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Eine Botschaft macht die Runde

Man kann Conchita Wurst mit Sicherheit nicht vorwerfen, dass sie herumdruckst und nicht sagt, was sie denkt: „Mein größtes Ziel ist ein Grammy - und auf dem Weg dorthin nehme ich alles mit, was ich kriegen kann“, sagte die bärtige Sängerin am Sonntag mit funkelnden Augen. Der Weg scheint geebnet.

Bis Sonntagnachmittag wollten viele, die den Song Contest am Samstagabend nicht gesehen hatten, Versäumtes nachholen und klickten auf YouTube das Siegerlied „Rise Like a Phoenix“ insgesamt drei Millionen Mal an. Dass der Auftritt Conchita Wursts Montagfrüh bereits knapp neun Millionen Zugriffe verzeichnen konnte und sogar jener des Halbfinales fünfeinhalb, liegt wohl nicht zuletzt an der intensiven Auseinandersetzung mit dem Phänomen Conchita Wurst über die Grenzen Europas hinaus.

Empfang für Conchita Wurst in Wien Schwechat

ORF/Milenko Badzic

Conchita Wurst sprach nach ihrer umjubelten Ankunft in Wien von einem Sieg gegen Abgrenzung und Diskriminierung und von einem Signal an „einige uns bekannte Politiker“

Hier und dort wurde immer schon reportageartig über den Song Contest berichtet, wenn ein Medium auf der Suche nach Kuriosem war. Heuer jedoch verbreitete sich die Kunde über den Sieg von Conchita Wurst flächendeckend. Zwei Elemente fehlten dabei nie: ein Foto der Sängerin und der Hinweis darauf, dass ihr überwältigendes Abschneiden neben dem Song und ihrem Charisma auch mit ihrer Botschaft der Toleranz und den Schmähungen in einigen Ländern im Vorfeld der Veranstaltung zu tun hat.

„Soziale und politische Trends“

Die „New York Times“ etwa schrieb, der Song Contest spiegle größere soziale und politische Trends wider. Die internationale Kritik an der homosexuellenfeindlichen Gesetzgebung im Russland des Präsidenten Wladimir Putin und am Rande die Ukraine-Krise dürften hier eine Rolle gespielt haben. Gerade in Russland wurde Kritik an Wurst laut. Interessant ist jedenfalls, dass in Russland und einigen anderen Ländern die Jurys kaum für den österreichischen Beitrag stimmten, die Bevölkerung jedoch sehr wohl. Aus Russland gab es immerhin fünf Punkte.

In Brasilien etwa widmete „Folha de Sao Paulo“ der bärtigen Diva einen längeren Artikel. Brasilien ist bekannt für seine bunte homosexuelle und Transgender-Szene - und gleichzeitig für die Diskriminierung Homosexueller im Alltag. Schon der Name, heißt es in dem Artikel, sei als Provokation angelegt. Conchita sei eine Bezeichung für das weibliche Geschlechtsteil im Spanischen und Wurst heiße - nun ja - eben Wurst.

Nicht weniger als die „World Domination“

FM4 widmete sich in einem Artikel der internationalen Berichterstattung und entdeckte dabei, dass sogar die FPÖ zu ein wenig internationaler Aufmerksamkeit gelangte. Die australische TV-Station SBS begleite den Song Contest traditionell ausführlich und habe online geschrieben: „Sogar in Österreich nannte der Führer der rechten FPÖ (Heinz-Christian Strache, Anm.) die Künstlerin lächerlich.“ Mittlerweile gratulierte auch Strache Wurst zum Sieg. Das „Wall Street Journal“ zitierte in einem Blogbeitrag die Pläne der Sängerin, einen Grammy zu gewinnen und in den USA aufzutreten - mehr dazu in fm4.ORF.at. Der Titel des Blogeintrags: „Eurovision Winner Conchita Wurst plans World Domination“.

