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Polizei will mit Attentätern verhandeln

Die Polizei strebt eine gewaltfreie Lösung der Geiselnahme nordöstlich von Paris an. Das stellte das französische Innenministerium Freitagmittag klar. Seit dem Vormittag halten sich die beiden mutmaßlichen „Charlie Hebdo“-Attentäter in einer kleinen Druckerei in der Gemeinde Dammartin-en-Goele etwa 50 Kilometer nordöstlich von Paris verschanzt. Sie haben mindestens eine Geisel in ihrer Gewalt.

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Man versuche, mit den eingekesselten Attentätern in Kontakt zu treten. Es sei vordringlich, einen Dialog mit den Terroristen herzustellen, sagte der Sprecher des Innenministeriums, Pierre-Henry Brandet,im französischen Fernsehen. Man wolle die Situation wenn möglich ohne Gewalt lösen. Brandet betonte aber, die Polizei bereite sich selbstverständlich auch auf eine Erstürmung vor, falls sich die Lage negativ zuspitze. Er ging davon aus, dass die Belagerung noch eine Weile andauern werde.

Scharfschütze in einem Helikopter

APA/AP/Thibault Camus

Die Druckerei wird auch von Hubschraubern aus überwacht

Die beiden Brüder Said und Cherif Kouachi werden verdächtigt, am Mittwoch die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ gestürmt und zwölf Menschen getötet zu haben. Seitdem sind die schwer bewaffneten Dschihadisten auf der Flucht. Laut dem konservativen Abgeordneten Yves Albarello sollen die Brüder gesagt haben, sie wollten als „Märtyrer“ sterben. Das berichtete der britische „Telegraph“ (Onlineausgabe).

Schulen wurden evakuiert

Rund um das Industriegelände herrschen massive Sicherheitsvorkehrungen: Die Gegend ist weiträumig abgesperrt. Drei Schulen in der Nähe der Druckerei wurden evakuiert. Die Schüler seien in eine weiter entfernte Turnhalle in Dammartin-en-Goele gebracht worden, teilte die Stadtverwaltung am Freitag auf ihrer Website mit. Das gelte sowohl für die rund 300 Meter entfernte Volksschule und den Kindergarten, die zuvor unter schwerer Bewachung standen, als auch für eine nahe gelegene Mittelschule und ein Gymnasium.

Schulkinder werden von Polizisten in Sicherheit gebracht

APA/AP/Peter Dejong

Drei Schulen in der Nähe des Einsatzortes wurden evakuiert

Flughafenbahnen gesperrt, Mobilnetz unterbrochen

Die Bewohner des Ortes seien angewiesen worden, ihre Häuser nicht zu verlassen. Wie mehrere Anrainer auf Twitter berichteten, wurde offenbar das Mobilfunknetz in Dammartin-en-Goele unterbrochen. Auf dem nahe gelegenen Flughafen Charle de Gaulle wurden die beiden Bahnen im Norden für Landungen gesperrt. Die landenden Flugzeuge werden auf die zwei Start- und Landebahnen im Süden des Flughafens verlagert. Im Norden könne weiter gestartet werden, sagte ein Sprecher des Flughafens am Freitag.

Am Vormittag hatten französische Medien von Schüssen und einer Verfolgungsjagd berichtet. Meldungen, wonach es zu Verletzten oder gar Todesopfern gekommen sei, wurden von offizieller Seite dementiert. Innenminister Bernard Cazeneuve bestätigte, dass eine Operation von „Eliteeinheiten“ im Gange sei. Ziel sei es, die „Verantwortlichen“ für den Terroranschlag gegen die Redaktion des Satiremagazins „zu neutralisieren“, zitierte die Nachrichtenagentur AFP Cazeneuve.

Die Polizei bat die Medien, keine Bilder von dem Großeinsatz zu zeigen. Ansonsten könnten die Terroristen womöglich wissen, wie sich die Sicherheitskräfte im Industriegebiet positionieren, hieß es am Freitag auf einer Facebook-Seite der Sondereinheit GIPN.

