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Anhörung vor Gericht am Freitag

Wenige Tage nach dem bisher schwersten Flüchtlingsunglück im Mittelmeer mit vermutlich rund 800 Todesopfern werden Details bekannt, wie es zu der Katastrophe gekommen ist. So soll der bereits verhaftete 27-jährige Kapitän des Flüchtlingsschiffs betrunken gewesen sein und seit der Abfahrt in Libyen Haschisch geraucht haben. Das berichteten Überlebende des Unglücks.

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Der Zustand des Kapitäns habe zu dem falschen Manöver und zur folgenden Kollision des Flüchtlingsschiffs mit einem portugiesischen Handelsschiff geführt. Dieses war dem Notruf der Flüchtlinge gefolgt und wollte helfen. Nach dem Zusammenstoß der beiden Schiffe sei an Bord des Flüchtlingsschiffs Panik ausgebrochen, und das überladene Schiff kippte um, erzählten Zeugen des Unglücks. Offenbar wollte sich der 27-Jährige verstecken. Den Kapitän des Handelsschiffs treffe keine Schuld, so die sizilianischen Ermittler.

Der Kapitän Mohammed Ali Malek und der syrische Seemann Mahmud Bikhit

APA/AP/Alessandra Tarantino

Der 27-jährige Kapitän (2. v. l.) und ein Besatzungsmitglied sind in Haft

Vorwurf des Totschlags und der Freiheitsberaubung

Der tunesische Kapitän und ein Syrer wurden bereits in der Nacht auf Dienstag festgenommen. Dem Kapitän werden vielfacher Totschlag, Verursachen eines Schiffsuntergangs und Beihilfe zur illegalen Einwanderung vorgeworfen. Gegen den 25-jährigen Syrer wird wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung ermittelt. Er bestritt, dass er Besatzungsmitglied gewesen sei: Er habe wie alle anderen für die Überfahrt gezahlt, sagte er am Mittwoch gegenüber den Ermittlern.

Am Mittwoch erweiterte die Staatsanwaltschaft ihre Vorwürfe. Dem Kapitän wird nun auch Freiheitsberaubung vorgeworfen, nachdem Zeugen berichtet hatten, dass Menschen im Laderaum des völlig überladenen Schiffes eingeschlossen gewesen seien. Erschwerend komme hinzu, dass auch Minderjährige davon betroffen gewesen seien, erklärte die Staatsanwaltschaft. Am Freitag findet die erste Anhörung vor Gericht statt.

Berichte von Misshandlung durch Schlepper

Überlebende des Unglücks erzählten, dass Schlepperbanden geplant hatten, 1.200 Menschen an Bord unterzubringen: „Sie schlugen uns, um so viele Menschen wie möglich ins Boot zu bringen. Am Schluss waren wir 800 an Bord. Die meisten waren im Lagerraum eingeschlossen. Nach der Kollision bin ich ins Wasser gefallen, wo ich eine halbe Stunde lang warten musste, bis man mir ein Seil zugeworfen hat“, berichtete ein 16-jähriger Somalier. Er konnte sich mit weiteren drei Minderjährigen retten.

Noch vor Antritt der Reise über das Meer waren sie den Angaben der Flüchtlinge zufolge einen Monat gefangen gehalten. „Wir wurden geschlagen und bekamen kaum zu essen. Wer erkrankte, wurde sich selbst überlassen. Ich habe viele Personen sterben sehen“, sagte der Somalier. Er selbst wartete neun Monate in Tripolis, bevor er die Reise in Angriff nahm. Nun will er versuchen, nach Norwegen zu reisen.

