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55 Prozent für Verbleib bei Großbritannien

Beim Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands haben mehr als 55 Prozent der Wähler für den Verbleib bei Großbritannien gestimmt. Das teilte die Wahlbehörde laut dem Sender BBC Freitagfrüh mit. Der Ausgang ist damit entschieden.

Laut den Resultaten aus 31 von 32 Wahlbezirken stimmten 55,42 Prozent der wahlberechtigten Schotten bei der Volksabstimmung am Donnerstag mit Nein und 44,58 Prozent mit Ja, wie von der BBC veröffentlichte offizielle Zahlen zeigten. Demnach waren 1.914.187 Nein-Stimmen ausgezählt. Die nötige Schwelle zur Entscheidung des Referendums lag bei 1.852.828 Stimmen. Die Wahlbeteiligung lag bei über 80 Prozent.

Jubel der schottischen Abspaltungsgegner

Reuters/Russell Cheyne

Der Jubel bei den Abspaltungsgegnern ist groß

Salmond stellt London Rute ins Fenster

Der Chef der nationalistischen Scottish National Party (SNP), der schottische Ministerpräsident Alex Salmond, sagte in der Früh, Schottland habe entschieden, dass es kein unabhängiges Land wird. Er akzeptiere die Niederlage. „Es ist wichtig zu sagen, dass unser Referendum ein ausgeglichener und einmütiger Prozess war“, sagte Salmond.

Der schottische Regierungschef Alex Salmond

Reuters/Russell Cheyne

Der schottische Ministerpräsident Alex Salmond gesteht seine Niederlage ein und geht gleichzeitig in die Offensive

Er forderte gleichzeitig die britische Regierung auf, ihre Versprechen von mehr Autonomierechten einzuhalten. „Schottland erwartet das Einhalten dieser in rascher Folge“, sagte Salmond Freitagfrüh in einer live im britischen Fernsehen übertragenen Ansprache.

Der Parteichef der in Edinburgh regierenden Nationalisten erinnerte an das Gelöbnis der britischen Parteien zu einem Parlamentsvotum über mehr Rechte für Schottland „bis zum 27. März nächsten Jahres“. Es habe trotz des Neins ein „mächtiges Votum für die schottische Unabhängigkeit“ gegeben.

Ein Mann trägt Wahlboxen

Reuters/Paul Hackett

Wahlurnen werden in Edinburgh ausgeladen

Erfolg für Cameron

Die schottische Vizeregierungschefin Nicola Sturgeon (SNP) hatte bereits zuvor gegenüber der BBC die Niederlage bei dem Referendum eingestanden und von ihrer „tiefen persönlichen und politischen Enttäuschung“ gesprochen. „Jedes Mitglied der Yes-Kampagne ist tief enttäuscht, dass wir knapp unterlegen sind. Aber Schottland hat sich für immer verändert“, sagte Sturgeon.

Wahlzentrum in Edinburgh

Reuters/Paul Hackett

In Edinburgh wurden die Stimmzettel gesammelt und ausgezählt

Der Regierung in London von Premierminister David Cameron ist es damit gelungen, die Abspaltungstendenzen abzuwehren. Die Meinungsumfragen vor der Abstimmung hatten wochenlang ein Kopf-an-Kopf-Rennen beider Lager vorhergesagt. Cameron gratulierte bereits in der Früh den Unabhängigkeitsgegnern zum Sieg. „Wir haben den festen Willen der Schotten gehört“, sagte Cameron. „Das schottische Volk hat gesprochen, und das Resultat ist klar.“ Ein Zerbrechen des Königreichs hätte ihm „das Herz gebrochen“, so Cameron. Es sei nun Zeit, sich gemeinsam für eine bessere Zukunft zu engagieren.

„Mehr Autonomierecht ab 2015“

Er kündigte mehr Autonomierecht für Schottland bis zum Frühjahr 2015 an. Eine neue Kommission solle bis November einen Vorschlag über zusätzliche Entscheidungsgewalt bei Steuern, Ausgaben und Sozialem vorlegen, so Cameron weiter. Auch die anderen Landesteile - Wales, Nordirland und England - sollen „eine neue und faire Lösung“ erhalten, sagte Cameron. England hat - im Gegensatz zu Schottland, Wales und Nordirland - keine eigene Regionalversammlung. Das britische Parlament in London stimmt bisher über englische Fragen ab, auch Abgeordnete aus den anderen Regionen dürfen dabei mitwählen.

