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Von Wagner zu Schuschnigg

Vor 90 Jahren hat in Österreich der erste offizielle Radiosender sein Programm aufgenommen und sich selbst die Devise auferlegt: nur keine Politik. Das neue Medium sollte unterhalten und bilden, aber auf keinen Fall politisieren. Allzu lange konnten die Radiomacher ihrem Vorsatz allerdings nicht treu bleiben. Nur ging es dann nicht mehr um politische Information, sondern um Propaganda.

„Gott schütze Österreich!“ Der pathetische Satz steht am Ende der letzten Rundfunkansprache Kurt Schuschniggs. Gehalten hat sie der Ständestaat-Kanzler am 11. März 1938 - am Vorabend des „Anschlusses“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland.

Kurt Schuschnigg verkündet im Radio das Ende Österreichs

An politische Reden hatten sich die österreichischen Radiohörer zu dieser Zeit bereits gewöhnt. Politikeransprachen waren nur ein Teil der Propaganda, derer sich der Ständestaat im Rundfunk bediente. Auch wenn 14 Jahre zuvor alles ganz anders begonnen hatte.

Musik und gute Laune

„Hallo, hallo, hier Radio Wien auf Welle 530“, begrüßte die Radio Verkehrs AG (RAVAG) am 1. Oktober 1924 ihre Hörer. Und die vorgebliche Heiter- und Harmlosigkeit sollte für die nächsten Jahre Programm werden.

Pausenzeichen und Signation von Radio Wien

Musik, wissenschaftliche Vorträge und literarische Lesungen bildeten das Rückgrat des neuen Mediums, das in Österreich mit der Ouvertüre zu Richard Wagners Oper „Rienzi“ startete. Die Radiomacher hüteten sich tunlichst, an politischer Berichterstattung anzustreifen.

Militär als Gegner

Das lag zum einen an den Zeitungen. Sie hatten bisher das Monopol auf Nachrichten und sahen in dem neuen Medium eine gefährliche Konkurrenz heranwachsen. „Die Macht der Tageszeitungen sollte man nicht unterschätzen“, sagt Fritz Hausjell im Gespräch mit ORF.at. „Das zeigte sich auch, als es später um die Einführung von Werbung im Radio ging.“ Der Medienhistoriker an der Universität Wien nennt aber noch einen ganz anderen Grund für die politische Zurückhaltung des Rundfunks. „Das österreichische Militär gab die Hoheit über den Frequenzbereich nur widerwillig ab“, so Hausjell.

Piratensender Hekaphon

Bereits eineinhalb Jahre vor der RAVAG sendete Oskar Koton vom vierten Stock des Technologischen Gewerbemuseums aus - allerdings ohne Konzession. Radio Hekaphon war damit Österreichs erster Piratensender.

Bis zur Gründung der RAVAG lag der Rundfunk in Österreich in den Händen der Armee. Das Militär hatte bereits in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs Tests mit Hörfunkübertragungen durchgeführt und sah sich als Hüter des neuen Massenmediums - nicht nur in Österreich. In Deutschland ging der Widerstand der Militärführung gar so weit, dass das Reichswehrministerium dem Postministerium Missbrauch von Heeresgerät vorwarf.

Scheuklappen fürs Radio

„Österreichs Radiomacher mussten sich die Frage stellen: Wie viele Fronten kann ich mir leisten?“, sagt Hausjell. Mit dem Verzicht auf eine politische Berichterstattung konnten sie sich zumindest gegenüber den politischen Parteien einigermaßen freispielen - freilich um den Preis, auch ganz bewusst wegzuschauen.

Am 14. Juli 1927 demonstrierten Tausende wütende Arbeiter gegen ein als ungerecht empfundenes Urteil im Schattendorfer Mordprozess. Die Proteste eskalierten, der Justizpalast ging in Flammen auf, 84 Demonstranten wurden erschossen, fünf Polizisten kamen ums Leben. Ins Radioprogramm der RAVAG schafften es die Ereignisse nur über amtliche Verlautbarungen.

Justizpalastbrand in Wien, 1927

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Tausende demonstrierten, der Justizpalast brannte, das Radio hielt sich raus

Oder, wie sich RAVAG-Direktor Oskar Czeija Jahre später erinnerte: „Als der Justizpalast brannte und aufgeregte, aufgewiegelte Menschenmassen über die Ringstraße stürmten, als Schüsse knallten und die wildesten Gerüchte durch die Stadt eilten, war es der Nachrichtendienst der RAVAG, welcher der Bevölkerung authentische Nachrichten und beruhigende Kundgebungen der ‚amtlichen Nachrichtenstelle‘ brachte.“

Solche Nachrichten waren etwa das Zeitzeichen, der Wetterbericht und Wasserstandsmeldungen von Österreichs Flüssen. Gerade Letztere waren zwar weit weniger banal, als das heute den Anschein hat, und für die Schifffahrt essenziell, aber eben durch und durch unpolitisch.

