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„Haben entschieden, Streik fortzusetzen“

Wenige Tage vor dem Fußball-WM-Auftakt in Brasilien ist kein Ende des Streiks der U-Bahn-Angestellten in der Metropole Sao Paulo in Sicht. Gespräche zwischen Vertretern der Gewerkschaft und Unternehmensleitung brachten am Freitagabend keinen Durchbruch. Die U-Bahn-Beschäftigten stimmten daraufhin für die Fortsetzung des Streiks.

„Wir haben entschieden, den Streik fortzusetzen“, sagte ein Gewerkschaftssprecher. Die Streikenden hatten zuvor angebotene Lohnerhöhungen von 8,7 Prozent abgelehnt. Sie wollen mindestens 12,2 Prozent, ursprünglich wollten die Beschäftigten wegen der galoppierenden Inflation sogar ein Plus von 16,5 Prozent durchsetzen.

Starkes Druckmittel

Doch als Druckmittel für die Durchsetzung ihrer Anliegen dient nichts Geringeres als das Eröffnungsspiel der WM, in dem am kommenden Freitag (22.00 Uhr MESZ) Veranstalter Brasilien auf Kroatien trifft. Ein absolutes Verkehrschaos in der Metropole mit ihren 20 Millionen Einwohnern wäre also vorprogrammiert. Denn betroffen sind auch die Linien zum Corinthians-Stadion, wo das Match stattfindet. Der Streik könnte die Organisatoren zu improvisierten Transportmöglichkeiten für Zehntausende Fans zwingen - ein Notfallszenario, das Brasiliens Regierung und der Fußballweltverband (FIFA) verhindern wollten.

250 Kilometer Stau in der Stadt

Seit Donnerstag, dem ersten Tag der Arbeitsniederlegung, gibt es massive Schwierigkeiten, denn auf die U-Bahn sind täglich 4,5 Millionen Menschen angewiesen. Am Donnerstag hatte die U-Bahn allerdings nur 1,8 Millionen Passagiere befördert und damit nur 40 Prozent der durchschnittlichen Tageskapazität. Auf vielen Linien fuhren die U-Bahnen auch am Freitag nur unregelmäßig.

Die Folgen sind oberirdisch nicht zu übersehen: Am Freitag hatten sich wegen des Streiks und einer parallel laufenden Arbeitsniederlegung von 75 Prozent der städtischen Verkehrspolizisten Rekordstaus mit einer Länge von bis zu 250 Kilometern gebildet. Zahlreiche defekte Ampeln und strömender Regen verschärften die Situation auf den Straßen zusätzlich. Bereits tags zuvor hatte die Staulänge insgesamt bereits 209 Kilometer betragen.

Zusammenstöße zwischen Streikenden und Polizei

Am Freitag gab es in einer U-Bahn-Station Zusammenstöße zwischen Streikenden und der Polizei. An der blockierten Station Ana Rosa, einem zentralen Verkehrsknotenpunkt der Stadt, kam es nach Polizeiangaben Freitagfrüh (Ortszeit) zunächst zu Auseinandersetzungen zwischen Streikenden und Pendlern, die die U-Bahn nutzen wollten. Daraufhin griffen die Sicherheitskräfte ein.

Polizisten schlagen sich mit Streikenden

AP/Nelson Antoine

Zusammenstöße zwischen Streikenden und der Polizei

Polizisten gingen mit Tränengas und Schlagstöcken gegen die Streikposten vor, der TV-Sender „Globo News“ zeigte Beamte mit Schutzschilden im Einsatz. Die Station wurde schließlich aus Sicherheitsgründen abgeriegelt. Ohne Zwischenfälle verlief dagegen ein Protest von 3.000 Menschen vor der brasilianischen Zentralbank in Sao Paulo. Die Kundgebung richtete sich gegen die starken Preissteigerungen im Land und die Wirtschaftspolitik der Regierung.

Minister räumt Defizite ein

In den vergangenen Wochen wurden wegen Verzögerungen auf Baustellen immer wieder Zweifel laut, ob Brasilien die Weltmeisterschaft stemmen kann. Auch das Eröffnungsstadion ist nach wie vor nicht fertiggestellt. Die zwölf Stadien würden voraussichtlich pünktlich fertig sein, sagte FIFA-Generalsekretär Jerome Falcke. Allerdings stünden noch letzte Arbeiten aus. In einigen Stadien müssten noch Sitze montiert werden, in anderen fehlten die Generatoren. „Es sieht so aus, als ob noch einiges zu tun ist“, sagte Valcke. Das sei aber normal. „Wir haben keine Angst vor den kommenden Tagen.“

Erst zuletzt räumte Brasiliens Sportminister Defizite bei den Vorbereitungen des Großevents ein. „Wir haben alles getan, was in unseren Möglichkeiten lag. Daher ist alles so nahe wie möglich an der Fertigstellung“, sagte Aldo Rebelo am Donnerstag in Sao Paulo. Er könne sich keine Urkunde an die Wand hängen, auf der „Alles ist bereit“ steht. Bereits vor einem Jahr beim Confederations Cup - der WM-Generalprobe - hatte es in Sao Paulo Massenproteste gegeben, die die Ausrichtung des Turniers erheblich beeinträchtigten.

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