Themenüberblick

Kundgebungen nach Freitagsgebet

Die Wut über die Mohammed-Karikatur in der jüngsten „Charlie Hebdo“-Ausgabe hat sich nach den Freitagsgebeten vielfach in Gewalt entladen. Im afrikanischen Niger zündeten aufgebrachte Muslime ein französisches Kulturzentrum an. Verletzte gab es auch in Pakistan. Dort stürmten Gläubige in Karachi das französische Konsulat.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

In Zinder in Niger sagte ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung: „Das ist ein schwarzer Freitag. So etwas hat es hier noch nicht gegeben.“ Nach dem Freitagsgebet habe sich eine Menschenmasse aus den Moscheen ergossen, berichtete der Journalist Amadou Mamane. Mindestens ein Mensch kam Medienberichten zufolge ums Leben.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk berichtete, 22 Sicherheitskräfte und 23 Demonstranten seien verletzt worden. Neben dem Kulturzentrum gingen zwei katholische und eine evangelische Kirche, ein Parteibüro und mehrere Bars in Flammen auf. Der Direktor des Kulturzentrums, Kaoumi Bawa, berichtete: „Sie zündeten die Cafeteria, die Mediathek und Verwaltungsräume an.“ Zwei Polizisten, die das Zentrum schützen sollten, versuchten vergeblich, die Menge mit Warnschüssen abzuhalten.

Am Samstag kam es erneut zu Zusammenstößen. Die Polizei ging mit Tränengas gegen Demonstranten in der Hauptstadt Niamey vor. Zu dem von den Behörden untersagten Protest nahe der Großen Moschee der Stadt versammelten sich mindestens tausend Jugendliche. Einige von ihnen bewarfen die Einsatzkräfte mit Steinen, andere zündeten Autoreifen an. Demonstranten auf Motorrädern skandierten „Allahu akbar“ (Gott ist groß).

Bei den neuerlichen Protesten am Samstag kamen laut Polizei mindestens drei Menschen ums Leben. Die Zahl der Todesopfer bei den seit Freitag andauernden Protesten stieg damit auf acht.

Verkauf auch in Wien

Auf dem am Mittwoch erschienenen „Charlie Hebdo“-Titelblatt ist eine neue Mohammed-Karikatur zu sehen. Der Prophet hält weinend ein „Je suis Charlie“-Schild - Symbol der Solidarität mit den zwölf Menschen, die in der vergangenen Woche von zwei islamistischen Attentätern bei einem Anschlag auf die Satirezeitung getötet wurden. Statt rund 60.000 Exemplaren wie früher wurde „Charlie Hebdo“ nach dem Anschlag auf die Redaktion vergangene Woche in Millionenauflage gedruckt. Am Samstag kamen erstmals auch knapp 300 Exemplare in Wien in den Verkauf - mehr dazu in oesterreich.ORF.at.

Charlie Hebdo Cover

APA/EPA/Charlie Hebdo

Verletzte in Pakistan

Im pakistanischen Karachi wurden drei Menschen verletzt, darunter ein Fotograf, dem in den Rücken geschossen wurde. Die Polizei ging mit Wasserwerfern und Tränengas gegen Mitglieder der muslimischen Jamaat-e-Islami-Partei vor, die vor dem französischen Konsulat demonstrierten. Ein Zweig der pakistanischen Taliban, die Jamat-ul-Ahrar, feierte die beiden Attentäter von Paris. Sie hätten „die Erde von schmierigen Gotteslästerern befreit“.

In Dakar und in Mauretanien steckten erboste Muslime französische Flaggen in Brand. Einen der größten Proteste gegen „Charlie“ gab es in Jordanien: 2.500 Demonstranten zogen nach dem Freitagsgebet durch die Hauptstadt Amman. „Die Beleidigung des Propheten ist globaler Terrorismus“, stand auf einem Plakat. In Algier zogen ebenfalls bis zu 3.000 Menschen unter dem Ruf „Wir sind alle Mohammed“ durch die Gassen.

Demonstranten verbrennen in Algier eine französische Flagge

Reuters/Ramzi Boudina

Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei in Algier

Proteste auf dem Tempelberg

Auf dem Jerusalemer Tempelberg versammelten sich Hunderte Muslime. In der Menge waren auch Fahnen der radikalislamischen Hamas zu sehen. „Franzosen, Bande von Feiglingen“, riefen einige Demonstranten. In Baddawi, einem Vorort der libanesischen Stadt Tripoli, rief der Imam: „Möge Gott die Zeitung und ihre Unterstützer bestrafen.“ In der Moschee El-Fath in Tunis riefen Gläubige, die „Charlie“-Zeichner „verdienten den Tod, weil sie unseren Propheten oft beleidigt haben“.

Im türkischen Istanbul versammelten sich rund hundert Menschen zum Gedenken an die Attentäter Cherif und Said Kouachi. Eine radikale Bruderschaft hatte dazu aufgerufen. Porträts der Brüder und des getöteten Chefs des Terrornetzwerks Al-Kaida, Osama bin Laden, wurden hochgehalten. Auf Plakaten stand: „Wir sind alle Kouachi.“

Iranische Zeitung wegen „Ich bin Charlie“ verboten

Im Iran wurde unterdessen die reformistische Tageszeitung „Mardom-e-Emrooz“ („Das Volk von heute“) verboten, die am Dienstag mit dem Slogan „Ich bin Charlie“ auf dem Titelblatt erschienen war. Die Nachrichtenagentur IRNA berichtete am Samstag über eine entsprechende Justizentscheidung. Konservative Kreise in Teheran hatten die Zeitung, die als Sprachrohr der Reformer um Präsident Hassan Rohani gilt, zuvor massiv kritisiert.

Die Zeitung hatte auf ihrem Cover ein ganzseitiges Foto des US-Schauspielers George Clooney mit einem „Je suis Charlie“-Pin am Revers abgedruckt. Die Schlagzeile lautete: „Clooney: Auch ich bin Charlie.“ Der Chefredakteur der Zeitung, Mohammad Ghouchani, verteidigte sich gegenüber der Nachrichtenagentur Fars, dass die Titelseite vor Bekanntwerden der jüngsten Mohammed-Karikatur durch „Charlie Hebdo“ gestaltet worden sei. Das reformorientierte Blatt kam erst Ende Dezember auf den Markt, nachdem mehrere Reformzeitungen verboten worden waren.

Weitere Festnahmen in Frankreich

Die US-Regierung verurteilte die Ausschreitungen. Alle Seiten müssten auf Gewalt verzichten, sagte Außenamtssprecher Jeffrey Rathke in Washington. „Kein journalistisches Handeln, so verletzend es in den Augen mancher auch sei, rechtfertigt Gewalt“, fügte er hinzu.

In Frankreich nahmen Ermittler im Zusammenhang mit der Terrorwelle der Vorwoche derweil weitere zwölf Menschen fest. Sie sollen wegen möglicher Verbindungen zu den drei Attentätern vernommen werden, hieß es. Es gehe vor allem um die Frage, ob sie logistische Unterstützung für die Anschläge auf „Charlie Hebdo“, einen koscheren Supermarkt und eine Polizistin leisteten.

Link: