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„Wahrheit wird vertuscht“

Die Pressekonferenz der malaysischen Regierung, bei der Premier Najib Razak am Montag erklärt hat, der vermisste Flug MH370 sei „im Indischen Ozean geendet“, löste bei den Angehörigen Wut und Entsetzen aus. Die Familien setzten eine Protestnote auf und forderten mit einem Protestmarsch zur malaysischen Botschaft in Peking die Regierung auf, endlich die Wahrheit zu sagen.

Viele Angehörige der großteils chinesischen Passagiere in der vermissten Boeing 777 der Malaysia Airlines verfolgten die Pressekonferenz der malaysischen Regierung in einem Hotel in Peking. Als Razak mit Hinweis auf neue Berechnungen erklärte, dass es keine Hoffnung mehr gebe, die 239 Menschen an Bord noch lebend wiederzufinden, schlug die Verzweiflung in Wut um.

Angehörige sehen Verzögerungen bei Rettungsaktion

In einer nur wenige Stunden nach der Pressekonferenz veröffentlichten Stellungnahme warfen die Angehörigen der Regierung und dem Militär vor, „ständig die Wahrheit zu verschleiern, verstecken und vertuschen“. Es sei ein Versuch, die Familien der Passagiere und die ganze Welt zu täuschen, heißt es in dem Text, der im chinesischen Blog „Malaysia Airlines MH370 Familienkomitee“ veröffentlich wurde.

Angehörige protestieren in Peking

Reuters/Jason Lee

Wütende Angehörige auf ihrem Protestmarsch zur malaysischen Botschaft

Man werde alles daransetzen, die „unverzeihliche Schuld“ der Airline aufzudecken, heißt es weiter. Die Regierung in Kuala Lumpur und die Fluglinie werden als „Henker“ bezeichnet, da nach Meinung der Angehörigen durch fehlerhafte Angaben die Rettungsaktionen verzögert worden seien. „Die Suchmannschaften wurden in die Irre geführt, Ressourcen wurden verschwendet und wertvolle Zeit für die Rettung vergeudet.“

Zusammenstöße bei Protestmarsch

Danach schlossen sich die Angehörigen zu einem Protestzug zur malaysischen Botschaft zusammen. Demonstrationen auf Pekings Straßen sind ein seltenes Bild. Normalerweise werden sie von den Sicherheitskräften unterbunden. Diesmal sicherte die Polizei die Kundgebung jedoch ab und stoppte an Kreuzungen den Verkehr. „Bringt unsere Verwandten zurück“, schrien die aufgebrachten Hinterbliebenen. Sie forderten von den malaysischen Behörden Klarheit über das Schicksal der Flugzeuginsassen.

Als einige von ihnen sich den anwesenden Journalisten nähern wollten, kam es zu einem Handgemenge mit dem Sicherheitspersonal vor der Botschaft. Die Beamten wurden mit Wasserflaschen beworfen. Eine Frau brach zusammen und musste von Rettungskräften weggebracht werden.

„Ohne Trümmer keine Beweise“

Die Angehörigen sind mit ihren Zweifeln nicht alleine, auch die chinesische Regierung kritisierte die Darstellung der malaysischen Regierung, das Flugzeug sei im Indischen Ozean abgestürzt, öffentlich an und forderte die Herausgabe der Daten. „Wir fordern die malaysische Seite auf, die detaillierten Beweise zu nennen, die sie zu dieser Beurteilung veranlasst haben, und alle relevanten Informationen und Beweise über die Analyse der Satellitendaten zur Verfügung zu stellen“, sagte Vizeaußenminister Xie Hangsheng laut einer auf der Website des chinesischen Außenministeriums veröffentlichten Erklärung.

Chinesische Experten reagierten mit Vorsicht auf die Angaben der malaysischen Regierung. Ohne Trümmer gebe es keine klaren Beweise, kommentierten Fachleute am Montag laut „China Daily“. Es brauche noch „eine beträchtlich lange Zeit“, um die Schlussfolgerung zu verifizieren, sagte der Luftverkehrsexperte Wu Peixin der Zeitung. Außer der Satellitenfirma Inmarsat, den britischen Absturzermittlern (AAIB) und der malaysischen Regierung habe niemand „solide Beweise“ wie etwa Wrackteile gesehen.

Neuartige Berechnungsmethode

Tatsächlich fußt die Absturztheorie auf Daten, die Inmarsat der malaysischen Regierung vorgelegt hat. Dabei wurde das automatische Signal (Ping), das Satelliten von der Maschine aufgezeichnet hatten, ausgewertet. Mittels einer neuartigen Berechnungsmethode wurde die letzte Position des Flugzeugs ermittelt, das mitten im Indischen Ozean liege. Da es an dieser Stelle nirgendwo geeignete Landemöglichkeiten gebe, „muss ich mit großer Trauer bekanntgeben, dass der Flug MH370 im Indischen Ozean endete“, sagte Razak am Montag.

Malaysias Premier Najib Razak gibt eine Pressekonferenz

Reuters/Edgar Su

Premier Najib Razak erklärte Flug MH370 für verloren

China schickt Sondergesandten

Vor dem Hintergrund zunehmender Spannungen zwischen Malaysia und China schickte Peking nun einen Sondergesandten nach Kuala Lumpur. Vizeaußenminister Zhang Yesui soll sich in die Bemühungen nach dem Verschwinden des Flugzeugs einschalten, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua am Montag. Wie am Dienstag bei einer Pressekonferenz bekanntgegeben schickt Malaysia im Gegenzug eine hochrangige Delegation nach China. Angekündigt wurde zudem eine Untersuchungskommission. Diese soll die Hintergründe aufklären, was Flug MH370 zum Absturz brachte.

Am 8. März von Radarschirmen verschwunden

Die Boeing 777 der Malaysia Airlines war am 8. März mit 239 Menschen an Bord auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking von den Radarschirmen verschwunden. Später stellte sich heraus, dass Flug MH370 noch stundenlang mit geänderter Route weitergeflogen sein muss, während die Kommunikationssysteme im Cockpit offenbar von Hand abgeschaltet wurden.

Bisher haben Experten drei Erklärungen für das mysteriöse Verschwinden: Entführung, Sabotage durch die Piloten oder eine Katastrophe wie etwa ein Brand, der Crew und Passagiere außer Gefecht setzte - die Maschine könnte dann noch stundenlang per Autopilot weitergeflogen sein, bis ihr der Treibstoff ausging.

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