Erinnerung an Dana International

Für vergleichsweise wenig Aufregung sorgte Wurst dagegen in Israel. Dort erinnerte man sich daran, dass mit der transsexuellen Dana bereits 1998 eine Israelin mit einem fulminanten Auftritt und mit - oder trotz - der Überschreitung herkömmlichen Geschlechterdenkens den Song Contest gewann. Wurst wurde nach ihrem Sieg umgehend auf ihre Vorgängerin angesprochen. „Dana hat vor 16 Jahren gewonnen, und ich bin sehr stolz, Mitglied dieser Familie zu sein. Aber für mich geht das weit über den Sieg einer Transgender-Frau hinaus. Das ist Teil einer Welt, in der man über Dinge wie sexuelle Orientierung und Geschlecht gar nicht mehr reden muss.“ Nach Dana International hatte auch die ukrainische Dragqueen Andrej Michailowitsch Danilko alias Verka Serduchka 2007 mit einem zweiten Platz für Aufsehen gesorgt.

„Ich will die ganze Welt“

Conchita Wurst selbst gab sich am Sonntag jedenfalls überwältigt von den internationalen Reaktionen auf ihren Triumph: „Sogar Lady Gaga hat getwittert: Conchita Wurst, you complete me.“ (Du vervollständigst mich.) Nun wolle sie weiter Musik machen, das sei das Hauptziel, und sich nicht aufhalten lassen. Anrufe von TV-Produzenten aus Los Angeles seien bereits eingetrudelt, wurde ihr von ihrem Manager mitgeteilt. Nächster Schritt New York? „Natürlich, ich will die ganze Welt.“

Europa hat sie ja schon in der Tasche. Aus Sicht des deutschen Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ habe man es jedenfalls nicht nur mit dem viertbesten Ergebnis in der Geschichte des Wettbewerbs zu tun, „es war auch ein im besten Sinne europäisches Ergebnis“.

Endergebnis der Punkteverteilung

ORF/EBU

Auch wenn Conchita Wurst nach dem Semifinale zum Kreis der Favoriten zählte - das Ergebnis kam Samstagabend nicht nur in Österreich einem Knalleffekt gleich

„Bombastische Kitschexplosion“

Ungeachtet rekordverdächtiger 290 Punkte zeigte sich ein „altgedienter“ Song-Contest-Kommentator laut „Süddeutscher Zeitung“ („SZ“) durchaus überzeugt, dass „Rise Like A Phoenix“ sicherlich nicht jedem gefallen habe und „die bombastische Kitschexplosion in jedem James-Bond-Vorspann besser aufgehoben wäre als bei einem Schlagerfest“. Wurst habe aber selbst aus Gegenden zwölf Punkte bekommen, „von denen man bisher annahm, dass man dort das Wort Toleranz nicht einmal buchstabieren könnte“. Damit steht der Zeitung zufolge fest: „Europa ist toleranter, als manche vielleicht denken.“

Insgesamt bekam Wurst 13-mal die Höchstwertung von zwölf Punkten - darunter aus dem erzkatholischen Irland ebenso wie aus Israel. Auch die zehn Punkte aus Georgien, die acht Punkte aus der Ukraine und fünf Punkte aus dem wegen seiner Anti-Homosexuellen-Gesetze stark kritisierten Russland standen im Vorfeld nicht auf der Rechnung. Nichts wurde es indes der von der „sicheren Zwölferbank“ Deutschland erwarteten Höchstpunktezahl. Der Grund: Während die deutschen Zuschauer Wurst auf Platz eins wählten, sah die fünfköpfige Expertenjury - darunter der Berliner Rapper Sido - sie nur auf Rang elf, weswegen sich Wurst auch mit sieben Punkten aus Deutschland begnügen musste.

„Europa im Wurst-Wahnsinn“

Im Gegensatz zur deutschen Song-Contest-Jury stand laut deutscher „Bild“-Zeitung Wurst bereits vor dem Finale zumindest als „Siegerin der Herzen“ fest - nach dem Triumph sei in Europa aber endgültig der „Wurst-Wahnsinn“ ausgebrochen. Unerwartetes Lob kam zunächst auch aus Russland. „Ob er einen Bart hat oder keinen Bart, ob er Mann ist oder Frau - das ist unwichtig, es ist ein Wettbewerb“, so Russlands „Pop-Papst“ Filipp Kirkorow im russischen Staatsfernsehen.

