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Stadtentwicklung im Eiltempo

1850 hatte Wien gut eine halbe Million Einwohner. 20 Jahre später waren es fast doppelt so viele. Entsprechend stark hat sich in dieser Epoche auch die Stadt verändert - in allen Lebensbereichen. In der Ausstellung „Experiment Metropole - 1873: Wien und die Weltausstellung“ widmet sich das Wien Museum nun diesen Transformationen, mit besonderem Augenmerk auf die Weltausstellung 1873 und die Impulse, die von ihr ausgingen.

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Nachdem London und Paris bereits zweimal eine Weltausstellung ausgerichtet hatten, wollte man sich 1873 in Wien nicht lumpen lassen. Der Ehrgeiz, durch die Schau internationale Bedeutung zu erlangen, trieb die Stadt zu einer wahren Protzorgie. Alles musste auf jeden Fall größer und besser sein als bei Ausstellungen zuvor. Mit der Rotunde, dem damals größten Kuppelbau der Welt, einer Ausstellungsfläche im Prater, fünfmal größer als jene zuvor in Paris, und 53.000 Ausstellern aus der ganzen Welt versuchte man, die Welt zu beeindrucken.

Überzogene Budgets, finanzieller Misserfolg

Über sieben Millionen Besucher kamen von Mai bis November in die Stadt und bescherten Wien tatsächlich die erhoffte internationale Beachtung. Dennoch: Die Weltausstellung wurde zu einem finanziellen Misserfolg. Wie bis heute bei Großereignissen so gut wie normal, überschritt man schon in der Errichtungsphase das vorangeschlagene Budget von sechs Millionen Gulden.

Bau des Industriepalasts, 1872

Wien Museum

Der Bau des Industriepalasts auf dem Weltausstellungsgelände im Prater

Am Ende der Schau standen Einnahmen von 4,2 Mio. Gulden Ausgaben von 19 Mio. Gulden gegenüber - ein Debakel, das man vornehmlich dem Generaldirektor der Ausstellung, Wilhelm Freiherr von Schwarz-Senborn, anlastete, obwohl Choleraepidemie und der große Börsenkrach am 9. Mai 1873 sicher auch das Ihre dazu beitrugen.

Positive Impulse für Wirtschaft und Forschung

„Um Illustrationen ärmer, um Erfahrungen reicher nehmen wir heute am Tage Allerseelen, am Tage der Trauer, Abschied von der bang bewegten Epoche der Täuschung und Enttäuschung, beschließen wir die unglückselige Ausstellungszeit“, schrieb das „Neue Wiener Tagblatt“ im November 1873. Obwohl solche und ähnliche Kommentare die Berichterstattung über das Ereignis prägten, war die Bilanz in einer anderen Wahrnehmung völlig konträr: in jener der Aussteller, der Wirtschaftstreibenden und des Fachpublikums. Das Hauptanliegen der Weltausstellung, die Wirtschaftsförderung und der wissenschaftlich-technologische Austausch, wurde nämlich durchaus erfüllt.

Aquarell zeigt Pferdetramway Schottenring–Dornbach,1868

Wien Museum

Auch die Pferdetramway war eine höchst beliebte Errungenschaft der 1870er-Jahre

Walzer, Bahnhöfe und Ringstraßenpalais

Die Ausstellung im Wien Museum verfolgt aber neben dem direkten Geschehen rund um die Weltausstellung noch einen weiteren Erzählstrang. Im Bereich „Wien um 1870“ geht es nämlich um viel mehr als die Vorbereitungen zur großen Schau. Denn auch unabhängig davon war in Wien sehr viel Maßgebliches in Bewegung - vom Bau der Ringstraße und ihrer Palais, von vier großen Bahnhöfen und der Regulierung der Donau bis zum Aufleben der Kulturszene mit Walzer und Operetten.

Die Rettung des Wienerwalds

Dabei lassen sich auch viele Details entdecken, die man vielleicht nicht unmittelbar dort erwarten würde. Etwa, dass auch die erste große Umweltkampagne Österreichs in diese Zeit fiel. 1871/72 standen große Bestände des Wienerwalds vor dem Verkauf an einen Holzgroßhändler und wären damit zur Abholzung freigegeben worden. Das Finanzministerium spekulierte auf eine gewaltige Summe Geld, die den leeren Kassen durchaus gelegen gekommen wäre. Der Journalist Josef Schöffel schaffte es aber, die Öffentlichkeit aufzurütteln und damit das Naherholungsgebiet vor dem Ausverkauf zu bewahren und bis heute zu bewahren.

Siegerentwurf für das neue Wiener Rathaus 1869 von Friedrich von Schmidt

Wien Museum

Siegerentwurf des Rathauses 1889

Auf dieselbe Zeit soll auch eine andere Tradition zurückgehen. 1873 wurde mit der Hochquellwasserleitung eine hygienische Jahrhundertleistung eröffnet. Weil die Cafetiers demonstrieren wollten, dass sie ihre Speisen und Getränke mit dem sauberen Wasser zubereiteten, servierten sie ein Glas Wasser zum Kaffee - was bis heute zum guten Ton in Wiener Lokalen gehört.

Ausstellungshinweis

„Experiment Metropole - 1873: Wien und die Weltausstellung“, Wien Museum am Karlsplatz, dienstags bis sonntags 10.00 bis 18.00 Uhr, montags geschlossen. Zur Ausstellung ist ein Katalog (580 Seiten, 39 Euro) erschienen.

Katalog als Zeitkompendium

In der Ausstellung im Wien Museum widmet man sich nun in drei Räumen diesen und vielen anderen Lebensbereichen, die durch die Errungenschaften der Jahre um die Weltausstellung nachhaltig verändert wurden - wegweisenden Innovationen in den Bereichen Medizin, Technik und Architektur. Auf den Katalog sei diesmal im Speziellen verwiesen: Auf 580 Seiten bildet er detailreich nicht nur die Ausstellungshinhalte ab, sondern ist ein ansehnliches Zeitkompendium, das durchzublättern sich lohnt.

Sophia Felbermair, ORF.at

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