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Auflage von einer Mio. statt 60.000

Zwei Tage nach dem tödlichen Anschlag auf „Charlie Hebdo“ haben überlebende Mitarbeiter des Satiremagazins mit der Arbeit an der nächsten Ausgabe begonnen. Die Journalisten nutzten dafür am Freitag Räume der Zeitung „Liberation“, wie Mitarbeiter der Tageszeitung mitteilten.

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„Wir empfangen sie bei uns, denn sie haben nicht einmal mehr einen Stift“, sagte Pierre Fraidenraich von „Liberation“. „Ihre Computer und ihre gesamte Ausrüstung wurden versiegelt.“ Premierminister Manuel Valls und Kulturministerin Fleur Pellerin statteten der Redaktion einen Besuch ab, um ihre Solidarität mit den Journalisten zu bekunden.

Zwölf Menschen getötet

Die eigentlichen Büros von „Charlie Hebdo“ befinden sich nur ein paar Straßen entfernt. Am Mittwoch waren zwei schwer bewaffnete Attentäter in die Redaktionsräume eingedrungen. Bei dem Attentat starben insgesamt zwölf Menschen - mehrere Zeichner und Journalisten des für seine islamkritischen Karikaturen bekannten Satiremagazins, darunter Chefredakteur Stephane Charbonnier, ein Gast, der Leibwächter Charbonniers, ein Mitarbeiter am Empfang und ein Polizist. Laut Videoaufzeichnungen sollen die Täter „Allahu Akbar“ („Allah ist groß“) und „Wir haben den Propheten gerächt“ gerufen haben.

Unter denjenigen, die an der neuen Ausgabe arbeiten, sind auch der Kolumnist Patrick Pelloux und sein Anwalt Richard Malka. Malka hatte angekündigt, die Sonderausgabe von „Charlie Hebdo“ am kommenden Mittwoch werde statt der üblichen 60.000 Exemplare eine Auflage von einer Million haben.

Die Zeitung werde sich nicht unterkriegen lassen, bekräftigte Pelloux. „Das ist sehr hart, wir alle sind voller Leid, Schmerz, Angst“, so der Autor weiter. „Aber wir machen es trotzdem, denn die Dummheit wird nicht gewinnen. Charb (Chefredakteur Stephane Charbonnier, Anm.) hat immer gesagt, dass die Zeitung erscheinen muss, koste es, was es wolle.“ Bei dem Anschlag auf die Redaktion starben acht Mitarbeiter der Zeitung, unter ihnen ihr langjähriger Leiter Charbonnier und vier weitere Karikaturisten.

Bilder der ermordeten Cartoonisten Georges Wolinski, Cabu, Tignous und Charb

Reuters/Gonzalo Fuentes

Zeichen der Trauer und Solidarität mit „Charlie Hebdo“

Mohammed-Karikaturen veröffentlicht

„Charlie Hebdo“ sorgte in den letzten Jahren immer wieder für Skandale. Inhaltlich ist das wöchentlich erscheinende Heft in etwa mit dem deutschen Satiremagazin „Titanic“ vergleichbar. Die Autoren und Zeichner kümmerten sich nie besonders um politische Korrektheit, wenn sie ihre Attacken gegen die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft und auch gegen Sekten, Rechtsextreme und religiöse Eiferer ritten.

Die Redaktion mit rund 20 Mitarbeitern veröffentlichte bereits 2006 umstrittene Mohammed-Karikaturen. 2011 verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf die Redaktionsräume in Paris, Chefredakteur Charbonnier erhielt Morddrohungen. Zuvor hatte „Charlie Hebdo“ zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien eine Sonderausgabe mit dem Titel „Charia Hebdo“ herausgebracht.

Houellebecq in jüngster Ausgabe

Im September 2012 sorgte „Charlie Hebdo“ erneut mit Mohammed-Karikaturen für Aufsehen. Nach der Veröffentlichung mussten französische Einrichtungen in einigen Ländern aus Sicherheitsgründen zeitweise geschlossen werden. Die Website von „Charlie Hebdo“ war tagelang von Hackern gestört. Die jüngste Ausgabe vom Mittwoch widmete die Zeitung dem neuen Roman des französischen Skandalautors Michel Houellebecq, der darin die Machtübernahme durch einen muslimischen Präsidenten in Frankreich im Jahr 2022 beschreibt.

Zu sehen ist auch ein Cartoon, auf dem ein islamistischer Terrorist mit einer umgehängten Kalaschnikow auf dem Rücken zu sehen ist, der sagt: „Noch immer kein Attentat in Frankreich, aber man darf sich ja bis Ende Jänner was wünschen.“

Immer wieder vor Gericht

Die 1970 gegründete Satirezeitung ging aus dem verbotenen Vorgängerblatt „Hara-Kiri“ hervor. Das zwischen Ende 1981 und 1992 wegen Geldmangels vorübergehend eingestellte Blatt muss sich auch regelmäßig vor Gericht verantworten. So gab es unter anderem Klagen nach einer bitterbösen Papst-Sonderausgabe. „Charlie Hebdo“ erscheint auf Zeitungspapier.

Unter Frankreichs Medien herrscht große Solidarität mit dem Satiremagazin. „Nous sommes tous Charlie“ („Wir sind alle Charlie“), schrieb etwa die linke „Liberation“. Die konservative Zeitung „Le Figaro“ titelte mit „Die ermordete Freiheit“.

Allerdings waren auch kritische Stimmen zu hören. Die britische „Financial Times“ schrieb von der „Unverantwortlichkeit“ des Satiremagazins. Zwar sei Frankreich das Land von Voltaire, doch bei „Charlie Hebdo“ seien zu häufig unverantwortliche redaktionelle Entscheidungen getroffen worden. Schweigen wollte Charbonnier mit seinem Magazin nie: „Ich ziehe es vor, mit erhobenem Haupt zu sterben, als auf den Knien zu leben“, sagte er in einem Interview.

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