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Dem Wandel unterworfen

Bei einem Nationalpark denkt man zuerst an ursprüngliche Natur, Wildnis, Dickicht - ein Reich, in dem Pflanzen und Tiere uneingeschränkt regieren und der Mensch bestenfalls als Statist auftritt. Beim Nationalpark Donauauen ist das anders - ganz anders.

Denn von ihrem ursprünglichen, wildromantischen Zustand sind der Fluss und die Au weit entfernt. Früher war die Donau ein verzweigtes Netzwerk von Haupt- und Nebenarmen, das sich ständig veränderte. Bis zu sieben Kilometer auf beiden Seiten des Hauptarmes gehörten zum regelmäßig überfluteten Gebiet. Das Wasser riss Bäume aus, schüttete Inseln auf, zerstörte Lebensräume und schuf neue. Die Natur regulierte sich selbst.

Nationalpark Donauauen

ORF.at/Carina Kainz

Schwäne in der Au - eine idyllische Szene

Doch dann folgte die Regulierung durch den Menschen. 100 Jahre, von 1870 bis 1970, verbrachte man damit, den Fluss in ein straffes Korsett zu zwängen. Die Ufer wurden begradigt, Nebenarme abgeschnitten, Bauwerke für den Hochwasserschutz errichtet. Die Schifffahrt gewann an Bedeutung. Eingeschleppte Arten veränderten Flora wie Fauna. Und schließlich wurde der Plan gefasst, die gesamte österreichische Donaustrecke für Wasserkraftwerke zu nutzen. Bis man am Widerstand gegen das Kraftwerk Hainburg im Jahr 1984 scheiterte.

Die Au trocknet aus

Eine Handvoll Aktivisten schaffte es entgegen jeder Wahrscheinlichkeit und unter tatkräftiger Mithilfe der Medien, vor allem der „Kronen Zeitung“, das Projekt zu verhindern und die Stimmung so zu drehen, dass stattdessen die rund 40 Donaukilometer östlich von Wien seit 1996 ein Nationalpark sind. Seither wurden einige Nebenarme wieder geöffnet, Regulierungen rückgebaut - und die Au als Freizeit- und Naturpädagogikoase etabliert. Aber viele der alten Probleme bestehen weiter - und werden sogar drängender.

Plastikmüll im  Nationalpark Donauauen bei Schönau an der Donau

ORF.at/Carina Kainz

Immer wieder ein Problem: Abfall in der Au, hier ein Stück grüner Linoleumboden

Zwei Faktoren drohen die Au zu „verlanden“. Das heißt, dass immer mehr Fläche immer seltener überschwemmt wird, aus der „weichen“ eine „harte“ Au wird, die Auvegetation einem Mischwald weicht. Diese zwei Faktoren sind erstens der sinkende Wasserspiegel aufgrund des tiefer werdenden Flussbetts und zweitens der Feinschlamm, der bei Hochwasser in die Au getragen wird, aber dann nicht mehr ausgewaschen wird, weil die Regulierungsbauwerke den Abtransport der Sedimente verhindern.

Keine Zeit zu vergeuden

Dafür, dass das Flussbett tiefer wird, ist in erster Linie die Regulierung verantwortlich. Ein gerader Fluss mit wenigen Nebenarmen fließt schneller. Schnell fließendes Wasser reißt mehr Material vom Grund weg. Mitverantwortlich dafür und hauptverantwortlich für den vermehrten Transport von Feinschlamm bei Hochwassern sind die Kraftwerke. In ihren Becken stauen sich neben dem groben Schotter, der dann weiter unten im Flussbett fehlt, auch große Mengen Feinschlamm, die konzentriert abgegeben werden, wenn die Donau ausufert.

„Mutter Erde“

Dieser Artikel erscheint im Rahmen der Aktion „Mutter Erde“, einer Umweltinitiative des ORF und der führenden österreichischen Umwelt- und Naturschutzorganisationen. Sie setzt sich in Österreich und auf der ganzen Welt für Klimaschutz und Artenerhalt ein.

