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Am Anfang war das Desinteresse

Den Rückzug aus dem Streit um „geschlechtersensible“ Sprache hat das heimische Normungsinstitut Austrian Standards am Donnerstag mit den unvereinbaren Haltungen von Gegnern und Befürwortern etwa des Binnen-I begründet. Tatsächlich bestätigen Umfragen der letzten Monate und Wochen immer wieder, dass die Bevölkerung bei dem Thema grundsätzlich gespalten sein dürfte.

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Im August veröffentlichte etwa das Nachrichtenmagazin „profil“ eine Umfrage, wonach sich nur knappe 55 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher für eine Bezugnahme auf Frauen in der Sprache aussprechen. Gegen Binnen-I oder Verwendung beider Formen sprachen sich in der Unique-Research-Umfrage 40 Prozent aus, fünf Prozent wollten sich nicht äußern. Eine Unterscheidung in der Präferenz zwischen Binnen-I und anderen möglichen Schreibweisen wurde nicht ausgewiesen.

Auch für 54 Prozent der Frauen irrelevant?

Auch wurden in der Umfrage die Antworten nicht nach Frauen und Männern getrennt ausgewiesen. Gespalten waren die Befragten in Summe aber in der Frage, ob in Österreich Gleichberechtigung herrscht: 52 Prozent meinen, Frauen hätten die gleichen Rechte wie Männer, 46 Prozent halten Frauen für benachteiligt. Eine Umfrage des Linzer Meinungsforschungsinstituts Spectra vom Beginn des Sommers ergab Ähnliches - gepaart allerdings mit der Bekundung ausgiebigen Desinteresses an dem Thema in weiten Teilen der Bevölkerung.

Lediglich knapp die Hälfte der Befragten konnte demnach mit Begriffen wie „geschlechtergerechte Sprache“ oder „geschlechtergerechtes Formulieren“ überhaupt etwas anfangen. 58 Prozent der Männer und 54 Prozent der Frauen gaben an, das Thema habe für sie wenig bis keine Bedeutung. Nur für zwölf Prozent der Befragten (16 Prozent der Frauen und acht Prozent der Männer) ist die Frage wichtig. Nicht ganz ein Drittel fühlt sich vom Thema sogar geärgert und hält es für übertrieben. Das war allerdings, bevor die Debatte über das Binnen-I „heiß“ wurde.

Hymnische Debatte

Das vormalige Randthema wurde schlagartig ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, als Schlagersänger Andreas Gabalier beim österreichischen Formel-1-Rennen in Spielberg die Bundeshymne in ihrer alten Form, also ohne „Töchter“, sang und dafür herbe Kritik ebenso wie Solidaritätsbekundungen erntete. Polemiken von beiden Seiten überdeckten in der Folge sachliche Beiträge zur Diskussion. Die könnte ohnehin überflüssig sein, wie eine weitere Umfrage vom September zeigt.

Unternehmer als Bannerträger

Laut der jüngsten Umfrage von SLP Research & Consulting und dem Focus Institut breiten sich „geschlechtersensible“ Schreibweisen, von geschäftlichem Schriftverkehr ausgehend, ohnehin aus. Österreichs Großunternehmen nehmen demnach Rücksicht auf geschlechtergerechte Sprache: Laut einer Studie über die 500 Topbetriebe gendern 60 Prozent ihre Texte, 31 Prozent tun das zumindest gelegentlich. Meist wird die weibliche und männliche Form (66 Prozent) oder das Binnen-I (55 Prozent) verwendet.

Die Generalklausel, also der Hinweis, dass bei männlichen Formen auch Frauen „mitgedacht“ werden, nutzen nur 35 Prozent. In rund einem Fünftel der Firmen gibt es Leitfäden mit Informationen zu gendergerechter Sprache, allerdings wenig Unterstützung bei der praktischen Umsetzung. Laut der Untersuchung gehen 37 Prozent der Unternehmen davon aus, dass geschlechtergerechte Sprache für die Mitarbeiter an Bedeutung gewinnen und selbstverständlicher wird.

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