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Türkei fürchtet drei Mio. Flüchtlinge

Die Armee von Syriens Machthaber Baschar al-Assad dürfte Aleppo eingenommen haben. Nach mehr als zwei Jahren erbitterter Kämpfe sollen die gemäßigten Rebellen die zweitgrößte Stadt des Landes aufgegeben haben. Rund 14.000 Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) hätten sich aus Aleppo zurückgezogen, berichtete die türkische Tageszeitung „Radikal“.

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Dem Rückzug waren wochenlange schwere Bombardements vorangegangen, bei denen die Assad-Truppen auch Fassbomben eingesetzt haben sollen. Dabei handelt es sich um mit Sprengstoff gefüllte Ölfässer, deren Abwurf über bewohntem Gebiet - vor allem wegen der großen Ungenauigkeit - wiederholt von Menschenrechtsgruppen und in einer UNO-Resolution verurteilt wurde.

Rebellen intern zerstritten

In den vergangenen Tagen gelang es den Regierungstruppen, die Stadt Stück für Stück einzukreisen und den Rebellen die notwendigen Versorgungswege abzuschneiden. Hinzu kamen offenbar auch Verwerfungen innerhalb der Rebellen, die zwar gemeinsam gegen Assad kämpfen, in ihren Ausrichtungen jedoch verschieden sind. So konnten sie sich nie auf ein einheitliches Militärkommando einigen, und in den vergangenen Monaten verlor die vom Westen unterstützte FSA an Einfluss gegenüber der dschihadistischen Al-Nusra-Front.

Laut „Radikal“ musste die FSA zuletzt auch die Kontrolle über einen wichtigen Grenzübergang zur Türkei nördlich von Aleppo, Bab al-Hawa, an die dschihadistische Miliz Ahrar al-Scham und andere radikale Gruppen abtreten. Laut türkischen Erkenntnissen könnten so westliche Waffen, die für die FSA vorgesehen waren, der Al-Nusra-Front, dem örtlichen Ableger von Al-Kaida, in die Hände gefallen sein.

Vormarsch von IS-Kämpfern

Mit dem Fall von Aleppo droht der dortigen Bevölkerung nun auch von einer anderen Seite große Gefahr. Denn die Rebellen kämpften nicht nur gegen die Regierungstruppen, sondern seit einem Jahr auch verstärkt gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die ihren Ausgang in Syrien nahm. Nachdem der IS-Vormarsch auch dank Luftschlägen der internationalen Allianz auf die syrische Kurdenstadt Kobane (arabisch: Ain al-Arab) gestoppt wurden, warnten UNO-Beobachter, dass IS-Kämpfer nun in Richtung Aleppo marschieren. Frankreichs Außenminister Laurent Fabius rief noch vor wenigen Tagen dazu auf, Aleppo nicht seinem Schicksal zu überlassen.

„Beginn eines islamischen Emirates“

Nicht nur in Aleppo, auch in südlicheren Landesteilten „ist die FSA deutlich dezimiert oder existiert überhaupt nicht mehr“, zitierte die „International Business Times“ („IBT“) den ehemaligen jordanischen General und Syrien-Experten Fajis al-Dwairi. „Das ist der Beginn eines islamischen Emirates“, warnte der Aktivist Alaa al-Din gegenüber der „IBT“.

Die Türkei fürchtet unterdessen eine weitere Flüchtlingswelle. Außenminister Mevlüt Cavusoglu sagte im türkischen Fernsehsender Kanal 24, Ankara rechne mit weiteren zwei, drei Millionen Flüchtlingen. „Es gibt keinen großen Unterschied zwischen dem IS und dem Regime“, sagte Cavusoglu, „beide töten grausam, vor allem Zivilisten. Und keiner der beiden zögert, jede Waffe einzusetzen, die er in die Hände bekommt.“ Bisher hat die Türkei rund 1,6 Millionen syrische Bürgerkriegsflüchtlinge aufgenommen. Insgesamt sind seit Beginn des Bürgerkrieges 2011 rund 200.000 Menschen getötet, drei Millionen Menschen sind laut Schätzungen der UNO auf der Flucht.

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