Über alles bisher Gesagte sind sich die Nationalparkverwaltung und die Behörden auf der einen Seite und die Umweltschützer auf der anderen Seite grundsätzlich einig. Dass hier dringend gegengesteuert werden muss, dass die Au massiv gefährdet ist, dass man sich keine Zeit mehr lassen darf, das liest man sowohl in den Broschüren des Nationalparks als auch in jenen der Umweltschützer. Aber in der Frage, wie man denn nun gegensteuern könne, lag man bis vor kurzem meilenweit auseinander, und noch immer trennen beide Lager Welten.

Zwei Welten

Grob vereinfacht gibt es, nicht nur in Österreich, den regierungsnahen, institutionalisierten Umweltschutz und den der unabhängigen Kämpferinnen und Kämpfer im Namen der Natur. Wenn man Nationalpark-Direktor Carl Manzano besucht, weiß man gleich, wo man gelandet ist. Er residiert mit seinem Team im Schloss Orth. Hohe Räume, schwere Holzdielen, gekalkte Wände. Manzano, ein adrett gekleideter Herr um die 60 mit buschigen Augenbrauen, empfängt ORF.at in einem ausladenden Besprechungsraum. Manzano trinkt Tee.

Wolfgang Rehn vom Umweltbüro Virus

ORF.at/Simon Hadler

Umweltschützer Wolfgang Rehm im Büro von VIRUS

Drei Tage davor, im Büro der Umweltorganisation VIRUS im Wiener Gegenkulturzentrum WUK, der kulturellen Heimat des durchschnittlichen Wiener WG-Bewohners, wo Autonomie als höchstes Gut gilt: Auch Wolfgang Rehm, Jahrgang 1966, trinkt Tee. Seine Haarpracht mag sich oben gelichtet haben, an den Seiten wallt sie lockig und dicht bis über die Schultern herab. Aus der selbst organisierten Kindergruppe nebenan hört man einen ständigen Klangteppich aus mal fröhlichem, mal wütendem Kindergeschrei. Das Büro ist ordentlich, aber bis oben hin vollgestopft mit Relikten aus 30 Jahren Umweltbewegung - natürlich fehlt auch das Gelbe Pickerl mit der roten Sonne nicht: „Atomkraft? Nein Danke!“

Direktor des NAtionalparks Donauauen Carl Manzano

ORF.at/Simon Hadler

Nationalpark-Direktor Carl Manzano

Das gescheiterte Großprojekt

Manzano erzählt nicht ohne Stolz davon, wie er vom Biologiestudenten und Aktivisten zum Wissenschaftler und Nationalpark-Leiter wurde. Er ist immer noch der erste Direktor, seit 1996 im Amt. Eines seiner größten Vorhaben war das vor zehn Jahren gemeinsam mit der österreichischen Wasserstraßenverwaltung via donau vorgelegte „Flussbauliche Gesamtprojekt“.

Manzano macht keinen Hehl daraus, dass er auf Rehm und seine Mitstreiter sauer ist. Sie haben das Projekt zu Fall gebracht. Er ist sich sicher: Im Rahmen dieses Vorhabens hätte man die drängendsten Probleme lösen können. Seinen Partner, die via donau, das ehemalige Flussbauamt des Infrastrukturministeriums, bezeichnet Manzano als „ASFINAG“ der heimischen Flussschiffahrt - aber mit ökologischem Zusatzauftrag.

Rehm spricht von einer „Bonsai-ASFINAG“. Dass das Herz der via donau in gleichem Maße für die Ökologie schlägt wie für die Schiffe, zweifelt er an. Manzano hingegen meint, das Projekt hätte der Schifffahrt nur wenig gebracht, der Au jedoch sehr viel. Er spricht von einer möglichen „Win-win-Situation“.

Ein Fluss im Fluss für die Schiffe

Fakt ist: Die Europäische Union hat den Rhein-Donau-Korridor als eine von neun transnationalen Europäischen Hauptverkehrsrouten definiert und investiert massiv in den Ausbau der Schifffahrtsstraße. Das klassische Donauschiff braucht weniger Tiefgang, um jedoch den im Rhein üblichen Schiffen an möglichst vielen Tagen im Jahr eine problemlose Durchfahrt zu ermöglichen, sah das Flussbauprojekt eine Vertiefung der Schifffahrtsrinne vor.

