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Der Wald kommt in die Stadt zurück

2015 verliert Wien an die hundert Tonnen Holz. Seit 1. Jänner ist der 67 Meter hohe hölzerne Aussichtsturm neben dem Wiener Hauptbahnhof geschlossen und wird abgebaut. Bis 2013 war das „Bahnorama“ genannte Gebäude sogar der höchste begehbare Holzturm Europas - ein Rekord, der in Zukunft nur noch für ein müdes Lächeln sorgen könnte.

Geht es nach den Plänen von Architekten und Forschern, wird Holz in Zukunft wieder im großen Stil Einzug in die Architektur halten – und weit mehr leisten, als nur Aussichtsplattformen zu tragen. In Norwegen sollen im Herbst kommenden Jahres 14 Stockwerke ganz aus Holz fertiggestellt werden. Mit 49 Metern wird das Treet genannte Gebäude in Bergen das höchste Holzwohnaus der Welt sein und den bisherigen Rekordhalter um ganze 17 Meter überragen. Der heißt Forte-Building, steht im australischen Melbourne und zählt zehn Stockwerke, eines mehr als das 2009 eröffnete Londoner Stadthaus. Österreichs höchstes Holzhaus, der Life Cycle Tower One in Dornbirn, kommt dagegen „nur“ auf acht Stockwerke.

Mehr als die Summe der Teile

Das Vorarlberger Prestigeprojekt mag damit im weltweiten Vergleich auf die Plätze verwiesen worden sein - aber immerhin geschah das unter Einsatz österreichischen Know-hows. Denn sowohl in London als auch Melbourne kamen die Holzbauteile aus Österreich. Die steirische Firma KLH spezialisierte sich als eine der ersten auf die Entwicklung von Brettsperrholz - englisch Cross Laminated Timber (CLT) - und exportiert ihre Produkte mittlerweile in die ganze Welt.

Ansicht eines Büros im Life Cycle Tower One in Dornbirn

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Holz auf allen Seiten gibt es in Dornbirn auch im achten Stock

Bei diesen Holzplatten werden Bretter kreuzweise Schicht für Schicht miteinander verleimt. Das sorgt für mehr Stabilität und macht das Holz widerstandsfähig gegen Nässe und ihre Folgen. Aus vielen kleinen Holzstücken können so meterhohe und -breite Bauelemente entstehen. Die lassen sich – in einer Art Baukastensystem – verhältnismäßig leicht miteinander verbinden und aufeinander stapeln. Dass heute Hochhäuser ganz aus Holz gebaut werden können, ist zu einem großen Teil den in den vergangenen 20 Jahren entwickelten Holzprodukten geschuldet.

Auf der Suche nach dem Superholz

Einem Forscherteam an der Universität Cambridge gehen diese Entwicklungen allerdings nicht weit genug. Sie wollen in Zukunft hölzerne Wolkenkratzer mit 70 und mehr Stockwerken bauen. Sie wissen, dass das mit den momentanen Mitteln nicht möglich ist: Ab einer gewissen Gebäudehöhe können auch CLT-Elemente das Gewicht nicht mehr tragen. Das haben die Forscher rund um den Architekten Michael Ramaga bereits in einem detaillierten Modell nachgewiesen. Für die Wissenschaftler ist das aber kein Grund, an der grundsätzlichen Vision zu zweifeln. Vielmehr wollen sie das Holz so verändern, dass es auch solchen Belastungen standhält.

„Wir wollen Holz auf der molekularen Ebene umgestalten, um eines der am höchsten entwickelten und ausdauerndsten Materialen zu schaffen“, so Ramaga. Seit einem halben Jahr arbeiten Architekten, Chemiker, Biologen, Physiker, Mathematiker und Werkstofftechniker in Cambridge an der nächsten Holzgeneration – und daran, wie sie später einmal eingesetzt werden soll. Sie wollen Zellwände genetisch verstärken, Holz und Kunststoff zu neuen Baumaterialien verschmelzen und nebenbei den Energieverbrauch von Häusern deutlich senken. Für fünf Jahre ist das interdisziplinäre Forschungsprojekt bereits finanziert. Ramaga hält es für wahrscheinlich, dass sich bis dahin bereits der erste hölzerne Wolkenkratzer in die Skyline einer Stadt einfügt.

