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„Brücken bauen und Mauern einreißen“

Bei Großevents wie dem Eurovision Song Contest ist es üblich, dass bereits im Vorfeld eine Heerschar an freiwilligen Helfern aus aller Welt hinter den Kulissen mitwirkt. Im Gespräch mit ORF.at erzählen Menschen, warum sie sich als Volunteer für das Ereignis in Wien beworben haben, wie sie sich ihre Zeit als „Brückenbauer“ vorstellen und weshalb Geld dabei keine Rolle spielt.

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Bereits rund 1.000 Bewerberinnen und Bewerber haben ihre Motivationsschreiben an den ORF geschickt, alle mit einem Ziel: Sie wollen als freiwillige Helfer beim weltweit größten TV-Unterhaltungsevent hinter den Kulissen dabei sein.

Song-Contest-Volunteers beim Fotoshooting

Yuriy Futalo

Die Volunteers erhoffen sich vom Song Contest ein unvergessliches gemeinschaftliches Erlebnis

Der ORF-Executive-Producer des Eurovision Song Contest in Wien, Edgar Böhm, freut sich über die zahlreichen Bewerbungen und lädt weitere Interessierte ein, direkt mitzumachen: „Dieses Großevent ist für uns als Team eine einzigartige Erfahrung, die jedem Einzelnen unvergesslich bleiben wird. Unsere Song-Contest-Familie freut sich über neue Mitglieder jeglicher Altersgruppe ab 18 Jahre als freiwillige Helferinnen und Helfer, die diese Erfahrung mit uns teilen wollen.“

Von den Löwen zum Song Contest

Eine solche Erfahrung bereits gemacht hat die 69-jährige Christiana Eichberger aus Wien. 2014 arbeitete die „glückliche Pensionisten“, wie sie sich selbst bezeichnet, als freiwillige Helferin bei der Tierschutzorganisation Vier Pfoten am Lionsrock in Südafrika, einem Refugium für Großwildkatzen. „Als Volunteer in Südafrika zu arbeiten war für mich ein besonderes Erlebnis. Zuerst war es mir nur ein Bedürfnis, bei der Arbeit mit misshandelten Tieren mitzuhelfen, aber letztendlich war es für mich eine unglaubliche Bereicherung. Ich habe meine Zuwendung vielfach zurückbekommen.“

Für den Song Contest erwartet sie sich eine besondere Energie zwischen den vielen unterschiedlichen Menschen. „Es ist toll, dass Österreich seine Gastfreundschaft auf alle übertragen kann und die Volunteers dazu einen Beitrag leisten dürfen. Das stelle ich mir unter ‚Building Bridges‘ über ganz Europa vor.“

Teil eines Friedensprojekts werden

Die 42-jährige Carmen Bischof sieht ihre Bewerbung als Volunteer ganz pragmatisch: „Zwischen dem Sieg 1966 und dem Sieg 2014 liegen glatte 58 Jahre. Wenn es das nächste Mal wirklich erst wieder 2062 so weit sein sollte, bin ich 90. In dem Alter kann ich als Volunteer vermutlich nicht mehr allzu nützlich sein. Daher muss ich mich jetzt bewerben.“

Carmen Bischof in Schweden

Carmen Bischof

Anwärterin Carmen Bischof lebt zeitweise im „Song-Contest-narrischen“ Schweden

Die Steirerin, die seit sieben Jahren mit einem Skandinavier zusammenlebt, weiter: „Zudem liegt mein Zweitwohnsitz in dem Song-Contest-narrischen Schweden, wo mich alle um den Austragungsort Wien beneiden. Die supertolle internationale Atmosphäre letztes Jahr in Kopenhagen soll hier noch übertroffen werden.“ Für Bischof ist der Song Contest ein Friedensprojekt, das heutzutage wichtiger sei denn je, und davon möchte sie gern ein Teil werden.

Teamwork zwischen Altersgruppen und Nationen

Eine gute, positive Zusammenarbeit mit motivierten Kollegen aller Altersgruppen und Nationalitäten wünscht sich der gebürtige Brite Stephen Micklethwaite (57). Der ehemalige Universitätsprofessor, der jetzt in Salzburg lebt, kann sich vor allem mit dem diesjährigen Motto „Building Bridges“ identifizieren: "Seit Ewigkeiten hat die Musik Menschen zusammengebracht. Im Rahmen eines solchen internationalen Events wird das natürlich alles vervielfacht. Und in Zeiten wie diesen ist nicht nur das Brückenbauen wichtig, sondern genauso das Mauerneinreißen. Wenn wir das machen, werden wir sehen, wer sich hinter diesen Mauern versteckt.