Nationalpark Donauauen bei Schönau an der Donau

ORF.at/Carina Kainz

Flache Ufer, Inseln, sattes Grün: Die Au im Idealzustand

Die Donau ist im Schnitt rund 350 Meter breit, 120 Meter davon macht die Schifffahrtsstraße aus. Hier wird gebaggert, hier werden „Buhnen“ gebaut, das sind Bauwerke unter Wasser, die eine Art Kanal innerhalb des Flusses entstehen lassen, wo das Wasser etwas tiefer ist und noch schneller fließt. All das gibt es jetzt schon - und es hätte im Rahmen des Gesamtprojekts erweitert und perfektioniert werden sollen.

Minivariante durchgeboxt

Zusätzlich wollte man neben der Öffnung weiterer Nebenarme das Flussbett abseits der Schifffahrtsrinnen mit Schotter aufschütten. VIRUS und der Umweltdachverband hielten dieses Konzept für zu wenig durchdacht. Die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) zog sich in die Länge. Medien berichteten kritisch. Schließlich wurde die UVP auf Wunsch der via donau ruhend gestellt. Manzano meint, Ministerin Doris Bures habe es irgendwann eben gereicht.

Spendenmöglichkeit

Spenden für Umweltprojekte sind auf der Website Mutter Erde möglich sowie kostenfrei unter der Telefonnummer 0800 - 400 002 und per Erlagschein. Erste Bank, „Umweltinitiative Wir für die Welt“, IBAN: AT44 2011 1800 8008 8000, BIC: GIBAATWWXXX

Zuvor boxte man allerdings noch einen drei Kilometer langen „Naturversuch“ durch, wo man auf der Höhe von Hainburg das Projekt durchzog, auf drei Kilometern Länge. Dabei ging einiges schief. Nationalpark-Direktor Manzano sagt, die Buhnen seien aus lauter Rücksicht auf den Umweltschutz nicht groß genug gebaut worden, mit dem Effekt, dass man danach erst recht ständig für die Schiffe baggern musste. Rehm meint, genauso wären die Buhnen auf der gesamte Länge gebaut worden, hätte man das Gesamtprojekt nicht gestoppt. Dann wären die Folgekosten wohl enorm gewesen.

Eine Idee wurde weggespült

Von einer weiteren Panne berichtet Rehm. Als Korngröße des Schotters, der aufgeschüttet wurde, damit der Grund des Flusses nicht weiter einsinkt, wurden zwischen vier und sieben Zentimeter gewählt. Der Effekt hätte sein sollen, dass die schweren, großen Steine möglichst lange liegen bleiben und nicht dauernd nachgeschüttet werden muss. Das natürliche „Geschiebe“ des Flusses ist ja durch die Staustufen unterbrochen - von hinten kommt nichts nach, wenn der Fluss etwas weiterspült.

Rehm sagt, er und seine Kollegen hätten nicht lange warten müssen, um ihre Bedenken bestätigt zu sehen. Kurz nach der Aufschüttung, im Frühjahr 2013, sei der Schotter im Zuge eines reißenden Hochwassers einfach weggeschwemmt worden. Manzano räumt den Fehler ein, meint aber, um solche Erfahrungen zu machen, hätte man ja den Naturversuch gestartet. Rehm hält dagegen, dass man das schon vorher wissen hätte können. Er habe es gewusst.

Nationalpark Donauauen bei Schönau an der Donau

ORF.at/Carina Kainz

Schotterboden, na und? Die Sache ist komplizierter, als man denkt

Man stelle sich vor, meint Rehm, es wäre wie geplant gleich das Großprojekt durchgezogen worden und man wäre erst nach Fertigstellung draufgekommen, dass das Herzstück des mehrere Hundert Millionen teuren Projekts nicht funktioniert. Rehm arbeitete 16 Jahre am Institut für Risikoforschung der Universität für Bodenkultur in Wien, erst seit kurzem widmet er sich ganz dem außeruniversitären Umweltschutz.

Pfusch am Bau?

Die wissenschaftliche Begleitung des Projekts sei ein Feigenblatt, so Rehm, das Projekt selbst sei das Resultat einer großkoalitionären Mauschelei zwischen dem ÖVP-Land Niederösterreich (zu dessen Einflusssphäre der Nationalpark gehört) und dem SPÖ-Verkehrsministerium (samt via donau). Die Schifffahrt sei im Vordergrund gestanden. Und ökologische Probleme könne man nicht durch Einmal-Husch-Pfusch-Aktionen lösen.