„Kompletter Imagewandel“

Solche Pläne klingen nicht nur nach Zukunftsmusik, ihnen haftet auch immer ein bisschen der Hauch des Größenwahns an. „Diese Projekte sind gut fürs Prestige, aber in der Wirklichkeit der Bauwelt sind sie kaum von Bedeutung. Wo haben wir denn Häuser mit mehr als zehn Geschoßen?“, fragt etwa Roland Gnaiger. Der Vorarlberger Architekt ist Professor an der Kunstuni Linz und hat dort den Master-Lehrgang überholz gegründet. Wenn er über Holz redet, dann spricht er von einem „ultramodernen, hochwertigen Baustoff“ und von einem „kompletten Imagewandel“, der sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen habe. Vor 50 Jahren sei Holz für minderwertige Aufgaben verwendet worden - gerade gut genug für Stadl und Baracken. „Heute wird es hochwertig eingesetzt und verarbeitet“, so Gnaiger gegenüber ORF.at.

Das liegt für den Architekten auch an den Eigenschaften des Werkstoffs, seiner Optik, seiner Haptik, seiner „Wärme“. Natürlich sei bei der technischen Bearbeitung von Holz noch sehr viel möglich. „Es verliert dabei aber einiges von seinen Eigenschaften. Und es braucht einen wesentlich höheren Einsatz“, sagt Gnaiger. Gerade der geringe Energieaufwand bei der Verarbeitung ist für ihn aber einer der großen Vorteile des Materials. „Holz wächst nach und kann beinahe einsatzfertig geerntet werden“, so Gnaiger. Vom ökologischen Standpunkt aus, mache das den Baustoff „nahezu unschlagbar“.

Bauen für das Klima

Genau das führen freilich auch jene Forscher und Architekten ins Feld, die von hölzernen Wolkenkratzen träumen. Bereits vor knapp drei Jahren veröffentlichte Michael Green sein Manifest für das Bauen mit Holz. Der kanadische Architekt präsentierte darin unter anderem seine Pläne für ein 30-stöckiges Gebäude im Zentrum Vancouvers. Seine Argumente: Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, und der Energieaufwand bei Produktion und Verarbeitung deutlich geringer als bei Stahl oder Beton. Da Bäume darüber hinaus CO2 speichern, fällt die Klimabilanz von Holz deutlich besser aus als bei jedem anderen Baustoff.

Kaum Freude mit solchen Argumenten haben - wenig verwunderlich - die Produzenten eben jener Baustoffe. In Kanada warnte die Betonindustrie in den vergangenen Monaten mit ganzseitigen Anzeigen vor der Gefahr von Holzgebäuden. Die Werbeeinschaltungen zeichneten das Bild einer ob der Holzindustrie baumlosen Erde und beschworen Bilder von zukünftigen Feuersbrünsten in den Städten.

Die Angst vor dem Feuer

Zwar werden Holzbefürworter nicht müde, darauf hinzuweisen, dass von modernen Holzbauten keine größere Brandgefahr ausgeht als von anderen Gebäuden, doch die Angst vor brennenden Stadtvierteln dürfte noch fest in den Köpfen vieler Gesetzgeber verankert sein. In den meisten Ländern gelten für Holzbauten weitaus strengere Vorschriften als für ihre Brüder aus Stahl und Beton. In den USA etwa dürfen Holzhäuser in den meisten Städten nicht höher als sechs Stockwerke sein, in Kanada gelten in manchen Bundesstaaten sogar noch strengere Beschränkungen. Russische Architekten dürfen mit Holz gleich gar nicht höher als drei Stockwerke planen.

In Österreich legen die Richtlinien des Österreichischen Instituts für Bautechnik (OIB) seit 2007 fest, dass bei Holzhochbauten der Fußboden des letzten Stockwerks nicht über 22 Metern liegen darf. Im Vergleich zu den bisherigen Bestimmungen der Bundesländer bedeutete dies eine deutliche Verbesserung - oder wird es bedeuteten. Denn noch haben nicht alle Landesregierungen die Richtlinien in gültige Gesetze gegossen.

Doch auch Staaten ohne generelle Höhenbegrenzungen für Holzhäuser, wie etwa Großbritannien und Norwegen, hielten sich bisher mit der Genehmigung eines hölzernen Wolkenkratzers zurück. Den himmelsstürmenden Plänen von Ramaga, Green und ihren Kollegen könnte also gar nicht die Tragfähigkeit des Baustoffs zur größten Hürde werden. Sondern eine der Urängste des Menschen - jene vor dem Feuer.

Martin Steinmüller, ORF.at

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