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„Selbsthilfesets“ boomen

Schleichende Privatisierung, klaffende Finanzierungslücken und eine immer schlechter werdende Versorgung: Das Gesundheitswesen gilt als eine der größten Baustellen der britischen Regierung - und als dementsprechend heißes Wahlkampfthema. Mitten in dieses Thema platzen nun auch Medienberichte, wonach immer mehr Briten bei Zahnproblemen zur Selbsthilfe greifen.

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Wie der „Guardian“ am Wochenende berichtete, boomen „Selbsthilfesets“. In Onlineshops und auch in Drogerien würden um ein paar Pfund Instrumente und „temporäre“ Füllungen angeboten, die für den Fall der Fälle als kurzfristige Überbrückungen bis zum - auch auf der Packung empfohlenen - Zahnarztbesuch dienen sollen. Doch immer mehr Briten können sich den Zahnarztbesuch nicht leisten - und so werden die selbst gebastelten Provisorien zu Dauerlösungen.

Privatärzte teuer, „öffentliche“ überlaufen

Die Zahnarztmisere ist symptomatisch für die Probleme im britischen Gesundheitssystem. Prinzipiell gibt es zwei Arten von Praxen: Bei privaten Zahnärzten muss alles selbst bezahlt werden, für niedrigere Einkommensschichten sind diese Kosten zumeist zu hoch - auch wenn die regionalen Unterschiede enorm sind.

Bleiben noch die Zahnärzte des National Health Service (NHS). Abgesehen davon, dass viele davon nicht den besten Ruf genießen, ist auch die Versorgungsdichte gering. Viele Ärzte nehmen keine neuen Patienten mehr auf. Der „Daily Mirror“ illustrierte diese Problematik mit dem Horrorbeispiel eines Kriegsveteranen, der sich mit der Rohrzange 13 Zähne selbst zog, weil er keinen NHS-Zahnarzt finden konnte.

50 Pfund für eine Plombe

Bei den Kosten gibt es Unterschiede zwischen England, Wales, Schottland und Nordirland. Im dreistufigen englischen Modell etwa kosten die bloße Untersuchung und ärztlicher Ratschlag rund 19 Pfund (26 Euro), Plombieren und Wurzelbehandlungen 50 Pfund (68 Euro) und alles Aufwändigere wie Zahnersatz rund 220 Pfund (300 Euro). In Schottland und Nordirland sind die Preise genauer regelt, reine Untersuchungen sind dort auch gratis.

Prinzipiell gibt es eine Liste für Kostenbefreiungen: Für unter 18-Jährige, Schwangere, Jungmütter und Spitalspatienten ist die Behandlung ebenso kostenlos wie für die Bezieher von einigen speziellen Sozialleistungen. Doch das gilt nicht für alle Sozialhilfeempfänger, meinen Kritiker - und so komme es eben häufig vor, dass für Menschen mit sehr geringem Einkommen der Zahnarzt eine riesige finanzielle Hürde darstelle.

Soziale Kluft als Zahnlücke

Das soziale Problem ist augenscheinlich: Laut einer Studie des „Journal of Dental Research“ vom vergangenen Jahr haben arme Briten beim Erreichen des 70. Lebensjahres durchschnittlich um acht Zähne weniger als reiche. In der Stadt Bristol stellte man fest, dass Kinder aus ärmeren Haushalten signifikant schlechtere Zähne haben und dementsprechend öfter medizinische Hilfe brauchen.

Laut NHS waren fast 48 Prozent aller erwachsenen Engländer und rund 30 Prozent aller englischen Kinder seit zwei Jahren nicht beim Zahnarzt. In Schottland ist die Lage etwas besser, in Wales noch schlimmer.

Unterschiedliche Gründe

Die Gründe seien mannigfaltig, schreibt der „Guardian“. Manche könnten sich die Zahnarztkosten tatsächlich nicht leisten, etwa weil sie auch Strafen für verpasste Amts- oder Arzttermine begleichen müssten. Andere wiederum fänden keinen NHS-Arzt beziehungsweise bekämen dort keinen Termin. Und manche seien zu stolz zu zeigen, dass sie auf eine Gratisbehandlung angewiesen sind.

Das britische Gesundheitsministerium spricht bei sich selbst behandelnden Patienten von „Einzelfällen“. Dem widerspricht John Wildman, Professor für Gesundheitsökonomie an der Universität Newcastle, gegenüber dem „Guardian“. Die Behörden hätten ihre Zahlen nur von Umfragen und praktischen Ärzten. Die Personen, die es betreffe, würden dort aber gar nicht erfasst.

Und er verweist - wie auch ein Kommentator im „Independent“ darauf, das die Zahnproblematik die soziale Kluft noch vertieft: Menschen mit schlechten Zähnen hätten laut US-Studien schlechtere Berufschancen und auch bei der Partnersuche und beim Freundeskreis gebe es negative Auswirkungen - also bei den Fundamenten eines stabilen Lebens.

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