Twincityliner auf der Donau Richtung Bratislava nahe dem Nationalpark Donauauen bei Schönau an der Donau

ORF.at/Carina Kainz

Ein Sonderfall der Schifffahrt: Der Twin City Liner, dessen Wellen in Ufernähe Fischlaich wegschwemmen

Schon jetzt ist das Kraftwerk Freudenau als letzte Staustufe vor dem Nationalpark verpflichtet, Schotter nachzuschütten. Es müsse aber mehr getan werden, weil ja die Donau schon durch die Regulierung an Tiefe verloren habe. Es müssten, so Rehm, regelmäßig höhere Mengen Schotter nachgefüllt werden, und zwar in unterschiedlichen Korngrößen, so, wie Schotter in der Natur vorkomme. Denn abgesehen von allen anderen Problemen würden die Freiräume zwischen ausschließlich großen Steinen leicht verstopfen, wodurch ein wichtiger Lebensraum für zahlreiche Tiere und Pflanzen verlorengehe.

„Die Schifffahrt ist ein Faktum“

Mittlerweile sind auch die via donau und die Nationalparkverwaltung auf diese Linie eingeschwenkt. Man wird nun ein Schottergemisch mit unterschiedlichen Größen verwenden. Und was die Schifffahrt betrifft, sagt Direktor Manzano: Eigentlich würde er sich aus Sicht des Nationalparks wünschen, dass es gar keine gebe. Aber: „Die Schifffahrt ist ein Faktum.“ Und die via donau arbeite für das Infrastrukturministerium, sprich nicht für das Umweltministerium.

Kampf gegen Windmühlen?

Was Manzano meint: Es habe keinen Sinn, gegen Windmühlen anzukämpfen, man müsse sich eben bestmöglich arrangieren und der Schifffahrt ihren Platz einräumen. Auch darauf hat Rehm eine Antwort: Die Schifffahrt brauche keine tieferen Rinnen. Wenn die Kapitäne besser über die natürliche „Talsohle“ Bescheid wüssten, könnten sie meist auch bei niedrigem Wasserstand manövrieren.

Zudem mache ein Drittel des Frachtschiffverkehrs die Voest aus, die aufgrund ihrer Logistik, was die Lagerstände von Rohstoffen betrifft, und aufgrund ihrer Produktionsweise längerfristig kalkulieren könne und bei Niedrigwasser eben weniger Ladung transportiere. Schließlich solle man nach und nach über die Grenzen Österreichs hinweg auf Schiffe umstellen, die weniger Tiefgang haben, aber genauso viel transportieren können - technische Lösungen gebe es bereits. Und überhaupt: Mit sechs Prozent Gesamtvolumen beim Transport sei die Schifffahrt wohl nicht der wichtigste Player, dem man alles opfern müsse.

Flugzeug im Landeanflug nahe dem  Nationalpark Donauauen bei Schönau an der Donau

ORF.at/Carina Kainz

Der nahe Flughafen trübe mitunter das Naturerlebnis, sagt der Nationalpark-Direktor

Der Urwald ist Geschichte

Einig sind sich Rehm und Manzano jedenfalls darin, dass man zwar vieles beträchtlich verbessern könne, den malerischen Urzustand der Donau und der Au aus der Zeit vor der Regulierung 1870 aber nie wieder herstellen können wird. Der Hochwasserschutz habe heute einen anderen Stellenwert. Die Schifffahrt bleibe, sagt der Nationalpark-Direktor, was sie sei: ein Faktum eben. Und ob der Kampf gegen eingeschleppte Arten, vor allem bei den Bäumen, auf lange Sicht erfolgreich sein wird, werde sich ebenfalls erst weisen.

Als unberührter Urwald waren die Donauauen ohnehin nicht gedacht. Die Definition eines Nationalparks sagt, dass menschliche Eingriffe erlaubt sind und sein Sinn sowohl in der Erhaltung der Natur als auch in der ökologischen Volksbildung und der Erholung liege. Wege werden also weiterhin bewirtschaftet, auch damit die Feuerwehren zu Rettungseinsätzen an der Donau durchkommen und damit gejagt werden kann. Bis alle Probleme gelöst sind, wird jedenfalls noch viel Wasser die Donau hinabfließen.

Simon Hadler, ORF.at

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