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Militär beschönigte Massenentführung

Zehn Tage nach der Massenentführung von Teenagern aus einer nigerianischen Schule offenbart sich erst langsam der tatsächliche Sachverhalt. Entgegen den anfänglichen Darstellungen der Behörden, dass allen Mädchen bis auf etwa zehn die Flucht gelungen sei, wurde nun die Zahl von 230 weiterhin entführten Mädchen bestätigt. Sie dienen ihren Entführern offenbar als menschliche Schutzschilde.

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Schon zuvor war vermutet worden, dass die Mädchen von Kämpfern der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram in den Sambisa-Wald im Bundesstaat Borno verschleppt wurden. Immer mehr Zeugenaussagen und die privaten Nachforschungen von Eltern der entführten Mädchen bestätigen das. Das weitläufige Naturschutzgebiet dient Boko Haram als Rückzugsgebiet. Das Militär führt regelmäßig Luftschläge in dem Areal durch, stoppte die Einsätze nun aber.

Durch Sprung von Lastwagen gerettet

Die Mädchen im Alter zwischen 16 und 18 Jahren waren letzte Woche in der Nacht auf Dienstag aus einem Internat entführt worden. Am Dienstag hätte in der Schule ein Physiktest für 129 Schülerinnen stattfinden sollen. Wie das nigerianische Militär nun indirekt zugab, verbreitete man anfangs wider besseres Wissen diese Zahl als Zahl der Entführten. Dazu kamen hochgeschraubte Angaben über die Zahl jener Mädchen, denen die Flucht gelungen sei. Noch Ende letzter Woche hatte das Militär erklärt, es seien nur noch acht Mädchen vermisst.

Nun ist die Rede von 39 bis 50 Mädchen, die ihren Entführern entronnen sind. Sie retteten sich laut diesen Angaben, indem sie von den offenen Lastwagen sprangen, mit denen sie entführt wurden. Danach schlugen sie sich auf eigene Faust zu Fuß durch den Sambisa-Wald durch. Damit haben sie sich wohl das Schicksal erspart, jahrelang von den Kämpfern der Terrorgruppe systematisch missbraucht und vergewaltigt zu werden. Immer wieder entführt Boko Haram deshalb Mädchen, noch nie gab es aber eine Entführung von solchen Ausmaßen.

Eltern durchkämmten Wald

Das Verteidigungsministerium sprach am Dienstag von einer „fortgesetzten Operation“, bei der man die Truppen weiter verstärken werde. Nach den Mädchen werde mit Patrouillen zu Land und zu Luft gesucht. Eltern, die auf eigene Faust nach den Mädchen suchten, berichteten hingegen von tagelangen Märschen durch den Sambisa-Wald, ohne dass sie auch nur einem einzigen Soldaten begegnet seien.

Dass das Militär über eine Woche nach der Entführung noch kein einziges handfestes Resultat der Suche nach den Mädchen vorweisen kann, verleiht Gerüchten Auftrieb, wonach Teile des Sicherheitsapparates in Nigeria mit der islamistischen Gruppe sympathisieren und unter einer Decke stecken. Allein ein Blick auf für jedermann im Internet zugängliche Satellitenbilder zeigt klar Standorte von befestigten Camps im Gebiet des Sambisa-Waldes.

Auftakt für beispiellose Terrorserie?

Boko Haram scheint jedenfalls die Ankündigung einer Terrorserie wahr zu machen. Nach einem Angriff auf eine weitere Schule am Ostersonntag wurde nun auch bestätigt, dass zuletzt bei einer Attacke auf das Dorf Andoyaku im Nordosten des Landes 25 Menschen getötet wurden. Der Regierung von Präsident Goodluck Jonathan wird vorgeworfen, die islamistische Gewalt vor der Wahl im nächsten Februar tunlichst aus dem öffentlichen Bewusstsein ausblenden zu wollen.

Boko Haram steht laut eigener Aussage auch hinter dem Anschlag auf einen Busbahnhof in der Hauptstadt Abuja, bei dem am selben Tag, an dem die Mädchen entführt wurden, über 200 Menschen ums Leben kamen. Dem Terror von Boko Haram fielen seit Anfang 2014 mindestens 1.500 Menschen zum Opfer. Laut Gerüchten hat sich die Gruppe zudem mit den islamistischen somalischen Al-Schabab-Milizen zusammengeschlossen, die den Überfall auf ein kenianisches Einkaufszentrum mit Dutzenden Toten verübten.

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