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Kiews Truppen vor Nahkampf mit Milizen

Ukrainische Regierungstruppen haben allem Anschein nach eine großangelegte Aktion zur Rückeroberung der ostukrainischen Stadt Slawjansk begonnen. Dass die prorussischen Separatisten dabei zwei ukrainische Militärhubschrauber abgeschossen haben, bestätigte auch die ukrainische Regierung. Zwei Soldaten wurden demnach dabei getötet und mehrere weitere verletzt.

Prorussische Kämpfer hätten die Armeehubschrauber vom Typ Mi-24 mit Raketenwerfern beschossen, teilte das Verteidigungsministerium in Kiew mit. Der ukrainische Geheimdienst SBU sah darin einen Beweis dafür, dass in der Ostukraine „ausgebildete ausländische Militärspezialisten“ im Einsatz seien, „und nicht nur Zivilisten, wie die russische Regierung behauptet“. Laut dem ukrainischen Innenminister Arsen Awakow startete die Armee am frühen Freitagmorgen die „aktive Phase“ eines Angriffs auf die Separatisten in Slawjansk und Kramatorsk.

Bewohner sollen in den Häusern bleiben

Ukrainische Soldaten übernahmen laut Awakow die Kontrolle über neun Kontrollpunkte der Milizen. Slawjansk ist demnach umstellt. Er forderte die Einwohner von Slawjansk und Kramatorsk auf, zu Hause zu bleiben. Die ukrainische Armee habe es in der Ostukraine mit „professionellen Söldnern“ zu tun, schrieb Awakow auf seiner Facebook-Seite. Die ukrainischen Soldaten würden mit Raketenwerfern und anderen „schweren Waffen“ angegriffen. Die Regierung in Kiew forderte die Separatisten auf, die von ihnen festgehaltenen Geiseln freizulassen, ihre Waffen niederzulegen und besetzte Gebäude zu räumen.

Pro-russischer bewaffneter Mann vor einer Barrikade bei Slawjansk

Reuters/Baz Ratner

Prorussischer Milizionär in einer Stellung vor Slawjansk

In Slawjansk werden seit einer Woche mehrere internationale Militärbeobachter festgehalten, die unter einem Mandat der OSZE als Stabilisierungsfaktor dienen hätten sollen. Der prorussische Milizenführer Wjatscheslaw Ponomarjow sagte gegenüber der „Bild“-Zeitung, sie würden „an einen sicheren Ort außerhalb der Kampfzone“ gefangen gehalten. Welche Konsequenzen die Kämpfe für die mögliche Freilassung der Männer haben, könne er „zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehen“.

Kirchenglocken in ganzer Stadt läuten

Die Nachrichtenagentur AFP berichtete von Gewehrschüssen und heftigen Explosionen, die während des ganzen Freitagmorgens in Slawjansk zu hören gewesen seien. Ein Hubschrauber kreiste in niedriger Höhe. Die Separatisten setzten ihrerseits Straßensperren und Reifen in Brand, um schwarzen Rauch zu erzeugen. Kirchenglocken läuteten Alarm für die 160.000 Einwohner. Auf ihrer Seite habe es „mehrere Tote“ gegeben, erklärten die Milizen ohne Angaben weiterer Details Freitagmittag.

Putin sieht ukrainische Armee als „Verbrecher“

Slawjansk wird seit mehr als zwei Wochen von prorussischen Milizen kontrolliert. Ihr Anführer Ponomarjow hatte sich selbst zum neuen Bürgermeister ernannt. Der Kreml steht auch in der neuen Entwicklung unverbrüchlich zu ihm und den anderen Separatisten, wie der Sprecher von Kreml-Chef Wladimir Putin Freitagvormittag klarmachte. Die ukrainische Regierung zerstöre mit dem Einsatz gegen moskautreue Aktivisten die „letzte Hoffnung“ auf die Umsetzung des Genfer Abkommens, sagte Putins Sprecher Dimitri Peskow.

Die Führung in Kiew habe in den Kampfmodus geschaltet und greife friedliche Siedlungen an, so Peskow weiter. Er sprach von einer „Strafaktion“ der Regierungstruppen. Putin habe gewarnt, eine solche Operation sei ein Verbrechen. „Leider bestärkt die Entwicklung seine Einschätzung völlig“, sagte Peskow. Die Regierung in Kiew spricht von einem „Anti-Terror-Einsatz“ gegen prorussische Aktivisten.

Separatisten gewannen zuletzt immer mehr Macht

In der Ostukraine werden mittlerweile mehr als ein Dutzend Städte von prorussischen Kräften kontrolliert. Diese lehnen die nach dem Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch gebildete ukrainische Regierung ab und fordern eine föderative Lösung für das Land mit mehr Autonomie für die überwiegend russischsprachigen Gebiete bis hin zu einer Eingliederung in die Russische Föderation - wie mit der Schwarzmeerhalbinsel Krim geschehen. Sie werden vom Kreml unterstützt.

Ukrainische Soldaten besetzten demnach am Freitag auch das Dorf Bilbasiwka. Moskautreue Separatisten hatten ihren Einfluss in der russisch geprägten Ostukraine zuletzt immer weiter ausgedehnt. Sie halten staatliche Gebäude in zahlreichen Städten besetzt, darunter auch die Gebietshauptstädte Donezk und Lugansk. Erst am Donnerstag stürmten rund 300 prorussische Demonstranten in Donezk das Gebäude der Regionalstaatsanwaltschaft.

Ukrainische Polizei in Donezk überrannt

Wie ein AFP-Korrespondent berichtete, warfen die Angreifer in Donezk Steine und Molotow-Cocktails auf rund 100 Bereitschaftspolizisten, die das Gebäude bewachten. Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas, Gummigeschosse und Blendgranaten ein, um die Menge zurückzudrängen, wurden aber überrannt. Mehrere Polizisten und Angreifer wurden verletzt.

Donezk ist die Hauptstadt der von den prorussischen Aktivisten ausgerufenen „Republik Donezk“. Das Gebäude der Regionalverwaltung wurde bereits am 6. April besetzt, das Rathaus zehn Tage später. Im Osten der Ukraine kontrollieren prorussische Milizen derzeit bereits mindestens 14 Städte. Unter anderem nahmen Separatisten zuletzt auch die Gebietsverwaltung der Stadt Lugansk ein. Weitere Verwaltungsgebäude wurden zudem in Gorlowka besetzt.

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