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„Lebend wollen wir sie zurück“

Tausende Demonstranten in mehreren Städten Mexikos haben die Aufklärung des Schicksals 43 abgängiger Studenten gefordert. Sie waren vor knapp zwei Wochen nach Zusammenstößen mit der Polizei in Iguala im Bundesstaat Guerrero verschwunden. Mittlerweile entdeckten Ermittler zum Teil verbrannte Leichen. Ob es sich bei den Toten tatsächlich um die Verschleppten handelt, ist bisher unklar.

Zwei Mitglieder der Verbrecherorganisation Guerreros Unidos räumten den Mord an 17 Studenten angeblich ein, doch auch Polizisten sollen in die Tat verwickelt sein. Die Hintergründe des Verschwindens der Studenten liegen im Dunkeln. Zahlreiche örtliche Polizisten sollen im Sold der Guerreros Unidos stehen.

Hat Bürgermeisterfrau Vorgehen angeordnet?

Einen möglichen Hinweis liefert ein vertraulicher Bericht des Geheimdienstes Centro de Investigacion y Seguridad Nacional (CISEN, Zentrum für Nachforschungen und nationale Sicherheit), der an die Presse gelangte. Demnach planten die Studenten eine Demonstration auf einem Platz in Iguala, wo die Frau des Bürgermeisters als Vorsitzende der Sozialbehörde eine Rede habe halten wollen. Sie habe den Sicherheitschef der Stadt angewiesen, die Proteste um jeden Preis zu verhindern, zitierte die Zeitung „El Universal“ aus dem Geheimdossier.

Der Familie von Bürgermeistergattin Maria de los Angeles Pineda Villa werden Verbindungen zum Drogenhandel nachgesagt. „Wir hatten Hinweise darauf, dass der Bürgermeister Verbindungen zum organisierten Verbrechen pflegt, aber keine Beweise“, so Generalstaatsanwalt Jesus Murillo Karam.

Kommilitonen beschuldigen Regierung

Kommilitonen und Angehörige der Studenten machen die Regierung für die Tat verantwortlich. „Wir schreiben die Verschleppung unserer Kollegen dem Staat zu“, sagte Studentenvertreter Omar Garcia am Mittwoch. Die für ihre sozialen Proteste bekannten Seminaristen seien dem Staat ein Dorn im Auge. Der Sprecher der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, Perseo Quiroz, sagte, die mexikanischen Behörden würden seit mehr als einem Jahrzehnt die Augen verschließen, wenn Menschen verschwinden oder ihnen Gewalt angetan wird.

Demonstranten

APA/EPA/Jose Mendez

Massenproteste in Mexiko-Stadt

„Wo sind unsere Kinder?“

In Mexiko-Stadt zogen am Mittwoch über 15.000 Menschen vom Unabhängigkeitsdenkmal zum zentralen Platz Zocalo. „Wo sind sie, wo sind sie, wo sind unsere Kinder?“, skandierten die Demonstranten, unter denen auch Angehörige der Opfer waren. In der Hauptstadt von Guerrero, Chilpancingo, gingen am Mittwoch etwa 10.000 Menschen auf die Straße. „Lebend habt ihr sie genommen, lebend wollen wir sie zurück“, riefen die Demonstranten.

Die Demonstranten blockierten zeitweise die Schnellstraße, die die Provinzhauptstadt mit dem Urlaubsparadies Acapulco verbindet. Im Bundesstaat Chiapas zogen rund 20.000 Anhänger der zapatistischen Guerillagruppe EZLN in einem Schweigemarsch durch die Stadt San Cristobal de las Casas. Die Vermummten trugen Transparente mit der Aufschrift: „Ihr seid nicht allein. Euer Schmerz ist unser Schmerz.“

UNO fordert intensive Suche

Die Vereinten Nationen hatten zuvor eine intensive Suche nach den Vermissten gefordert. Der Vorfall sei „eines der schlimmsten Ereignisse der jüngsten Zeit“, so die UNO. Die mexikanische Regierung müsse „alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel“ aufwenden, um die Vermissten aufzuspüren. Schon seit dem Verschwinden der Studenten kam es immer wieder zu Demonstrationen von Angehörigen, Freunden und Kommilitonen. Zwar schicke der Staat Soldaten und Bundespolizisten, um sich an der Suche zu beteiligen. „Aber die Suche war eine Show“, sagte Mariano Flores Vazques, einer der Demonstranten, bei einer Kundgebung Anfang Oktober.

„Sie haben uns gejagt wie Hunde“

Die Lehramtsstudenten waren zum Spendensammeln in Iguala unterwegs. Nach ihrer Aktion kaperten sie mehrere öffentliche Busse, um zu ihrer Hochschule zurückzufahren. Polizisten aus Iguala eröffneten daraufhin das Feuer. Drei Studenten wurden getötet. Laut Augenzeugen wurden Dutzende weitere Studenten in Polizeifahrzeugen fortgebracht. Einige von ihnen, die sich offenbar versteckt hatten, tauchten wieder auf. Von 43 weiteren fehlt seither jede Spur. „Sie haben uns gejagt wie Hunde“, sagte ein Student dem Nachrichtenmagazin „Proceso“.

Guerreros Unidos, eine Splittergruppe des Drogenkartells Beltran Leyva, hätten in der Region zuletzt Boden gutgemacht, wird der Nationale Sicherheitsbeauftragte Monte Alejandro Rubido in einem Bericht der Nachrichtenagentur dpa zitiert. Die Bande schmuggle vor allem Marihuana und Heroin in die USA. Zudem hat die Gruppe in Iguala offenbar große Teile der Sicherheitsbehörden unterwandert. „Wir kämpfen gegen einen Gegner, der seit Jahren im lukrativsten Geschäft der Welt tätig ist und über enorme Ressourcen verfügt“, so Generalstaatsanwalt Karam.

Polizeibeamte entwaffnet und überprüft

In Iguala übernahmen zwischenzeitlich Streitkräfte und die Bundespolizei die Kontrolle. Alle 300 städtischen Beamten wurden entwaffnet und werden nun nach und nach in einer Kaserne im Zentrum des Landes verhört. Alle Beamte würden eingehend überprüft und zur Not ausgetauscht, sagte der Generalstaatsanwalt. Gleichzeitig müsse aber die öffentliche Sicherheit in Iguala gewährleistet werden. „Das ist keine einfache Aufgabe“, so Karam. „Wir wechseln hier die Reifen an einem fahrenden Auto.“

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