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„Kritische Analytikerin“

Der Tod der Historikerin Erika Weinzierl hat in Österreich große Bestürzung ausgelöst. Bundespräsident Heinz Fischer würdigte Weinzierl als „Doyenne der zeitgeschichtlichen Forschung“. Die angesehene Historikerin verstarb am Dienstag 89-jährig in Wien, wie das Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien mitteilte.

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Ihr Beitrag „zur Festigung des demokratischen Bewusstseins“ könne „gar nicht hoch genug eingeschätzt werden“, erklärte Fischer in einer Aussendung. Ihre Arbeiten zur Dokumentation der dunkelsten Kapitel der Geschichte des Landes hätten viele Österreicher motiviert, sich kritisch mit zeithistorischen Themen auseinanderzusetzen, so der Bundespräsident.

Österreichs „moralisch-ethische Instanz“

Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) betonte die Verdienste Weinzierls „um eine umfassende und tabulose Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus“. Sie sei eine über Parteigrenzen hinweg anerkannte moralisch-ethische Instanz gewesen, die ihre zutiefst demokratische Grundhaltung immer wieder zum Ausdruck gebracht habe.

Weinzierl habe „unendlich viel für einen differenzierten Umgang mit der Geschichte getan“, sagte Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ). Sie sei eine „große Wissenschaftlerin mit Haltung gewesen, die schonungslos diagnostizierte“. Österreich verliere mit ihr ein „mahnendes Gewissen“.

Auch ÖVP-Vizekanzler und Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner würdigte am Mittwoch die Leistung der nun verstorbenen Historikerin. Österreich verliere eine „kritische und mahnende Stimme“.

Leidenschaftliche Historikerin

Weinzierl wurde am 6. Juni 1925 als Erika Fischer in Wien geboren. 1969 wurde sie ordentliche Professorin für Österreichische Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte an der Universität Salzburg. Ihr bekanntestes Werk ist der Band „Zu wenig Gerechte. Österreicher und die Judenverfolgung 1938-1945“. Insgesamt verfasste Weinzierl sieben Bücher und über 220 Aufsätze und wissenschaftliche Beiträge, bei 30 weiteren Werken fungierte sie als Herausgeberin oder Mitherausgeberin.

Ab 1977 leitete die Historikerin das von ihr mitbegründete Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte der Gesellschaftswissenschaften Wien-Salzburg (seit 1991 Geschichte und Gesellschaft), ihre Forschungsschwerpunkte verlegte sie auf Kirchengeschichte sowie auf Widerstandsbewegung, Antisemitismus, Exil- und Emigrationsforschung und historische Frauenforschung. Von 1979 bis 1990 war sie Vorstand am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

Knapp nach ihrem 70. Geburtstag emeritierte Weinzierl im Juni 1995 als Universitätsprofessorin, allerdings blieb sie auch danach weiterhin wissenschaftlich tätig.

Rathkolb: Prägend für mehrere Generationen

Der Zeithistoriker Oliver Rathkolb würdigte Weinzierl als eine „weit über die akademischen Grenzen hinaus bekannte Zeithistorikerin“. Sie sei mit großem Engagement für eine kritische Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte Österreichs, insbesondere mit Antisemitismus und Nationalsozialismus, eingetreten und habe mehrere Generationen von Historikern nachhaltig geprägt.

„Ethisches, aktives Handeln zur Durchsetzung von Menschenrechten und offene historische Auseinandersetzung mit Menschenrechtsverletzungen zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk Weinzierls“, so der langjährige Kollege der Historikerin in dem der APA vorliegendem Schreiben. Weinzierl habe wie kein Zeithistoriker vor ihr in wissenschaftlichen Arbeiten, in der Lehre, in den Medien und bei Vorträgen offen auf gesellschaftspolitische Trends und Strömungen reagiert, ihre Präsenz in der österreichischen Öffentlichkeit sei untypisch für akademische Historiker gewesen.

Kritik an Kreisky, FPÖ und Haider

Als engagierte Demokratin und Österreicherin sei sie eine „kritische Analytikerin der autoritären und faschistischen Vergangenheit Deutschlands und Österreichs sowie totalitärer Regime während des Kalten Krieges“ gewesen. Dabei habe sie nie die Auseinandersetzung mit prominenten Politikern gescheut, so Rathkolb unter Hinweis auf Weinzierls Kritik an Bruno Kreisky und dessen Haltung in der Auseinandersetzung zwischen „Nazijäger“ Simon Wiesenthal und dem damaligen FPÖ-Chef Friedrich Peter und an Jörg Haider wegen dessen „wiederholter Verharmlosung von Nationalsozialismus, Zweitem Weltkrieg und Holocaust“.

„Lichtgestalt der Historiker“

Weinzierl sei durch ihren kritischen Ansatz zwar immer wieder auf Widerstand gestoßen, habe ihren antifaschistischen Weg jedoch unabhängig und beharrlich weiterverfolgt, sagte der grüne Bildungssprecher Harald Walser. Österreich verdanke ihr in bedeutendem Ausmaß jene wissenschaftlichen Anstöße und Grundlagen, die zur Aufarbeitung von Austrofaschismus und Nationalsozialismus unabdingbar waren. „Damit war sie besonders in den 1960er und 1970er Jahren eine Lichtgestalt in der Zunft der österreichischen Historiker und hat auch über unsere Landesgrenzen hinaus verdiente Anerkennung erhalten.“

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