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Wachstum als Chance und Risiko

Teure Wohnungen, Ausfälle im öffentlichen Verkehr, fehlende Kinderbetreuung - Anlässe, an Wien Kritik zu üben, gibt es ausreichend. Grundsätzlich gefällt den Wienern aber das Leben in ihrer Stadt. Über 90 Prozent sind laut Umfragen mit der Lebensqualität sehr zufrieden oder zufrieden.

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Beim kulturellen Angebot, dem Sicherheitsgefühl und der Zufriedenheit mit dem öffentlichen Verkehr nimmt Wien im Vergleich mit anderen europäischen Städten Spitzenplätze ein. Das zeigen internationale Vergleichsstudien genauso wie eine seit 1995 durchgeführte Studie der Universität Wien in Kooperation mit der Stadt Wien. Seit Mitte der 90er Jahre werden im Rahmen dieser Untersuchung alle fünf Jahre 8.000 Wiener zu ihrer Lebenssituation - vom Wohnen über Arbeitsmarktintegration, Vereinbarkeit von Beruf und Familie bis zu ihrem Sicherheitsgefühl - befragt.

Programmhinweis

Die Ö1-Sendung „Journal Panorama“ beschäftigt sich am Dienstag um 18.25 Uhr mit dem Wachstum in Wien - mehr dazu in oe1.ORF.at.

„Die subjektive Lebensqualität ist gut, die positiven Bewertungen nehmen aber nicht mehr so stark zu“, zieht Studienleiter Roland Verwiebe das aktuelle Fazit aus der europaweit einzigartigen Langzeitstudie. Der Wohnungsmarkt etwa wird seit 2008 schlechter bewertet. In diesem Zeitraum stagnierte auch die Zufriedenheit mit dem öffentlichen Verkehr. Trotz der hohen Investitionen der öffentlichen Hand reduzieren sich laut der Studie seit 2003 auch die positiven Beurteilungen des Angebots von Kinderbetreuung.

Wien vergrößert sich um Bevölkerung von Graz

Egal ob Wohnen, Kinderbetreuung, Bildungseinrichtungen, öffentlicher Verkehr - die Situation wird sich nicht entspannen. Die Herausforderungen für Wien werden im Gegenteil mehr. Denn die Bevölkerung wächst. Diskutierte man in den 60er und 70er Jahren noch über die schrumpfende Stadt Wien, ist spätestens seit der Jahrtausendwende eine Trendumkehr zu bemerken. Seit 2000 wuchs Wien um 190.000 Menschen, das entspricht der Bevölkerung der Stadt Linz. Bis 2035 werden weitere rund 250.000 Menschen prognostiziert - etwa so viele, wie Graz Einwohner hat.

Gründe sind die seit rund zehn Jahren steigende Geburtenrate und die Zuwanderung – derzeit vor allem aus Ungarn, Deutschland, Rumänien und den Bundesländern. Die Arbeiterkammer (AK) Wien initiierte zu diesem Themenkomplex die Tagung „Wien wächst“, um einen Diskussionsprozess in Gang zu bringen.

„Potenziale nicht optimal genützt“

Die Demografen rechnen mit 10.000 bis 15.000 neuen Wienern pro Jahr. „Das sind unsichere Prognosen. Es können auch mehr sein“, sagt WIFO-Wirtschaftsforscher Helmut Mahringer. Schon 2012 und 2013 kamen jeweils knapp 25.000 Menschen neu nach Wien. Das Bevölkerungswachstum bringe auch wieder neue Impulse etwa durch mehr Konsumnachfrage, den Bau neuer Infrastruktur und Innovation aus der Bevölkerung, so Mahringer.

„Die Herausforderung für Wien ist, die Potenziale, die durch das Wachstum der Bevölkerung entstehen, zu nutzen. Derzeit sind diese noch nicht optimal genützt“, ergänzt der Ökonom. Die wachsende Bevölkerung braucht aber auch Platz – für Wohnen, Ausbildung, im Verkehr und auf dem Arbeitsmarkt – und Initiativen für Jung und Alt: Denn die Gruppen der unter 15-Jährigen und der über 65-Jährigen werden bis 2035 am stärksten wachsen.