Unfassbare Brutalität

Die Staatsanwaltschaft in Catania bestätigte die Berichte am Donnerstag. Demnach erzählten einige der Überlebenden, die Menschenschmuggler hätten noch auf dem libyschen Festland mehrere Menschen zu Tode geprügelt und mindestens einen Minderjährigen exekutiert. Laut den Ermittlern sagten die Überlebenden aus, 1.000 bis 1.200 Menschen seien vor der Abfahrt des Schiffes in einem leer stehenden Gebäude nahe der libyschen Hauptstadt Tripolis festgehalten worden, wo mehrere uniformierte und bewaffnete Männer ein regelrechtes Terrorregime über sie ausgeübt hätten.

Jeder, der sich nicht an die Anweisungen der möglicherweise der libyschen Polizei angehörenden Männer gehalten habe, sei mit Knüppeln verprügelt worden, mehrfach mit tödlichem Ausgang, erzählten die Flüchtlinge den Ermittlern. Andere seien an Krankheit oder Erschöpfung gestorben. Vor der Abfahrt wurden die Flüchtlinge mit einem Lastwagen zur Küste gebracht, wo die Uniformierten offenbar von der Schiffsbesatzung bei der Übergabe Geld ausgezahlt bekamen.

Mit Schlauchbooten wurden die Migranten anschließend zu dem wartenden Fischtrawler gebracht. Ein Jugendlicher, der unaufgefordert in eines der Schlauchboote geklettert war, sei von den Schleusern getötet und seine Leiche über Bord geworfen worden, berichtete einer der Überlebenden.

Überfahrt in drei Kategorien verkauft

Laut den Ermittlern zahlten die Flüchtlinge zwischen 1.000 libysche Dinar (630 Euro) und umgerechnet 6.500 Euro für die Überfahrt. Am Schiff angekommen, wurden diejenigen, die weniger gezahlt hatten, in den Laderaum oder die Unterdecks geschickt, die anderen durften weiter oben Platz nehmen. Die Staatsanwaltschaft gab die Zahl der Menschen an Bord nach Auswertung der Aussagen mit mindestens 750 an.

Abdirizzak, ein Jugendlicher aus Bangladesch, sagte der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“ (Mittwoch-Ausgabe), dass die Schlepper den Flüchtlingen Plätze in drei verschiedenen Kategorien verkauft hätten. „Wer am wenigsten Geld hatte, wurde in den Laderaum im unteren Teil gestopft und eingeschlossen“, wurde er zitiert. „Wir waren im mittleren Teil, und nur wer mehr bezahlte, war oben“, fügte der Jugendliche hinzu.

Bericht von Zusammenstoß mit Frachter

Beim Zusammenstoß der beiden Schiffe in der Dunkelheit sei Panik ausgebrochen, sagte Abdirizzak. „Alle haben vor Angst geschrien, gedrängelt und um sich geschlagen, unten schrien die Eingeschlossenen um Hilfe“, schilderte er. Er wisse selbst nicht, wie es ihm und einigen anderen gelungen sei, kurz vor dem Sinken vom Schiff wegzuschwimmen.

Ein anderer Überlebender aus Bangladesch sagte dem britischen „Daily Telegraph“, dass das Flüchtlingsschiff dreimal mit dem Frachter zusammengestoßen sei. „Die Menschen waren in Panik und rannten auf eine Seite - das hat uns zum Kentern gebracht“, wurde der 17-jährige Riajul zitiert. Viele der afrikanischen Flüchtlinge hätten nicht schwimmen können.

Opferzahl stark gestiegen

Die Geretteten seien „tief traumatisiert“, sagte die Sprecherin des UNO-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) in Italien, Carlotta Sami. An Bord seien vor allem junge Männer gewesen, aber auch mehrere Kinder zwischen zehn und zwölf Jahren. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) stieg die Zahl der Toten im Mittelmeer seit Beginn des Jahres auf über 1.750. Im selben Zeitraum 2014 habe es 56 Opfer gegeben. Die Zahl 2015 sei daher schon jetzt 30-mal höher. Und die Zahl der Flüchtlinge, die die Überfahrt nach Europa antreten, steigt: Allein am Montag und Dienstag griff die italienische Küstenwache über tausend Flüchtlinge im Mittelmeer auf.

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