Themenüberblick

Politstar aus dem Norden

Nach dem verlorenen Unabhängigkeitsreferendum hat die Schottische Nationalpartei (SNP) bereits als nahezu todgeweiht gegolten. Doch nun trumpfen die Schotten groß auf: In Umfragen zur britischen Parlamentswahl liegt die SNP bereits an dritter Stelle. Aus den derzeit sechs Mandaten könnten 50 werden. Einen gehörigen Anteil daran hat die neue Parteichefin Nicola Sturgeon.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Zehn Jahre lang hatte Alex Salmond die Geschicke der Partei gelenkt, er war ob seiner recht angriffigen Art beliebt in Schottland - und ziemlich verhasst in England. Nach dem Referendum legte er, wie er es angekündigt hatte, sein Amt nieder, Sturgeon übernahm. Und das Image der SNP änderte sich rasant - mehr dazu in oe1.ORF.at

Siegerin in TV-Debatte

Vor allem mit der einzigen Wahldebatte im Fernsehen wurde Sturgeon quasi über Nacht allen ein Begriff: Sie ließ Labour-Chef Ed Miliband, der inhaltlich durchaus kompetent wirkte, blass aussehen. Premier David Cameron von den Konservativen stellte sie ohnehin in den Schatten. In einer YouGov-Umfrage lag Sturgeon bei der Frage, wer die Debatte gewonnen hat, landesweit voran. Google gab bekannt, dass von den sieben Teilnehmern die Chefin der Unabhängigkeitspartei am öftesten gesucht wurde. Und die Frage „Kann ich die SNP wählen?“ war die sechsthäufigste in Google getippte Frage des Abends.

Alle bekommen ihr Fett ab

Den Chef der europafeindlichen UKIP fertigte die Juristin mit einem Satz ab: „Es gibt nichts, wofür Nigel Farange nicht Ausländern die Schuld gibt.“ Auch die Regierung Camerons und des Liberaldemokraten Nick Clegg bekam ihr Fett ab: Es sei ironisch zu sehen, wenn die beiden jetzt streiten, hätten sie doch fünf Jahre gemeinsam den Menschen im Land ihre Austeritätsmaßnahmen verordnet. Miliband überholte sie lässig links, als sie sich gegen Studiengebühren aussprach: Sie selbst stamme aus einer Arbeiterfamilie und hätte sich ihr Studium nie leisten können - und diese Möglichkeiten wolle man der Jugend von heute vorenthalten?

Gegen den Elitezirkel

Neben diesem authentisch wirkenden Zugang punktet Sturgeon vor allem mit einer Tatsache: Sie kommt nicht aus den elitären Machtzirkeln, die derzeit die britische Politik bestimmen. Das „Old Boys“-Netzwerk in der Regierung müsse gebrochen werden, sagte sie wörtlich. Sie habe die „Old Boys“ in der Runde vernichtend geschlagen, sagte Salmond bei Sturgeons umjubelter Rückkehr nach Schottland. Salmond selbst kandidiert mit besten Aussichten für das Unterhaus und könnte für viel Unterhaltung in London sorgen.

Nicola Sturgeon bei Werbekampagne in Aberdeen

Reuters/Russell Cheyne

Sturgeon beim Wahlkampf in Aberdeen

Auch Sturgeons politische Marschroute nach der Wahl ist bereits klar: Sie will mit Leanne Wood, Chefin der walisischen Nationalisten (Plaid Cymru), und Natalie Bennett, Chefin der britischen Grünen, eine progressive Allianz bilden - wohl kein Zufall, dass sich die drei Frauen an Parteispitzen gefunden haben. Sturgeon kündigte auch an, Labour dabei zu unterstützen, Cameron als Premier zu verhindern.

Labour in der Zwickmühle

Labour wird die SNP zwar brauchen, will Miliband Regierungschef werden, allzu groß ist die Freude über den Aufstieg Sturgeons aber wohl nicht. Die Zugewinne der SNP werden vor allem auf Kosten der schottischen Labour-Abgeordneten gehen. Im März hatte Miliband noch versprochen, die SNP nicht ins Regierungsboot zu holen, insofern scheint die Variante einer Duldung derzeit am wahrscheinlichsten. Gewinnt die SNP aber tatsächlich zwischen 40 und 50 Sitze, könnten sie Lust auf mehr bekommen. Und Labour muss versuchen, nicht zu viel an die Schotten zu verlieren.

Das ist insofern nicht einfach, als ein Teil des linken Flügels der Partei aus der Bewunderung für Sturgeon kein Hehl macht: Gleich einige prominente Parteimitglieder twitterten am Abend der TV-Debatte, wie toll sie die schottische SNP-Chefin fanden. Und im labournahen Magazin „New Statesman“ hieß es: „Wie sehr muss sich Labour wünschen, Sturgeon hätte sich als junge Frau für sie und nicht für die SNP entschieden.“ Und im Titel des Textes wurde das noch gesteigert. Die Partei müsse sich wohl wünschen, sie als Parteichefin zu haben.

Torys sehen Miliband als Marionette

Die Torys und die ihnen zurechenbaren Blätter wiederum schießen sich auf die 44-Jährige ein: „Die gefährlichste Frau Großbritanniens“, hieß es in einem Kommentar im „Telegraph“. Und der Boulevard versucht ganz nach Yellowpress-Tradition, Dinge in Sturgeons Leben zu finden, mit denen man sie anpatzen kann. Die Torys selbst setzen mittlerweile auf die Strategie, nicht die Schottin, sondern Miliband anzugreifen. Er wäre eine Marionette in den Händen einer Nationalistin und könnte nur von ihren Gnaden Premier werden, so die Botschaft. Illustriert wird das mit einem Mini-Miliband, der aus Sturgeons roter Blazertasche herauslugen darf.

Links: