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Industrie warnt vor Prozessen

Nicht nur der niedrige Ölpreis, sondern auch die Wahrscheinlichkeit einer Klagswelle gegen Energiefirmen bringen den Fracking-Boom in den USA ins Wanken. Die umstrittene Fördermethode für Schiefergas und -öl füllte US-Öllager und ließ die USA hoffen, ihren Energiebedarf in Zukunft selbst abdecken zu können.

In der Energieindustrie wächst allerdings die Sorge vor Klagen als Folge von durch Fracking verursachten Schäden und strikteren Regulierungen, die auch die Kosten in die Höhe schnalzen ließen. „Die Unternehmen begreifen, dass es hier ein Problem gibt“, sagte der Sprecher des Interessenverbands Energy in Depth, Steve Everley, gegenüber dem „Wall Street Journal“ („WSJ“). In Texas wurden bereits im vergangenen Jahr einer Familie fast drei Millionen Dollar (2,8 Mio. Euro) Entschädigung von einem Fracking-Unternehmen zugesprochen. Sie hatten wegen Gesundheitsschäden als Folge des durch Fracking verunreinigten Grundwassers geklagt.

„Risiko nicht mehr versicherbar“

Inzwischen steht vor allem das wissenschaftlich nachgewiesen erhöhte Erdbebenrisiko durch Fracking im Mittelpunkt. Das große Ölunternehmen Continental Resources etwa sprach in seinem Jahresabschluss bereits von möglichen finanziellen Risiken, sollten Erdbeben zu strengeren Regulierungen führen. Gegenüber dem „WSJ“ verweigerte das Unternehmen aber jeden Kommentar.

Fracking

Im Boden eingelagertes Gas wird „gefrackt“, indem ein flüssiges Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in den Boden gepresst wird. Dadurch entstehen Risse im Gestein, durch die das Gas entweichen und über Bohrrohre an die Oberfläche gelangen kann. Umweltschützer befürchten eine Verunreinigung des Trinkwassers aufgrund der eingesetzten Chemikalien.

In Arkansas gab es einen Vergleich zwischen zwei Energieunternehmen und fünf Hauseigentümern, in Texas ist ebenfalls ein Verfahren wegen Erdbebenschäden anhängig. Im US-Bundesstaat Oklahoma landete ein Fall vor dem Obersten Gerichtshof. Die Klägerin Sandra Ladra wirft zwei Energieunternehmen vor, durch die Injektion von Abwasser in den Boden das Erdbeben in Oklahoma mit einer Stärke von 5,6 auf der Richterskala - und damit erhebliche Schäden - verursacht zu haben.

Sammelklage angestrebt

Das Bezirksgericht Oklahoma erklärte sich nicht für zuständig und wies den Fall zurück. Bob Gum, ein Rechtsvertreter von einem der beiden angeklagten Unternehmen, New Dominion LLC, hatte bei einer Anhörung vor Prozessen gewarnt. „Das gesetzliche Risiko für diese Prozesse wird nicht mehr versicherbar werden“, wird Gum im „WSJ“ zitiert. Vonseiten des zweiten angeklagten Unternehmens, Spess Oil Co., gab es gegenüber der Zeitung keinen weiteren Kommentar. Ähnlich argumentiert auch Kim Hatfield von der Ölvereinigung in Oklahoma (Oklahoma Independent Petroleum Association, OIPA): „Wenn ein Prozess erfolgreich weiterverfolgt wird, hätte das enorme Konsequenzen.“

Das Oberste Gericht in Oklahoma muss nun entscheiden, ob das Verfahren weiter vor Gericht ausgetragen wird oder ob die Beschwerde zuvor noch von der Aufsichtsbehörde gehört werden muss, bevor die Klage verfolgt werden kann. Wie auch immer das Gericht entscheidet - eine weitere Klage wurde bereits im Februar eingereicht. Jennifer Cooper, die ebenfalls von dem starken Erdbeben in Oklahoma 2011 betroffen war, strebt eine Sammelklage an.

Forscher weisen Zusammenhang nach

In US-Bundesstaaten mit starker Fracking-Aktivität wie Kansas, Arkansas, Ohio, Oklahoma und Texas gibt es immer wieder Mini-Erdbeben, die keinen Schaden verursachen. Diese schwachen Beben sind eine Folge des „Hydraulic Fracturing“, bei dem das Gestein in 1.000 bis 5.000 Metern Tiefe unter hohem Druck aufgebrochen wird. Erdbeben bis zur Stärke 3,0 auf der Richterskala werden kaum wahrgenommen.

Allerdings gab es allein im vergangenen Jahr mit 585 Erdbeben mit einer Stärke über 3,0 mehr Beben als in Oklahoma gesamt in den 30 Jahren zuvor. Ab dieser Stärke können auch Schäden entstehen. Mehrfach zeigten wissenschaftliche Untersuchungen einen Zusammenhang zwischen Fracking und verstärkten Beben in den betroffenen Gebieten. Erst Anfang des Jahres führten Forscher ein starkes Erdbeben in Ohio 2014 auf Fracking zurück - mehr dazu in science.ORF.at. Durch diese Gewinnung von Schieferöl und -gas können sich Zehntausende Jahre bestehende Spannungen im Gestein lösen und dadurch Beben auslösen.

USA gespalten

Obwohl sich die USA durch die Öl- und Gasgewinnung mit Fracking eine weitgehende Unabhängigkeit in Energiefragen erhoffen, ist das Land gespalten. Der Bundesstaat New York etwa verhängte ein Fracking-Verbot aufgrund möglicher Gefahren für die Gesundheit. In der texanischen Stadt Denton wurde nach einer Abstimmung in der Bevölkerung im Herbst vergangenen Jahres Fracking ebenfalls verboten, berichtete Reuters. Dieser Schritt ist allerdings eher von symbolischer Bedeutung, zählt Texas doch zu den größten Ölproduzenten in den USA.

Mitte März erließ US-Präsident Barack Obama nun erstmals Vorschriften für die Förderung von Schieferöl und -gas auf bundeseigenem Land. Die Sicherheitsvorkehrungen sollen künftig auf den rund 100.000 betroffenen Förderstätten durch Kontrolleure der US-Regierung überprüft werden. Außerdem müssen die Unternehmen die verwendeten Chemikalien öffentlich machen und detaillierte Informationen über die geologischen Bedingungen an den Bohrstellen vorlegen. Je strikter die Regulierung, desto teurer das Verfahren, fürchtet die Energieindustrie. Allerdings könnte sich das aufwendige Fracking auch bereits aufgrund des niedrigen Ölpreises nicht mehr rentieren.

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