Hollande: Müssen alles zum Schutz der Franzosen tun

Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande sagte am Freitag, dass jetzt alles zum Schutz der Franzosen getan werden müsse. Die nach dem Attentat mit zwölf Toten erhöhte Sicherheitsstufe im Großraum Paris und in Teilen Nordfrankreichs diene auch dazu, beruhigend zu wirken, sagte der Präsident im Innenministerium. Terrordrohungen gegen Einrichtungen im Land seien nicht neu, fügte Hollande an. „Wir wussten, dass jederzeit etwas geschehen konnte.“ In der vergangenen Monaten seien mehrere Attentatspläne durchkreuzt worden.

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Großaufgebot der Sicherheitskräfte

Die Regierung hatte landesweit 88.000 Einsatzkräfte mobilisiert, um die mit Kalaschnikows und einer Panzerfaust bewaffneten Brüder Said und Cherif Kouachi zu fassen und weitere Terrorakte zu verhindern. Sie sollen den Ermittlungen zufolge am Mittwoch schwarz vermummt die Redaktion des Magazins mitten in der Hauptstadt gestürmt und mit Maschinenpistolen um sich geschossen haben.

Karte von Nordfrankreich

APA/ORF.at

Unter den zwölf Todesopfern waren acht Journalisten von „Charlie Hebdo“ und ein weiterer Kollege, der unter anderem für den Radiosender France Inter arbeitete. „Charlie Hebdo“ war mehrfach wegen Mohammed-Karikaturen angefeindet worden.

Hinweise auf weitere geplante Anschläge

Nach dem Fund von Molotowcocktails und einer Islamistenflagge in einem Fluchtauto in Paris gehen die französischen Ermittler davon aus, dass das Duo weitere Anschläge geplant hatte. Die Polizei nahm neun Personen aus dem Umfeld der Terroristen in Gewahrsam, wie Cazeneuve bekanntgab.

Terrortraining im Jemen

Unterdessen wurde mehr zur Vergangenheit der beiden jungen Männer bekannt. Said Kouachi, der ältere der Brüder, sei 2011 einige Monate bei einem Al-Kaida-Ableger im Jemen im bewaffneten Kampf ausgebildet worden, berichteten der Fernsehsender CNN und die „New York Times“ („NYT“) am Donnerstagabend. Laut CNN war einer der Brüder außerdem im vergangenen Jahr in Syrien - welcher, ist unklar, berichtete der Sender unter Berufung auf französische Sicherheitskreise.

Fahndungsfotos

APA/EPA/Französische Polizei

Die Fahndungsbilder der beiden Hauptverdächtigen wurden veröffentlicht

Die Männer befanden sich auch im Visier der US-Behörden: Ein US-Vertreter sagte der Nachrichtenagentur AFP am Donnerstag, die Brüder seien „seit Jahren“ auf den Überwachungslisten des Landes gestanden. Sie seien dort als Terrorverdächtige geführt worden, und ihre Namen seien auch auf der Flugverbotsliste gestanden, sagte der Vertreter, der anonym bleiben wollte. Zuvor galt eher der jüngere Bruder Cherif Kouachi als amtsbekannt. Er war 2008 wegen Unterstützung von Al-Kaida im Irak verurteilt worden. Von der dreijährigen Haftstrafe wurden anderthalb auf Bewährung ausgesetzt.

Von Behörden überwacht

Dass die Brüder Kouachi im islamistischen Umfeld aktiv waren, war den Behörden bekannt. Schon seit längerem wurden sie überwacht, sagte Innenminister Cazeneuve. Hinweise auf einen bevorstehenden Terrorakt habe es aber nicht gegeben. Es sei auch kein juristisches Verfahren vorgelegen, so Cazeneuve im Interview mit dem Sender Europe 1: „Wir treffen hundertprozentig Vorsichtsmaßnahmen, ein Nullrisiko gibt es aber nicht.“

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