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Ein Leben an der Zeitenwende

Bertha von Suttner ist 1843 als Tochter von Franz Joseph Graf Kinsky von Wchinitz und Tettau in Prag geboren worden. Der 75-jährige Vater war bereits kurz davor gestorben. Seine Verehelichung mit Sophie von Körner galt als nicht standesgemäß, sodass das Verhältnis von Witwe und Halbwaise zum Rest der Familie distanziert war.

Bertha erhielt eine traditionelle Mädchenerziehung in Sprachen, Literatur, Musik (Klavier und Gesang). Auf Reisen u. a. nach Wiesbaden und Homburg versuchte Mutter Sophie vergeblich, ein großes Vermögen am Spieltisch zu machen. Trotz mehrerer, teils vielversprechender Verehrer und Verlobungen kam eine Heirat Berthas im damals dafür vorgesehenen Alter nicht zustande.

Schließlich waren alle geerbten finanziellen Reserven aufgezehrt, und die mittlerweile 30-jährige Bertha übernahm die Stelle einer Gouvernante und Gesellschafterin für die vier Töchter Carl von Suttners im Stadtpalais des „Industriebarons“ in der Canovagasse in Wien-Wieden und im Landschloss Harmannsdorf in Niederösterreich. Sie verliebte sich in den sieben Jahre jüngeren Arthur, den jüngsten Sohn des Hauses.

Als Sekretärin von Alfred Nobel

Das geheime Verhältnis flog auf. Es gab keine Zustimmung zu einer Heirat, im Gegenteil legte Arthurs Mutter Bertha die Trennung nahe. Sie zeigte ihr eine Annonce eines reichen, älteren Herrn in Paris, der eine Sekretärin sucht: der Industriemagnat Alfred Nobel. Die kurze Zeit bei Nobel war entscheidend für Berthas spätere Friedensarbeit. Nobel glaubte idealistisch an eine Veredelung der Menschheit durch Kunst und Erfindungen, die zu Frieden führt. Nach einer Depesche Arthurs, er könne nicht ohne sie leben, verließ Bertha den Posten bei Nobel wieder.

Heimliche Hochzeit, Leben im Exil

Am 12. Juni 1876 heiratete sie Arthur von Suttner heimlich in Wien. Es folgte die neunjährige „Flucht“ in den Kaukasus. Fürstin Ekaterine von Mingrelien, die Bertha in Homburg kennengelernt hatte und mit der sie korrespondierte, hatte sie dorthin eingeladen. Das Leben im heutigen Georgien, das damals unter russischer Herrschaft stand, gestaltete sich dennoch wegen der finanziell prekären Verhältnisse schwierig. Bertha und Arthur verdienten ihren Lebensunterhalt mit Musik- und Französischunterricht bzw. dem Zeichnen von Bauplänen und Entwerfen von Tapetenmustern.

Zugleich begannen beide eine schriftstellerische und journalistische Tätigkeit: Berichte für Zeitungen und Zeitschriften in Europa, Unterhaltungsromane. 1883 erschien in Leipzig Berthas erster Roman „Inventarium einer Seele“ unter ihrem Pseudonym B. Oulet, in dem sich ihre Fortschrittsüberzeugung manifestiert. Schließlich erfolgte die Aussöhnung mit den (Schwieger-)Eltern und die Rückkehr. Bertha setzte auf Schloss Harmannsdorf (Gemeinde Burgschleinitz-Kühnring im Bezirk Horn) ihre schriftstellerische Arbeit fort, traf Nobel in Paris wieder und knüpfte erste Kontakte zur Friedensbewegung.

Durchbruch mit „Die Waffen nieder!“

1889 erschien ihr in Form eines Vorlesungszyklus geschriebenes Buch „Maschinenalter“ gegen Nationalismus, die Diskriminierung der Frau und für Freiheit in Kunst und Wissenschaft. Im gleichen Jahr erschien - nach Ablehnung durch mehrere Zeitschriften und Verlage - der Roman „Die Waffen nieder!“ unter Von Suttners eigenem Namen in zunächst kleiner Auflage.

Das Werk, die fiktive Autobiografie der Adeligen Martha, deren Leben vom Krieg bestimmt wird, ist zu Gänze dem Friedensgedanken gewidmet. Es wurde zu einem der größten Bucherfolge des 19. Jahrhunderts und in viele Sprachen übersetzt. Von Suttner avancierte dadurch international zur „Friedenskämpferin“. Sie selbst betonte, dass ihr Friedensengagement nicht auf miterlebte Kriegserlebnisse zurückging, sondern auf ihre Überzeugung.