Medium für die Arbeiter

Dabei habe es am Interesse der Hörer nicht gemangelt, sagt Hausjell. „Wir wissen, dass in Krisenzeiten Menschen verstärkt nach Orientierung und Informationen suchen“, so der Medienforscher. Und mit Krisen geizte die von den Katastrophen der beiden Weltkriege gerahmte Zeit nicht. Die junge Republik war politisch alles andere als gesichert, die Wirtschaft zuerst von der Inflation, dann von der steigenden Arbeitslosigkeit gebeutelt. In den 20er Jahren kletterte die Zahl der Menschen ohne Jobs auf über eine halbe Million.

Junge Männer beim Radio-Hören

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Das selbst gebastelte Radio als treuer Begleiter: auch beim Baden in der Lobau

„Die Arbeiterbewegung drängte in das Medium. Kultur für alle, Bildung für alle, Chancengleichheit für alle, lauteten die Forderungen“, sagt Hausjell. Und Radiohören war vor allem eines - billig. Die Geräte ließen sich für wenig Geld selbst zusammenbasteln und auch die gleich von Beginn weg eingeführte Rundfunkgebühr war verhältnismäßig günstig. Gerade einmal zwei Schilling pro Monat kostete der legale Radioempfang - auf die heutigen Verhältnisse umgelegt sind das etwa vier Euro.

Geheimes Sendernetz

Noch ein halbes Jahr vor dem Sendestart der RAVAG hatte sich bereits der sozialdemokratische Freie Radiobund gegründet. Anfangs nicht viel mehr als ein Bastlerverein, versuchte die Organisation verstärkt auf das RAVAG-Programm Einfluss zu nehmen. „Auch Bildungsprogramme können politisch sein“, sagt Hausjell und verweist etwa auf frühe feministische Sendungen im Radio.

Die vom Freien Radiobund geforderte wöchentliche „Stunde der Arbeiter“ ging allerdings nie auf Sendung. 1927 wurde der sozialdemokratische Verein in Arbeiter-Radiobund Österreichs (ARABÖ) umbenannt und begann, parallel zur RAVAG ein - freilich illegales - eigenes Sendernetz aufzubauen. Dreimal in der Woche sendete der ARABÖ je drei Stunden von 13 geheimen Sendeanlagen aus. Als im Februar 1934 die Sozialdemokraten den gewaltsamen Aufstand probten, schwiegen die Sender allerdings.

Politisch eingefärbt

Zu dieser Zeit war die RAVAG vom ständestaatlichen Regime bereits auf Linie gebracht worden. Gestalter, die der Regierung zu weit links standen, hatten den Sender bereits 1933 verlassen müssen. Hausjell spricht von einer „Doppelzange“, in die das Radio genommen worden sei. Im eigenen Land übte das Regime Druck auf das Medium und setzte in der Programmgestaltung auf eine Mischung aus Tradition, Brauchtum, Katholizismus und Deutschnationalismus. Die amtlichen Mitteilungen waren nun nicht mehr länger nur Wasserstandsmeldungen, sondern wuchsen sich zu handfester politischer Propaganda aus.

Engelbert Dollfuß bestätigt am 14. Februar 1934 das Standrecht

„Die Rundfunkführung war darüber einigermaßen unzufrieden“, sagt Hausjell. Das sei allerdings weniger an politischen als viel mehr an wirtschaftlichen Bedenken gelegen. Schließlich war das junge Medium auf seine Zuhörer und deren Gebühren angewiesen. Diese hatten in den ersten Jahren der RAVAG zwar rapide zugenommen - im Oktober 1924 zahlten 11.000 Hörer Rundfunkgebühren, sechs Jahre später waren es bereits 400.000 angemeldete Teilnehmer. Die RAVAG-Chefs fürchteten allerdings, mit der politischen Einfärbung des Programms eine große Menge von Hörern vor den Kopf zu stoßen - so gespalten wie Österreich damals war, war das eine berechtigte Sorge. Tatsächlich sollen bis Ende 1933 66.000 Hörer aus Protest ihr Rundfunkabonnement gekündigt haben.

Werkzeug der Nazis

Zugleich schickte aus Deutschland der Nationalsozialismus mit leistungsstarken Sendern die eigene Propaganda Richtung Österreich, hatten die Nazis das Radio doch gleich nach ihrer Machtübernahme in Deutschland als machtvolles Werkzeug erkannt.

NS-Politiker Theodor Habicht wendet sich 1933 an Österreichs Hörer

Als im Juli 1934 Nationalsozialisten in Österreich den Putsch versuchten, war ihr erstes Ziel neben dem Bundeskanzleramt das Rundfunkgebäude der RAVAG in der Johannesgasse. Die österreichische Regierung reagierte schnell und beendete die Besetzung mit einem Großeinsatz nur wenige Stunden später - auch in Österreich war man sich der Macht des Radios bewusst.


Die Exekutive vor dem von Nationalsozialisten besetzten RAVAG- Gebäude in der Johannesgasse 4a

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Militär und Polizei gingen schnell gegen die Nazi-Besetzung der RAVAG vor

Vier Jahre später blieb Schuschnigg allerdings auch im Radio nur noch das Pathos. Noch in der Nacht seiner Abschiedsrede übernahmen die Nationalsozialisten die RAVAG. Als am 12. März 1938 Adolf Hitlers Truppen jubelnd begrüßt wurden, berichtete bereits der „Deutsch-Österreichische Rundfunk“ - zentral von Berlin aus gesteuert und kontrolliert.

Martin Steinmüller, ORF.at

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