Sechsmal Mariahilf gebraucht

„Mit dem Bevölkerungswachstum wird es zu Kapazitätsengpässen kommen – der Verkehr ist überlastet, Wohnbauland fehlt“, sagt Klaus Beckmann, Raumplaner der deutschen Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL). „Stadtentwicklung zu optimieren geht nur mit Kompromissen.“ Das zeigt sich auch in Wien. Derzeit dominieren die Grünflächen über die Baufläche. „Das ist ein historisch ausgewogenes Verhältnis und auch ein Grund für die hohe Lebensqualität in Wien“, betont AK-Kommunalpolitik-Experte Christian Pichler. „Aber es engt den Spielraum deutlich ein.“

Luftaufnahme einer Wohnhausanlage im Sonnwendviertel

ORF.at/Dominique Hammer

Um den neuen Wiener Hauptbahnhof entstehen rund 5.000 neue Wohnungen

Es ist nicht einfach, Flächen für den (geförderten) Wohnbau und Platz für die erwarteten Neu-Wiener zu finden. Pichler zieht einen Vergleich mit dem sechsten Bezirk in Wien: „Derzeit leben dort auf 145 Hektar 30.000 Menschen. Man braucht also sechsmal den Bezirk Mariahilf, um den Wohnbedarf der nächsten Jahre abdecken zu können.“

Baulandreserven im Wiener Umland

Aufgrund der Zuwanderung und der im Österreich-Vergleich kleineren Haushaltsgröße von statistisch knapp weniger als zwei Personen pro Haushalt rechnet die AK damit, dass Wien rund 10.000 neue Wohnungen pro Jahr braucht, davon sollten 8.000 im geförderten Bereich sein. Denn nicht zuletzt mit der steigenden Nachfrage werde auch der Preisdruck weiter wachsen, befürchtet die AK. Zugesagt wurden zuletzt etwa 6.400 neue geförderte Wohnungen jährlich.

Neue Flächen sind nicht einfach zu schaffen. In Wien sind ehemalige Gewerbe- und Bahnhofsareale schon weitgehend verplant wie etwa das Viertel um den Nordwestbahnhof und das Gaswerk Leopoldau. Pichler: „In Zukunft wird man auf kleiner strukturierte Flächen setzen müssen“ und auf das Umland von Wien. Denn dort gebe es noch Baulandreserven.

Mehr Pendler, mehr Verkehr

Nicht zuletzt deshalb wächst nicht nur Wien, sondern auch sein Umland – mit allen Konsequenzen für den täglichen Verkehr. Entscheidend für die Lösungssuche ist eine regionale Kooperation über Bundesländergrenzen hinweg, sind sich die Experten einig. Denn mittlerweile pendeln 250.000 Arbeitskräfte von Niederösterreich und dem Burgenland nach Wien und auch etwa 100.000 Wiener nach Niederösterreich.

Verkehrsplaner rechnen mit einer Verkehrszunahme über die Stadtgrenze um über 20 Prozent in den nächsten 15 bis 20 Jahren. Denn während mehr als ein Viertel der Wiener innerhalb der Stadt die Wege mit dem Auto zurücklegt, sind es bei den Pendlern knapp 70 Prozent. Bis 2020 will Wien den Anteil des öffentlichen Verkehrs auf 40 Prozent erhöhen. 2003 waren es noch 33 Prozent.

Eine stärkere Verlagerung auf den öffentlichen Verkehr zieht aber auch hier weitere Investitionen nach sich. „In den Spitzenzeiten stoßen die Wiener Linien bereits heute an Kapazitätsgrenzen“, so Pichler. Er empfiehlt nicht nur eine Ausweitung im U-Bahn-, Straßenbahn- und Busnetz, sondern als kostengünstige Variante auch, das S-Bahn-Netz stärker zu integrieren, da das Schienennetz bereits vorhanden sei. Zudem könne man dadurch den Bedarf an der Stadtgrenze verbessern.

Spielraum gering

Die meisten Maßnahmen, das Bevölkerungswachstum in Wien aufzufangen, kosten Geld. Die Bruttoinvestitionen der Städte und Gemeinden und damit auch von Wien sind stark zurückgegangen. Die Vormachtstellung als kaufkraftstärkstes Bundesland musste Wien an Niederösterreich abtreten - mehr dazu in oesterreich.ORF.at. Doch auch wenn die Schulden im Zuge der Wirtschaftskrise seit 2008 gestiegen sind, liegt Wien im Österreich-Vergleich weiter im guten Mittelfeld. Die Pro-Kopf-Schulden liegen bei 2.554 Euro. Ein Berliner schultert vergleichsweise 17.600 Euro Schulden seiner Stadt.

Zudem habe Wien „keine kurzfristigen Spielereien betrieben“, so AK-Wirtschaftsexperte Tobias Schweitzer, „und nicht privatisiert“. Dennoch sei der Spielraum nicht zuletzt aufgrund der Vorgaben auf europäischer Ebene gering. Schweitzer schlägt daher andere Wege zur Finanzierung vor. Zum einen sollten wachsende Städte und Gemeinden ihre Investitionen nicht mehr zur Gänze in die festgelegte Verschuldungsgrenze einrechnen müssen. Zum anderen könnten über eine höhere Grundsteuer, angepasst an die Wertsteigerung der Grundstücke, neue Einnahmen lukriert werden, so der Ökonom. Das müsste dann aber vom Bund geregelt werden.

Simone Leonhartsberger, ORF.at

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