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„Vom Meer verschluckt“

Bei dem schlimmsten Flüchtlingsdrama im Mittelmeer in diesem Jahr sind vor der italienischen Insel Lampedusa möglicherweise mehr als 330 Menschen ums Leben gekommen. Das sagte eine Sprecherin des UNO-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR), Carlotta Sami, am Mittwoch. Sie bezog sich auf Angaben von Überlebenden.

Ihren Anfang hatte die Katastrophe bereits vor vier Tagen genommen. Am Wochenende machten sich Hunderte Flüchtlinge in Schlauchbooten von Libyen aus auf den Weg über das Mittelmeer. Vier von ihnen wurden laut Sami am Mittwoch von der italienischen Küstenwache gerettet. Von 203 anderen, die sich mit den Geretteten auf zwei Booten befunden haben sollen, fehlt bisher jede Spur. „Es sind neun und sie wurden nach vier Tagen auf dem Meer gerettet. Die anderen 203 hat das Meer verschluckt“, so Sami per Twitter.

Küstenwache auf Lampedusa

APA/EPA

Die Überlebenden wurden von der Küstenwache nach Lampedusa gebracht

Die neun Überlebenden wurden von der Küstenwache nach Lampedusa gebracht. Sie sprechen Französisch und stammen vermutlich aus Westafrika. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Genf starteten sie am Samstag nahe der libyschen Hauptstadt Tripolis. Jedes der zwei Schlauchboote habe mehr als hundert Flüchtlinge transportiert, vermutlich am Montag seien sie dann gekentert, sagte der IOM-Sprecher für Italien, Flavio di Giacomo.

29 Flüchtlinge erfroren

Die Behörden gehen davon aus, dass es sich um einen ganzen Tross von Booten gehandelt habe. Auch ein Schlauchboot, das Montagfrüh von der italienischen Küstenwache mit mehr als hundert Flüchtlingen in der stürmischen See aufgebracht worden war, gehörte nach Angaben Di Giacomos dazu. 29 der Passagiere erfroren im Mittelmeer - 22 an Bord des Patrouillenbootes auf dem Weg nach Lampedusa. Ärzte, die an der Rettungsaktion beteiligt waren, werfen den italienischen Behörden vor, bei der Entsendung eines größeren Marineschiffes hätten viele der Kältetoten noch gerettet werden können.

Die Leichen der 29 Toten wurden am Mittwoch mit einer Fähre von Lampedusa nach Agrigent auf Sizilien überführt. Dort sollen sie beerdigt werden. Die Überlebenden befinden sich noch im Auffanglager der Insel. Sechs Personen liegen wegen Unterkühlung im Krankenhaus Lampedusas.

Leichenwagen auf Lampedusa

APA/EPA/Pasquale Claudio Montana Lampo

22 Flüchtlinge starben erst unter der Obhut der Küstenwache

Die neun am Mittwoch geretteten Bootsflüchtlinge berichteten darüber hinaus von einem vierten vermissten Boot mit möglicherweise mehr als hundert Menschen an Bord. Deren Schicksal ist ungewiss. Es träfen Informationen über weitere gekenterte Boote ein, sagte der Sprecher der IOM in Genf, Joel Millman, der Nachrichtenagentur AFP. „Insgesamt könnte sich die Opferzahl bis zum Ende des Tages verdreifachen.“

„Triton“-Mission mit begrenzten Möglichkeiten

Die neuen Dramen werfen einmal mehr ein Schlaglicht auf die Grenzen der EU-Mission „Triton“. Bis zum November hatte die italienische Marine mit ihrer Mission „Mare Nostrum“ Tausende Schiffbrüchige aus dem Mittelmeer gerettet. Weil sich die EU-Partner weigerten, sich substanziell an den Kosten von monatlich neun Millionen Euro zu beteiligen, stellte Rom die Mission ein. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex startete daraufhin die „Triton“-Mission.

Sie hat ein Budget von monatlich 2,9 Millionen Euro, und ihre Patrouillen sind weitgehend auf die EU-Gewässer begrenzt, sie reichen also nicht bis vor die libysche Küste. Menschenrechtsorganisationen und Politiker in Italien kritisierten das Programm erneut als unzureichend. Papst Franziskus rief am Mittwoch zu Solidarität mit Flüchtlingen auf, es dürfe nicht an notwendiger Hilfe fehlen. Nach Angaben des italienischen Innenministeriums kamen allein im Jänner mehr als 3.500 Flüchtlinge nach Italien. Selbst Winterstürme halten die verzweifelten Menschen nicht von den gefährlichen Überfahrten ab.

Über 3.200 Tote im vergangenen Jahr

Schon im vergangenen Jahr ließen weit mehr als 3.200 Flüchtlinge im Mittelmeer ihr Leben. So konnten etwa im September nur zehn Menschen gerettet werden, als ein Boot mit angeblich mehr als 500 Migranten im Mittelmeer kenterte. Überlebende berichten damals, dass Menschenschmuggler das Schiff mit Syrern, Ägyptern, Palästinensern und Sudanesen auf dem Weg nach Malta versenkt hätten.

170.000 Flüchtlinge wurden von Küstenwache, Marine oder Handelsschiffen in Italien an Land gebracht. Die meisten von ihnen fliehen vor Krieg und Armut in ihrer Heimat zunächst nach Libyen, um sich dort in die Hände von Schmugglern zu begeben und die gefährliche Reise über das Meer anzutreten.

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