Wie Cameron diese als „West Lothian Question“ bekannte Frage lösen möchte, ist unklar. Eine zuvor in der Zeitung „Independent“ erwähnte Variante sieht vor, schottischen Abgeordneten und wohl auch ihren walisischen und irischen Kollegen in London das Stimmrecht über englische Angelegenheiten zu entziehen. Cameron gratulierte in seiner kurzen Ansprache vor seinem Amtssitz in der Downing Street dem schottischen Volk. Die Frage der Unabhängigkeit sei „für eine Generation entschieden“.

Zu wenig Mobilisierung in „Yes“-Hochburgen

Die SNP Salmonds, die vehement für die Unabhängigkeit eingetreten war, konnte in ihren Hochburgen laut ersten Analysen nicht genügend Wähler mobilisieren. „Gut gemacht, Glasgow, unsere Commonwealth-Stadt, und an die Menschen von Schottland für solch eine unglaubliche Unterstützung“, schrieb Salmond im Kurznachrichtendienst Twitter.

Die Metropole Glasgow und die Stadt Dundee stimmten zwar mehrheitlich für die Abspaltung von Großbritannien. Glasgow, die mit rund 600.000 Einwohnern größte Stadt Schottlands, stimmte mit 53 Prozent für die Unabhängigkeit. Die Wahlbeteiligung war aber hier nicht hoch genug, um das Ergebnis aus anderen Regionen umkehren zu können. Die Hauptstadt Edinburgh ging mit 61 zu 39 Prozent an die Befürworter eines Verbleibs bei Großbritannien.

Männer in einem schottischen Pub

Reuters/Russell Cheyne

Viele Pubs hatten eine Nachtöffnung beantragt

Das Ergebnis der Abstimmung wird nicht nur in Großbritannien, sondern in ganz Europa beobachtet. Eine Abspaltung Schottlands hätte wohl weitreichende Folgen für die Europäische Union gehabt und andere Regionen ermutigt, ebenfalls die Loslösung anzustreben.

Tausende harrten die Nacht über aus

Insgesamt waren 4.285.000 Wahlberechtigte ab 16 Jahren zu dem Referendum registriert. „Soll Schottland ein unabhängiger Staat werden?“, wurden sie gefragt. Mehrere Wahlkreise stimmten für die Unabhängigkeit, darunter die Großstadt Glasgow, doch reichte das nicht für die Abspaltung.

In Edinburgh und Glasgow harrten Tausende Menschen die Nacht über in Pubs und auf den Straßen aus. Vor vielen Wahlbüros in ganz Schottland brachen die Gegner der Abspaltung bei der Verkündung des Ergebnisses in Jubel aus. Vielerorts enthüllten sie britische Flaggen. In Glasgow, wo die Wahlbeteiligung bei 75 Prozent lag, untersuchte die Polizei zehn Fälle angeblichen Identitätsdiebstahls. Demnach stellten mehrere Wähler im Wahllokal fest, dass jemand bereits in ihrem Namen abgestimmt hatte.

Ein Palastsprecher sagte, Queen Elizabeth II. verfolge die Ereignisse von ihrem Schloss Balmoral in Schottland. Sie werde von ihren Beratern in London und Edinburgh auf dem Laufenden gehalten. Im Fall der Loslösung hätte die Queen weiterhin Staatsoberhaupt Schottlands bleiben sollen.

Erleichterung in EU

Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD), begrüßte das Nein der Schotten. „Ich gebe zu, mich erleichtert das Ergebnis“, sagte Schulz am Freitag im Deutschlandfunk. Die Volksabstimmung sei „ein innerstaatlicher, demokratischer Prozess in Großbritannien“ gewesen, „wo das Referendum anerkannt wurde durch die Regierung in London“.

Zur Frage nach der Bedeutung des Referendums für andere Abspaltungsbestrebungen in der Europäischen Union, etwa in Katalonien, Flandern und Südtirol, sagte Schulz, es hänge viel davon ab, was nun in Schottland geschehe. Sollte Schottland „unter dem Dach des Vereinigten Königreichs“ zu einer „vernünftigen“ Selbstbestimmung kommen, könne das „ein Modell werden, das auch zur Befriedung in anderen Regionen beitragen kann“.

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