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Run auf „Umkehrungen“

Es wird eng an diesem Morgen in einem fensterlosen Konferenzraum einer New Yorker Großkanzlei. Einige der etwa 60 Zuhörer müssen sogar stehen, als die Infoveranstaltung „Grenzüberschreitende Firmenumkehrungen und Abwanderungen“ beginnt.

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Denn hinter dem sperrigen Titel verbirgt sich eines der heißesten Gesprächsthemen unter amerikanischen Managern derzeit: Die Flucht aus dem Hochsteuerland USA. Unternehmen müssen bis zu 35 Prozent ihrer Einkünfte alleine nach Washington abführen, hinzu kommen lokale Steuern.

Das sei einer der höchsten Steuersätze weltweit, erklärt Expertin Joan Arnold von der Kanzlei Pepper Hamilton den Zuhörern. Zum Vergleich: Irland, das derzeitige Lieblingsziel der flüchtenden US-Konzerne, verlangt 12,5 Prozent. Im Unterschied zu anderen Ländern will der US-Fiskus zudem seinen Anteil an Einkünften, die seine Unternehmen außerhalb der Grenzen erzielen und nach Hause überweisen.

Auswandern auf dem Papier

Kein Wunder, dass so manche US-Firma ans Auswandern denkt - zumindest auf dem Papier. Denn die Werke und die Verwaltung können weiter in den USA bleiben. Möglich macht es ein Trick: Ein amerikanischer Konzern übernimmt einen kleineren Rivalen im Ausland, verschmilzt mit ihm und verlegt dann seinen Sitz in eben dieses Land. „Inversion“ heißt das in der Fachsprache.

„Es vergeht kaum eine Woche ohne die Nachricht, dass ein weiteres Unternehmen seine Adresse nach Übersee verlagern will, nur um sich vor seinem fairen Anteil an den US-Steuern zu drücken“, sagt der Kongressabgeordnete Sandy Levin. Eine Analyse des wissenschaftlichen Dienstes des US-Kongresses kommt zu dem Ergebnis, dass in den letzten zehn Jahren insgesamt 47 Unternehmen umgesiedelt sind. In den 20 Jahren zuvor seien es 29 gewesen.

Von Bermuda nach Europa

Früher wanderten US-Firmen nach Bermuda oder auf die Cayman-Inseln aus. „Nicht wegen des Wetters“, wie Steuerexpertin Arnold scherzt. Doch neue Gesetze machten die Länder ab 2004 unattraktiv. So zogen die Unternehmen weiter, zunächst unter anderem in die Schweiz. „Heute ziehen die Firmen auch hier wieder weg“, sagt Cian McCourt von der irischen Großkanzlei A&L Goodbody. Ein Grund sei die eingeführte Begrenzung der Vorstandsgehälter.

Beliebtestes Ziel heute: Irland. Neben den vergleichsweise niedrigen Steuern zählt McCourt weitere Gründe auf: ein ähnliches Rechtssystem wie in den USA, hohe Hürden für eine feindliche Übernahme, die mögliche Beibehaltung der US-Rechnungslegung oder das Fortbestehen der Börsennotierung in New York. Aus ähnlichen Gründen stehen auch Großbritannien und die Niederlande hoch im Kurs.

AbbVie, Chiquita und Pfizer

Es sind vor allem amerikanische Firmen aus der Pharma- und Biotechnologie-Branche, die den Schritt machen. Die Namen sind der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt, die Konzerne aber Zigmilliarden Dollar schwer. Sie heißen Perrigo, Salix, AbbVie oder Medtronic. Ein Exot unter den Auswanderern ist der Bananenhändler Chiquita, der sich mit seinem irischen Wettbewerber Fyffes zusammenschließt.

Nicht geklappt hat die Übernahme und somit der Umzug beim Viagra-Hersteller Pfizer, der zuletzt 117 Milliarden Dollar für seinen britischen Rivalen AstraZeneca geboten hatte. Der Umworbene lehnte das Angebot mehrfach ab.

„Die Firmen machen weiter“

Der Kongressabgeordnete Levin und andere Parlamentarier wollen dem Treiben nun einen Riegel vorschieben. Ihre stärkste Waffe: Das ausländische Unternehmen soll gleich groß oder größer sein müssen als der US-Konterpart, damit der Fiskus den Wegzug akzeptiert. Heute reicht es, wenn die ausländische Seite 20 Prozent am Gesamtunternehmen ausmacht.

„Wenn das jemals durchkommt, verändert es alles“, sagt Steuerexpertin Arnold. Teils würde dies sogar Zusammenschlüsse rückwirkend betreffen. Doch sie stellt fest: „Die Firmen machen weiter.“

Daniel Schnettler, dpa

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