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Entlarvung allerorten

Im Rahmen der Reihe „Autorinnen über Autorinnen“ im Wiener Rathaus am Dienstagabend hat sich die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz hauptsächlich auf Bertha von Suttners Roman „Die Waffen nieder!“ bezogen - aber nicht nur.

Streeruwitz kritisierte die sexistische Rezeptionsgeschichte Von Suttners - die bis in den Wikipedia-Eintrag hineinreiche. Auf unzulässige Art und Weise würden gerade bei Frauen Rückschlüsse aus der Biografie auf das Werk gezogen.

Einen seltsamen Blick werfe man auf die Autorin etwa, wenn man auf Wikipedia breittrete, dass sie als ehemalige Gouvernante ihres Mannes Arthur diesen später heiratete. Ohne nähere Einblicke könne dadurch der Eindruck entstehen, Von Suttner habe den Burschen auf ehrenrührige Weise in die Sexualität eingeführt und ihn sich dann gleich behalten. Heirate ein 30-jähriger Mann hingegen eine 23-jährige Frau, werde das nie despektierlich erwähnt.

Streeruwitz ortet „patrilineare Feudalität“

Zugleich könne man in dem Wikipedia-Eintrag auch ein Beispiel von patrilinearer Feudalität sehen - weil vieles in Von Suttners Biografie von ihrem Vater abgeleitet werde. Zum Vergleich empfiehlt Streeruwitz den Eintrag über Pablo Picasso. Dessen Kunst werde nicht ständig in den Kontext der Biografie gestellt. Sie dürfe für sich selbst stehen, anders als das Werk Von Suttners.

Das sei genauso eine Form von Sexismus wie der Satz, in dem es heißt, dass Von Suttner auch nach ihrer Rückkehr auf das Schloss in Österreich weitergeschrieben habe - ganz so, als hätte das Schlossfräulein danach nun wirklich zu schreiben aufhören können. Das Schlossfräulein sei ja jetzt wieder versorgt gewesen. Streeruwitz nennt Sprache in diesem Zusammenhang „wirkmächtig“.

„Die Waffen nieder!“ weiterhin aktuell

Ganz im Gegenteil dazu habe Von Suttner die Sprache zu nutzen gewusst. Ihren Roman „Die Waffen nieder!“ lobte Streeruwitz als „Entlarvungsroman“. Der Roman zeige, dass Frauen nicht nur eine Leidensgeschichte und Männer nicht nur Mutgeschichten hätten. Auch Frauen, werde hier vorgeführt, dürften Begehren haben, leben und lieben - und umgekehrt dürften Männer Angst haben. Der Roman sei nicht historisierend, sondern auch heute wichtig. Er könne durchaus in die Wirklichkeit des Jetzt übertragen werden.

Der Roman sei auch in seiner Struktur liberal, er gebe der Leserin und dem Leser in erstaunlicher Weise das Lesen frei, die Befreiung aus den Mythen des Militarismus werde dem Publikum überlassen. Es werde nicht schwadroniert, wie in typischen Männerromanen, sondern Mut bedeute hier nicht automatisch Kriegsbegeisterung. Frau zu sein heiße nicht unterworfen zu sein. Erst, so Streeruwitz, wenn Hierarchien abgebaut würden, könne es ein echtes Miteinander geben. Erst wenn Menschen nicht mehr unterwürfig seien, könne es ein tolerantes Miteinander geben. Streeruwitz’ Rede wird im Herbst im Mandelbaum Verlag erscheinen.

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