Brückenbauer-T-Shirt

Yuriy Futalo

„Building Bridges“ ist der vom ORF ausgewählte Slogan für den 60. Eurovision Song Contest

Wenn wir erkennen, dass das Menschen sind wie wir, und wir beginnen zu reden, dann werden solche Gräueltaten wie die, die wir in den vergangenen Wochen gesehen haben, - hoffentlich - eher eine abscheuliche Seltenheit, die praktisch von niemandem unterstützt werden." Dass er sich für die zwei Wochen im Mai extra freinehmen muss, nimmt der selbstständige Übersetzer und Texter gerne in Kauf. „Geld ist bloß ein Mittel, niemals das eigentliche Ziel. Viel wichtiger sind die Erfahrungen, die man dabei sammelt, die Bekanntschaften, die man macht, die Synergie, die man spürt, und natürlich, was man dadurch zustande bringt.“

Portrait Andre Dimailig

Andre Dimailig

Andre Dimailig

Diversität als Merkmal

Der 24-jährige Jusstudent Andre Dimailig aus Wien freut sich darauf, dass im Mai ganz Europa in Wien zusammenkommt. „Ich bin gebürtiger Filipino und studiere seit Oktober 2007 in Wien. Als Migrant in einer multikulturellen Großstadt wie Wien bin ich immer mit Diversität konfrontiert. Ich glaube auch, dass Diversität ein wesentliches Merkmal des Eurovision Song Contest ist. Genau dieses Zusammentreffen verschiedener Kulturen und vielfältiger Talente möchte ich hautnah miterleben.“

Ob er es sich als Student leisten könne, mitzuhelfen, ohne dafür bezahlt zu werden? „Ich sehe ehrenamtliche Arbeit nicht als etwas Negatives, sondern als etwas, wodurch ich mich professionell und auch persönlich weiterbilden kann. Als Volunteer zu arbeiten ist für mich so etwas wie eine Schule, wo eben nicht benotet wird und alles möglich ist. Dafür spielt für mich Geld keine Rolle."

Genau hinschauen und nicht verurteilen

Erfahrungen als Volunteer auf einem anderen Gebiet macht im Moment die 19-jährige Sophie Berger aus Wien. Sie unterstützt als freiwillige Helferin ein Sozialprojekt in Kapstadt und meint dazu: „Die Arbeit mit Menschen von einem anderen Kontinent verbindet ganz stark. Offen zu sein, nicht zu verurteilen, sondern sehr genau hinzuschauen, das hab ich mir für mein Leben mitgenommen. Und den starken Wunsch, selbst etwas gegen Armut und Ungerechtigkeit zu unternehmen.

Sophie Berger

Sophie Berger

Sophie Berger hatte als Zwölfjährige eine Begegnung der besonderen Art

Auch die Freundschaft zu den anderen Volunteers lässt Menschen über alle Grenzen hinweg enger zusammenrücken. Da sehe ich auch die Verbindung zum Song Contest. Gerade in Zeiten wie diesen ist die Idee, sich friedlich und freundschaftlich zu begegnen, so wichtig wie noch nie.“

Tanzen mit Conchita

Berger kann außerdem noch eine Anekdote zum Besten geben. Als Zwölfjährige war sie Tänzerin im Musikvideo der österreichischen Boyband „Jetzt anders“, deren heute berühmtestes Mitglied Tom Neuwirth alias Conchita Wurst war.

Berger erinnert sich: „Ich war damals vor dem Musikvideo wahnsinnig aufgeregt, was Cooleres kann einem zwölfjährigen Mädchen ja kaum passieren. Aber vor allem Tom hat mir die Nervosität sofort genommen, einfach weil er so gut drauf und unglaublich sympathisch war. Ich hatte keine Sekunde den Eindruck, dass ihn sein Erfolg bei ‚Starmania‘ negativ verändert hätte. Und er war schon damals ungeheuer professionell, das ist mir auch aufgefallen. Ihr Sieg letztes Jahr hat mir sehr viel bedeutet, weil es das erste Mal war, dass ich wirklich eine Art von Patriotismus verspürt habe. Ich habe mit meinen Eltern und Freunden mitgefiebert, wir alle waren emotional unglaublich berührt. Was für meine Eltern der Olympiasieg von Franz Klammer oder Cordoba war, das wird für meine Generation der Sieg von Conchita Wurst sein.“

Anmeldung bis Ende Jänner

Wer sich als Volunteer bewerben möchte, muss mindestens 18 Jahre alt sein, fließend Deutsch und Englisch sprechen und zwischen dem 4. und 24. Mai verfügbar sein. Das Volunteers-Programm des Song Contest basiert auf Freiwilligkeit. Die Helfer werden während ihrer Einsatzzeit unfallversichert, erhalten Verpflegung sowie ein Song-Contest-Outfit. Die Anmeldefrist endet am 31. Jänner 2015.

Sonia Neufeld, songcontest.ORF.at

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