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Eine Stimme für Friede und Freiheit

Unermüdlich warnte Österreichs Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner angesichts der sich häufenden Krisen Anfang des 20. Jahrhunderts vor einem großen Krieg. Als der Erste Weltkrieg dann tatsächlich ausbrach, war ihre Stimme jedoch bereits für immer verstummt: Sie starb eine Woche vor den Schüssen von Sarajevo am 21. Juni 1914 in Wien.

Die vehemente Pazifistin war in den Vorkriegstagen bereits eine ältere Dame von über 70 Jahren, verwitwet, mit Geldsorgen. Geschwächt und zwischen Optimismus und wütender Ohnmacht schwankend, standen sie und die Anhänger des Pazifismus einer schier übermächtigen Strömung in den Gesellschaften Europas für Aufrüstung und für den Krieg gegenüber.

„Die Grundlage des Glückes“

Am 18. April 1906 bei der Entgegennahme des Nobelpreises im norwegischen Parlament (Storting) in Christiania (heute Oslo) sagte die Laureatin: Eine der ewigen Wahrheiten sei, „dass Frieden die Grundlage und das Endziel des Glückes ist“, und eine der ewigen Rechte „ist das Recht auf das eigene Leben“. Beides werde „im gegenwärtigen Stande der menschlichen Kultur“ jedoch wenig befolgt. „Auf Verleugnung der Friedensmöglichkeit, auf Geringschätzung des Lebens, auf den Zwang zum Töten ist bisher die ganze militärisch organisierte Gesellschaftsordnung aufgebaut“, analysierte die erste weibliche Nobelpreisträgerin.

Bertha von Suttner

picturedesk.com/Mertens, Mai & Cie/ÖNB-Bildarchiv /

Bertha von Suttner, 1908

Zu Lebzeiten war Von Suttner dabei aber lediglich im Ausland eine anerkannte Leitfigur der Friedensbewegung. In den USA wurde sie auf einer USA-Vortragsreise 1912 gefeiert. In der Habsburgermonarchie wurde sie nicht zuletzt wegen ihrer liberalen, antiklerikalen Gesinnung und ihres Eintretens für Frauenrechte Zielscheibe von Kritik und Spott.

So zeigte sie etwa eine Karikatur auf dem Titelblatt der in Wien erscheinenden humoristischen Zeitschrift „Die Muskete“ aus dem Jahr 1909 als grämlich dreinschauende Matrone mit einem Soldaten auf dem Schoß, der schlaff sein Gesicht auf ihrem Busen ruhen lässt.

Schwerer Stand im zerfallenden System

Von Suttners antinationalistische Gesinnung machte sie schließlich nicht nur Deutschnationalen, sondern auch allen anderen Lagern im auseinanderbrechenden Vielvölkerstaat suspekt, statt dass sie einigende Kräfte mobilisierte. Der Konflikt um die „italienischen Österreicher“, der „Nationalitätenkampf“ in den böhmischen Ländern, die Annexion Bosnien-Herzegowinas durch Österreich-Ungarn samt Debatte über einen „Präventivkrieg“ gegen Serbien, die Einnahme von Tripolis und der anderen letzten Besitzungen des Osmanischen Reiches in Nordafrika durch Italien, bei der erstmals Bomben aus Flugzeugen abgeworfen wurden - das alles ließ Von Suttner Alarm schlagen.

Und auch die beiden Balkankriege, die Krise zwischen Deutschland und Frankreich um die Zabern-Affäre, als preußisches Militär in der Stadt in Elsass-Lothringen willkürlich gegen Proteste der Bevölkerung vorging, verhießen nichts Gutes. „Diese ganze Kriegspartei Europas treibt jetzt ordentlich zu einer Katastrophe. (...) So viel Zündstoff lässt sich doch nicht ansammeln, ohne dass es schließlich losgeht. Narrenturm, elendiger!“ Österreich werde zusammenbrechen.

Hohn und Spott statt Unterstützung

Ihre Warnungen waren Vorhersagen, die sich erfüllten. Ein internationaler Friedenskongress in Wien sollte den großen Krieg noch verhindern. Als Mitorganisatorin stieß Von Suttner allerdings neben Finanzierungsschwierigkeiten nur auf „Feindschaft bei Hof, Adel, Kirche“ sowie Militarismus in der Presse und keine Unterstützung Intellektueller.

Buchhinweis

Brigitte Hamann: Bertha von Suttner. Kämpferin für den Frieden. Brandstätter Verlag, 320 Seiten, 25 Euro.

„Das Schwert ist Mannes eigen - wo Männer fechten, hat das Weib zu schweigen“, schrieb der Schriftsteller und Rechtswissenschaftler Felix Dahn, der sich wie auch Rainer Maria Rilke, Stefan Zweig und Karl Kraus über Von Suttner mokierte. „Es schweigt nicht, Herr Professor“, gab die Verhöhnte schlagfertig zurück.

Kraus, dessen politische Position gar nicht so weit von Von Suttners entfernt war (im Gegenteil), äußerte sich dennoch herablassend ihr gegenüber: „Als eine ‚starkgeistige‘ Frau wird uns die Bertha von Suttner von der liberalen Presse überliefert. Selbst Ibsen soll auf sie hereingefallen sein. Ehre sei Gott in der Höhe, wenn er uns vor den starkgeistigen Frauen schützt“, schrieb er in einem Kommentar 1907.

Krebstod kurz vor Kriegsausbruch

Kaiser Franz Joseph lehnte es ab, Schirmherr des für September 1914 geplanten Weltkongresses zu werden. Zu spät auch: Zu jenem Zeitpunkt waren die wichtigsten Kriegserklärungen in Europa bereits erfolgt, der Stellungskrieg an der Westfront hatte begonnen. Bertha von Suttner war an Magenkrebs gestorben, und ihr Leichnam war, wie sie es wollte, in Gotha verbrannt worden. Dort befindet sich noch heute die Urne mit ihrer Asche.

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