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Abspaltung „eine reale Möglichkeit“

In Schottland wird derzeit kein Thema so heiß diskutiert wie eine mögliche Abspaltung von Großbritannien. Zwei Wochen vor dem Unabhängigkeitsreferendum gießt eine aktuelle Umfrage neues Öl ins Feuer. Erstmals legten die Abspaltungsgegner deutlich zu. Nun scheint einzutreten, was niemand erwartet hatte: Es könnte ein sehr knappes Ergebnis werden.

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Das am Dienstag veröffentliche Ergebnis der YouGov-Umfrage zeigt, dass der Vorsprung der Befürworter einer britischen Union auf sechs Prozentpunkte geschrumpft ist. Vor einem Monat lag die Differenz noch bei deutlichen 22 Punkten. Demnach sind von 1.063 Befragten derzeit 48 Prozent gegen eine Abspaltung und 42 Prozent dafür. Zehn Prozent sind unentschieden oder wollen nicht abstimmen.

Abgeordneter Jim Murphy wirbt für den Verbleib bei Großbritannien

Reuters/Russell Cheyne

Befürworter und Gegner treffen immer wieder aufeinander

Kopf-an-Kopf-Rennen zeichnet sich ab

Die Gegner der Unabhängigkeit liegen damit erstmals in einer YouGov-Umfrage unter 50 Prozent und die Befürworter erstmals über 40 Prozent. Zieht man die erklärten Nichtwähler und die Unentschiedenen ab, ergeben sich 53 Prozent für die Gegner der Unabhängigkeit und 47 für die Befürworter. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen sei wahrscheinlich, sagte der Chef des renommierten Umfrageinstituts YouGov, Peter Kellner. „Ein Sieg der Befürworter ist jetzt eine reale Möglichkeit.“

Entscheidung am 18. September

Rund vier Millionen Schotten sind aufgerufen, über eine Unabhängigkeit von Großbritannien abzustimmen. Das Referendum findet am 18. September statt.

Das Ergebnis sei so erstaunlich gewesen, dass er die Daten noch einmal überprüfen ließ, als er sie zum ersten Mal gesehen habe, sagte Kellner. Doch nun sei er überzeugt, dass sich innerhalb der Schotten gerade ein Stimmungswandel vollziehe. Unterstützt wird die Annahme von der Tatsache, dass vor wenigen Tagen bereits eine andere Umfrage das gleiche Resultat ergab. In vorhergegangenen Erhebungen waren auch hier die Befürworter eines Verbleibs im Vereinigten Königreich noch 14 Prozentpunkte vor den Gegnern gelegen.

Nationalisten im Aufwind

Zuletzt hatten vor allem Berichte über den Reichtum Schottlands, der derzeit direkt an Großbritannien fließe, für Unmut gesorgt. Vor allem national gesinnte Schotten werfen London vor, Schottland „auszupressen“, und sehen in einer Eigenverwaltung Vorteile für das Land. Daran änderte auch nichts, dass die drei größten Parteien Großbritanniens darauf pochen, dass die britische Union nur dann stark sein könne, wenn sie vereint bleibt. Eine Abspaltung würde zu finanzieller, wirtschaftlicher und politischer Unsicherheit führen.

Unmut über Gesundheitssystem

Doch einer der entscheidenden Punkte dürfte die tiefe Unzufriedenheit der Schotten mit dem britischen Gesundheitssystem sein, wie der „Guardian“ zeigt. So sind laut YouGov-Umfrage nur neun Prozent der Befragten überzeugt, dass das staatliche Gesundheitssystem bei einem Verbleib bei Großbritannien besser wird. Umgekehrt sehen mehr als ein Drittel der Befragten, Verbesserungschancen bei einer Abspaltung. Auch unter Frauen zeichnet sich ein Stimmungswandel ab. Erklärten Anfang August noch 67 Prozent, gegen eine Abspaltung zu sein, waren es in der jüngsten Umfrage nur noch 58 Prozent.

Wettquoten zeigen in eine Richtung

In London gibt man sich trotz der alarmierenden jüngsten Umfragewerte gelassen. „Die einzige Umfrage, die zählt, ist das Referendum“, erklärte ein Sprecher von Premierminister David Cameron. Es werde keine Änderung in der Politik geben, so der Sprecher. Man verlasse sich auf die bisher auf dem Tisch liegenden Argumente.

Bei den Buchmachern klingeln unterdessen die Kassen. Seit Mai verschieben sich die Wettquoten immer mehr in Richtung Abspaltung. „Seit der zweiten TV-Debatte nehmen wir jeden Tag Einsätze von über 5.000 entgegen, die alle auf ein ‚Ja‘ wetten“, erzählt ein Sprecher des Wettanbieters Ladbrokes. „Das ist derzeit ein regelrechter Einbahnverkehr.“

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