Gänzlich verstummen will die Kritik am Auftritt von Wurst in Russland allerdings auch weiterhin nicht. Das Ergebnis zeige „Anhängern einer europäischen Integration, was sie dabei erwartet - ein Mädchen mit Bart“, schrieb Vizepremier Dimitri Rogosin auf Twitter. Der nationalistische Abgeordnete Wladimir Schirinowski sagte Europa gar den Untergang voraus. Imrussischen TV-Sender Rossija war zudem von der „schlimmsten Niederlage der Europäischen Union“ die Rede.

Bild der Kaiserin Sisi mit Vollbart

Screenshot twitter.com

Der „Conchita-Bart“ zählt bereits seit dem Semifinale zu einem kaum übersehbaren Trend auf Twitter

Abschätzige Kommentare über Song-Contest-Siegerin Wurst waren auch im TV-Sender RTS in Serbien zu hören. Der Sender wurde vom Belgrader Schwulen- und Lesben-Infozentrum aufgefordert, sich für das Verhalten seiner Moderatoren zu entschuldigen: „Es ist unzulässig, die transsexuelle Person Conchita Wurst in den Bereich des Bizarren, eines Zirkus oder einer Freakshow zu versetzen und jedes Mal zu staunen, wenn sie die höchste Punktezahl erhielt“, so Predrag Azdejkovic, Leiter des Infozentrums.

„Ohrfeige für alle Homophoben“

In der norwegischen Zeitung „Aftenposten“ wurde das Song-Contest-Ergebnis als „Ohrfeige für alle Homophoben in Europa“ gefeiert. „Sie ist nicht mehr eine bärtige Frau, sie wurde zur Königin Europas erhoben“, schrieb „Ilta-Sanomat“ aus Finnland. Im schwedischen „Svenska Dagbladet“ wurde daran erinnert, dass die Publikumsunterstützung für Conchita Wurst bereits im Semifinale „beispiellos“ gewesen sei: „Am Samstag riss sie dann alle mit sich. (...) Ich glaube, ich habe noch nie einen vergleichbaren Applaus in der Geschichte des Song Contests gehört.“

Dass das Thema Conchita Wurst und Song Contest am Sonntag auch die heimische Medienlandschaft prägte, liegt auf der Hand. „Das scheinbar Undenkbare“ ist für den „Standard“ „wahr geworden“, „die Sensation – die sich in den vergangenen Tagen schon angekündigt hatte – ist perfekt“. „Alles Wurst“, so der „Kurier“, „Merci Conchy“, schrieb die "Presse, „Conchita, jetzt bist du unsterblich“, die Zeitung „Österreich“ (jeweils Onlineausgaben).

„Etwas anderes als die Lederhosenkultur“

Nachdem der Song Contest bereits in den vergangenen Jahren in Sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und Co. zelebriert worden war, sprengte der Sieg von Wurst diesmal - zumindest hierzulande - auch die zum Thema bekannten Grenzen. Auf Facebook vereinte Wurst beispielsweise vor ihrem Sieg beachtliche 90.000 Fans - Sonntagabend lag die Zahl schließlich bei weit über 400.000. Ähnlich das Bild auf Twitter, wo die Zahl der Followers von 9.000 auf über 70.000 geradezu explodierte.

Mit Ausnahme von „#Muttertag“ dominierten am Sonntag in Österreich ausschließlich Schlagworte wie „#wurst“, „#Conchita“ und „#songcontest“ das Geschehen auf Twitter. Unter die zahlreichen Gratulanten reihten sich auch ehemalige heimische Song-Contest-Teilnehmer. Der bisher einzige und letzte Gewinner Udo Jürgens zollte Österreichs Auftritt Lob und Respekt: Er freue sich sehr, dass sein Heimatland den Mut gehabt habe, Conchita Wurst auf dem Weg zum ESC-Finale zu unterstützen: „Das ist doch etwas anderes als die Lederhosenkultur“, so Jürgens laut dpa.

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