in Zürich. Kokettiert wurde auch mit Schauspiellegende Klaus Maria Brandauer, dem Hamburger Thalia-Theater-Intendanten Joachim Lux, Regisseur Thomas Ostermeier, Regisseurin Andrea Breth und dem Intendanten des Deutschen Theaters Berlin, Ulrich Khuon.

Einer wurde jedoch quer durch alle Medienberichte sogleich als Favorit ausgerufen: Martin Kusej (52) trat 2011 einen Fünfjahresvertrag als Intendant am Bayerischen Staatsschauspiel an. Als „kulturpolitischen Eklat“ hatte der Kärntner 2006 die Vorgänge rund um die Bestellung von Hartmann bezeichnet, als der damalige Kunststaatssekretär Franz Morak (ÖVP) keine Gespräche mit weiteren Bewerbern geführt hatte. Seit Oktober 2013 hat Kusej wieder vermehrt in Wien zu tun: Am Max-Reinhardt-Seminar hat er eine Regieprofessur übernommen. Und die „Münchner Abendzeitung“ titelte am Dienstabend bereits: „Geht Martin Kusej nach Wien?“

Kusej: Sehe keinen Grund

Kusej winkte am Mittwoch jedoch in einem Statement gegenüber der APA ab: „Mein Vertrag hier geht bis zum 31.8.2016 und ich sehe keinen Grund, diese erfolgreiche und aufregende Arbeit vorzeitig zu beenden.“

„Ich arbeite sehr gerne als Intendant des Residenztheaters in München“, schrieb Kusej. Der aus Kärnten stammende Regisseur wünscht sich für das Burgtheater und seine Mitarbeiter, „dass es sich in Ruhe und Besonnenheit konsolidieren kann“.

Künstlerische Bilanz durchwegs positiv

Hartmann selbst muss nach der Entlassung einiges an Häme einstecken. „Das Triumphgeheule seiner vielen Feinde wird grenzenlos sein“, schreibt „Die Welt“ schon jetzt und mag damit recht behalten - so mancher Kulturjournalist scheint sich insgeheim über diesen drastischen Ausgang der Causa Burgtheater zu freuen. In den Hintergrund rückt die künsterlische Bilanz des nunmehr Ex-Burg-Chefs, die sich keineswegs zu verstecken braucht.

Dazu zählen erfolgreiche Initiativen wie „Die junge Burg“ und ein abwechslungsreicher Mix an Stücken und Regisseuren. Häufig inszenierte er selbst und sorgte damit für ausverkaufte Vorstellungen und ein begeistertes Publikum. Die Auslastung der verschiedenen Spielstätten ist im Vergleich zu anderen deutsprachigen Bühnen beachtenswert.

Anfang April soll das von Hartmann erarbeitete Projekt mit dem vielsagenden Titel „Ein falscher Film“ in seiner Regie im Akademietheater zu sehen sein. Ob er dieses Projekt zu Ende bringen wird, ist derzeit noch offen. In Vorbereitung ist außerdem seine Inszenierung von „Die letzten Tage der Menschheit“ bei den Salzburger Festspielen - besetzt mit Ensemblemitgliedern des Burgtheaters.

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