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Viel Elend für den Glanz

So sehr im Zuge des Jubiläums 150 Jahre Ringstraße der Glanz des imperialen Wien strahlt, so düster sind die Hintergründe zur baulichen Entstehung. Auf den Baustellen und vor allem in den Ziegelwerken schufteten Arbeiter aus den Kronländern um einen Hungerlohn. Den Ausgebeuteten hat Wien weitaus mehr zu verdanken als die Prachtbauten entlang des Rings.

Gemessen an der Bevölkerungszusammensetzung bildete das Wien der Jahrhundertwende die zweitgrößte tschechische Stadt überhaupt. Von etwa 1,6 Millionen Einwohnern stammten rund 400.000 aus den Kronländern Böhmen und Mähren.

Der rege Zuzug begann wenige Jahrzehnte zuvor und stand im direkten Zusammenhang mit der Errichtung der Ringstraße. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts zog es jährlich Zehntausende in das baulich prosperierende Wien - in der Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben. Und auch wenn die meisten tatsächlich Arbeit fanden, blieb alles andere eine Illusion.

„Ziegelböhm“ und „Sandler“

Die böhmischen Zuwanderer arbeiteten nicht nur auf den Großbaustellen entlang der 5,2 Kilometer langen Ringstraße. Der Großteil von ihnen war damit beschäftigt, den Rohstoff für all den gemauerten Prunk herzustellen, was ihnen bald einen wenig schmeichelhaften Beinamen in Bezug auf ihre Herkunft einbrachte: die „Ziegelböhm“.

Sie verrichteten Tätigkeiten, die keiner beruflichen Qualifikation bedurften. Vor allem jene, die für die Präparierung der Ziegelformen zuständig waren, indem sie Sand in die Formen streuten, damit der Lehm nicht haften bleibt, bildeten das unterste Ende der sozialen Hierarchie. Die meisten hatten keine feste Unterkunft. Auch für sie war schnell ein Name parat: Sie wurden „Sandler“ genannt.

Vorläufer der Wienerberger AG

Die Ziegelwerke lagen für die Wiener Gesellschaft unsichtbar, südlich der Stadt am Wienerberg und bei Wiener Neudorf. Dort wurde täglich in 15-Stunden-Schichten geschuftet. Einer der großen Profiteure dieser Ausbeutung war der Ziegelfabrikant Heinrich Drasche, der sich vis a vis der Staatsoper mit dem von Theophil Hansen entworfenen Heinrichshof ein im Stadtbild zentral verankertes bauliches Denkmal setzen ließ, das im Zweiten Weltkrieg zerbombt wurde.

Rund um die Ziegelwerke spielte sich das Elend ab, das in der Folge umso größer wurde, als Drasche seine Fabriken verkaufte und der Industriebetrieb damit zu einer Aktiengesellschaft wurde, was den Profitdruck und damit die Ausbeutung der Arbeiter erhöhte. Rechtsnachfolger ist heute die Wienerberger AG – der größte Ziegelproduzent weltweit.

Ein Prater für die Böhmen

Die Ausbeutung der Arbeiter ging so weit, dass die Löhne nicht in Geld, sondern in Form von Blechmarken ausbezahlt wurden, die nur in den betriebseigenen Kantinen in Nahrungsmittel getauscht werden konnten – das Trucksystem, das im Zuge des Manchester-Liberalismus aufkam. Hauptnahrungsmittel waren damals Brot, Suppe, Bier und Branntwein.

Auch am Laaer Berg befand sich eine solche Werkskantine. Rund um diese Kantine entwickelte sich bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Vergnügungs- und Zechmeile für die geschundenen Arbeiter. Der Böhmische Prater existiert heute noch und gilt mit seinen historischen Fahrgeschäften als museales Pendant zum Wurstelprater.

Die Küche der Knechtschaft

Der rege Zuzug von damals prägt die Kultur Wiens in vielen Zusammenhängen. Ein Blick ins Wiener Telefonbuch dient dabei ebenso als Beweisführung wie der Wiener Dialekt. All die Novaks, Veselys und Dvoraks gehen ebenso auf die damalige Zuwanderung zurück wie so mancher umgangssprachliche Ausdruck. Das Barabern, das Verrichten niederer Tätigkeiten, entstammt dem Tschechischen: Poroba bedeutet Knechtschaft. Und weil es die männlichen Arbeitssuchenden auch in Begleitung ihrer Frauen nach Wien zog, hinterließen diese auch ihre Spuren.

Sofern sie nicht als „Maltaweiber“ auf den Baustellen mörtelmischend schwer arbeiteten, waren sie als dienendes Personal für Adel und Bürgertum tätig. Der böhmische Einschlag der Wiener Küche geht auf diese ausbeuterische Form des Kulturtransfers zurück und brachte Golatschen, Knödel und Co.

Die Geburt der Arbeiterpartei

Und es waren nicht nur Menschen aus Böhmen und Mähren, die es im Zuge des Ringstraßen-Baus nach Wien zog. Insbesondere bei der Errichtung des Wiener Rathauses und der Votivkirche kamen Arbeiter aus dem Friaul und der Provinz Belluno zum Einsatz – besonders arme Regionen der Habsburger-Monarchie. Im Gegensatz zu den Böhmen haben sie in Wien keine Spuren hinterlassen. Sie kehrten nach Ende der Bautätigkeit in ihre Heimat zurück.

Erste Verbesserungen für die geknechtete Arbeiterschaft ergaben sich erst gegen Ende der 1880er Jahre. Es war der Arzt und spätere Begründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, Victor Adler, dem das Elend auffiel und der zunächst begann, die Arbeiter gratis zu behandeln. In der Folge befasste er sich näher mit den Lebensumständen der Ziegelarbeiter. Adler verfasste investigative Reportagen. Damit lenkte er die nötige Aufmerksamkeit auf die Missstände. Schrittweise kam es zu Verbesserungen, wie der Abschaffung des Trucksystems. Mit dem Streik des Jahres 1895 erkämpften die Ziegelarbeiter nicht nur den Elf-Stunden-Arbeitstag und ungleich höhere Entlohnung, auch wurde der Sonntag zum arbeitsfreien Tag ausgerufen.

Johannes Luxner, ORF.at