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Rückenlehne als „ignoriertes Problem“

Die scheinbar grenzenlose Freiheit über den Wolken endet in der Economyclass meist schon an der Sitzlehne des Vordermanns: Denn der Platz im Flugzeug ist knapp, das Reisen - zumindest in der Touristenklasse - unbequem. Stellt der Vordermann seine Lehne zurück, wird es noch enger. Also zurücklehnen oder nicht?

Innerhalb weniger Tage eskalierte der Streit über diese Frage im Himmel über den USA kürzlich dreimal derart, dass die Flugzeuge ungeplante Zwischenstopps einlegen mussten. Seit Jahren werde über Zurücklehnen diskutiert, sagt Sarah Schlichter, die Chefredakteurin des Reiseratgebers IndependentTraveler.com. „Aber die derzeitige Aufregung zeigt, dass die Leute offenbar keine glücklichen Flugpassagiere mehr sind.“ Tatsächlich schränken die Fluggesellschaften den Platz für Reisende in der Economyclass zusehends ein.

„Knee Defender“ findet reißenden Absatz

Jener Flugpassagier, dessentwegen eine United-Airlines-Maschine Ende August in Chicago zwischenlandete, hatte eigens technisches Gerät an Bord, um seine Beinfreiheit zu sichern. Er benutzte einen „Knee Defender“. Dieser „Knieverteidiger“ besteht aus zwei kleinen Manschetten, die auf die Halterung des Klapptischchens gesteckt werden und so verhindern, dass der Vordermann seine Lehne zurückstellen kann.

In den vergangenen zweieinhalb Jahren seien immer mehr „Knee Defender“ verkauft worden, sagt Ira Goldman, der den 22 Dollar (knapp 17 Euro) teuren Knieschützer vor mehr als zehn Jahren erfand. „Die Leute reisen mehr, die Flugzeuge werden immer voller, der Platz knapper, und die Fluggesellschaften setzen immer noch auf zurückstellbare Sitze“, so der 1,92 Meter große Unternehmer, der selbst 150.000 Kilometer im Jahr fliegt.

„Wenn ich fliege, lehne ich mich zurück“

„Der Krieg zwischen denen, die sich zurücklehnen, und denen, die Platz für ihre Beine wollen, eskaliert“, war im Blog Gawker zuletzt zu lesen. „Den Sitz zurückzulehnen ist bösartig“, befand Dan Kois im Onlinemagazin Slate und berichtete von einem Inlandsflug, auf dem „die Lehne des Lehrers vor mir so nah an mein Kinn reichte, dass ich beinahe schielen musste, um fernzusehen“. In der „New York Times“ meinte Josh Barro umgekehrt: „Ich fliege viel. Und wenn ich fliege, lehne ich mich zurück. Und ich fühle mich deswegen auch nicht schuldig.“

Goldman, der Erfinder des „Knee Defender“, sieht die Fluggesellschaften in der Pflicht: „Ich würde mich freuen, wenn die Luftfahrtindustrie das Problem lösen würde, das sie seit so vielen Jahren ignoriert.“ Einige Billigfluglinien haben für ihre Maschinen eine einfache Lösung gefunden. Bei easyJet und Ryanair lassen sich die Lehnen bei Kurzstreckenflügen gar nicht mehr nach hinten stellen. Bei vielen anderen Fluglinien ist die Verwendung des Gadgets verboten.

„Lehnen Sie sich langsam zurück“

Jeder Passagier habe das Recht, sich zurückzulehnen, sagt hingegen Benimmexpertin Anna Post, die Leiterin eines renommierten Instituts für Umgangsformen in den USA. „Sie erwerben dieses Recht mit dem Kaufpreis, und kein anderer Passagier darf Sie davon abhalten, Ihren Sitz zurückzustellen“, so Post. Sein Recht durchzusetzen verursache aber manchmal mehr Ärger, als es wert sei. „Also lehnen Sie sich langsam zurück, so dass Sie nicht in jemanden hineinkrachen“, rät die Expertin. „Manchmal reicht auch schon ein kleines bisschen, um es bequemer zu haben.“

Fabienne Faur, AFP

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