Von Suttner gründete in der Folge die Österreichische Friedensgesellschaft und übernahm die Präsidentschaft. Bei der dritten Weltfriedenskonferenz in Rom wurde sie zu deren Vizepräsidentin gewählt. Gemeinsam mit ihrem Mitstreiter, dem Buchhändler Alfred Herrmann Fried (Friedensnobelpreisträger 1911), lancierte sie auch die Zeitschrift „Die Waffen nieder! Monatsschrift zur Förderung der Friedensidee“. Und sie initiierte die Deutsche Friedensgesellschaft.

Zielscheibe der Karikaturisten

1897 überreichte Von Suttner Kaiser Franz Joseph eine Petition für die Schaffung eines internationalen Schiedsgerichts. Im Mai 1899 nahm sie an der von der pazifistischen Bewegung angestoßenen Haager Friedenskonferenz teil. Diese brachte zwar ein internationales Schiedssystem auf den Weg, brachte sonst aber keine (Abrüstungs-)Erfolge. Die enttäuschte „Friedensbertha“ wurde so zur Zielscheibe der Karikaturisten.

1902 starb Arthur von Suttner. Die Witwe zog nach Wien, denn Schloss Harmannsdorf musste versteigert werden. Schon in den Jahren davor war die private Finanzlage erneut prekär gewesen. Die Güter und Steinbrüche der Familie warfen kaum etwas ab, mit Unterhaltungsliteratur waren Bertha und Arthur nicht erfolgreich. Im Jahr darauf veröffentlichte Von Suttner eine Fortsetzung von „Die Waffen nieder!“, „Marthas Kinder“ - das Buch erlangte allerdings wenig Popularität. Von Suttner gab ihr Engagement jedoch nicht auf: Auf einer USA-Reise anlässlich eines Friedenskongresses in Boston wurde Von Suttner von Präsident Theodore Roosevelt im Weißen Haus in Washington empfangen.

Mit Friedensnobelpreis ausgezeichnet

Am 10. Dezember 1905 erhielt Von Suttner, auf Vortragsreise in Deutschland, die Nachricht von der Zuerkennung des Friedensnobelpreises als erste Frau. Alfred Nobel war neun Jahre zuvor in San Remo gestorben und hatte den Preis in seinem Testament gestiftet. Erste Preisträger waren 1901 Henri Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes, sowie Frederic Passy, der Gründer der ersten Friedensgesellschaft in Frankreich, gewesen.

Am 18. April 1906 bei der Entgegennahme des Nobelpreises im norwegischen Parlament (Storting) in Christiania (heute: Oslo) sagte die Laureatin: Eine der ewigen Wahrheiten sei, „dass Frieden die Grundlage und das Endziel des Glückes ist“, und eine der ewigen Rechte „ist das Recht auf das eigene Leben“. Beides werde „im gegenwärtigen Stande der menschlichen Kultur“ jedoch wenig befolgt. „Auf Verleugnung der Friedensmöglichkeit, auf Geringschätzung des Lebens, auf den Zwang zum Töten ist bisher die ganze militärisch organisierte Gesellschaftsordnung aufgebaut“, analysierte sie.

Vergebliche Warnungen

1906 erschien außerdem eine Gesamtausgabe der bisherigen Schriften der „Friedenskämpferin“. Im Jahr darauf scheiterte auch die zweite Haager Friedenskonferenz: Die Zeichen in Europa standen auf Aufrüstung. Von Suttner sprach von „Konferenzen zur Konsolidierung des Krieges“. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg häuften sich die Krisen in Europa, Von Suttner warnte vergeblich vor dem Krieg und insbesondere der Luft als neuem Kampfschauplatz.

Im April 1914 nahm noch ein Filmteam Von Suttner für eine Dokuszene im Rahmen einer norwegischen Verfilmung von „Die Waffen nieder!“ an ihrem Schreibtisch auf. Der bis heute erhaltene Film wurde erst in den 20er Jahren - ohne Erfolg - aufgeführt. Am 21. Juni 1914 starb Bertha von Suttner 71-jährig in Wien. Sie litt an Magenkrebs. Ihr Leichnam wurde wie der ihres Mann in Gotha verbrannt, die Urne befindet sich noch heute im dortigen Kolumbarium.

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